Die Welt leuchtet zunehmend. Auch Deutschland. Auch Stockach. Und wie in zahlreichen anderen Städten und Gemeinden löst dieses Thema auch hier Diskussionen darüber aus, inwiefern eine immer stärkere Intensität des Lichts und eine immer größere beleuchtete Fläche bei Nacht sinnvoll ist.

So beklagt Wilfried Striffler, Einwohner von Seelfingen, dass mit der Einführung einer durchgehenden nächtlichen Beleuchtung der Sternenhimmel verschwand; Sabrina Molkenthin, Leiterin des Umweltzentrums, sieht durch das intensivere Licht die Artenvielfalt gefährdet; und Gerhard Buchstab, Leiter des Stockacher Polizeireviers, sagt, dass eine bessere Straßenbeleuchtung mehr Sicherheit schafft (siehe Texte unten).

Von Jahr zu Jahr wird mit Beleuchtung für hellere Nächte gesorgt

Dass die Nächte heller werden – in den wirtschaftlich starken Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg zwischen 2012 und 2017 um durchschnittlich mehr als ein Prozent pro Jahr -, stellten Forscher des Deutschen Geozentrums in Potsdam in einer Studie fest.

Ein Grund hierfür sei der Umstieg vieler Städte und Kommunen auf LED-Lichter. Diese sparen zwar einerseits Strom und somit Kosten, sind dadurch also klimafreundlicher. Sie leuchten jedoch häufig intensiver, und das mitunter die ganze Nacht.

In Stockach ist die Umrüstung seit Jahren im Gange. Hier stehen rund 3500 Straßenlaternen, die Licht in die Dunkelheit bringen sollen, darunter überwiegend ältere Modelle mit Natrium- und Quecksilberdampf-Leuchten, die seit 2015 gemäß einer EU-Richtlinie nicht mehr in den Markt gebracht werden dürfen.

Diese Vorteile sehen die Stadtwerke bei der LED-Beleuchtung

Etwa 15 Prozent von ihnen – rund 525 Lampen – stellten die Stadtwerke Stockach in den vergangenen Jahren bereits auf moderne LED-Technik um. Das sagt Tobias Graf, Bereichsleiter Technik der Stadtwerke für Strom. Und die Umrüstung soll weiter gehen. 100.000 Euro sind 2018 im Stockacher Vermögenshaushalt vorhergesehen.

Für Graf besitzt diese neue LED-Technik vor allem Vorteile: "Die Umstellung bringt eine bessere Ausleuchtung, Ersparnisse im Stromverbrauch, eine längere Lebensdauer und ist zudem umweltfreundlicher." Und tatsächlich können hierdurch die Kosten deutlich reduziert werden: So spart der Einsatz einer einzigen LED-Leuchte gegenüber einer Quecksilberdampfleuchte rund 220 Euro pro Jahr.

"An Wirtschaftlichkeit und Lichtverschmutzung aber ist nichts gewonnen, wenn beim Austausch durch LED-Lampen nicht auch darauf geachtet wird, dass die Beleuchtungsleistung insgesamt nicht zunimmt", sagt Graf. Dennoch habe sich die Gesamtzahl der Straßenlaternen in Stockach in den letzten Jahren "kontinuierlich gesteigert", so Graf weiter.

Der Verbrauch der Lampen soll durch Leistungsreduktion gesenkt werden

In Kreuzungsbereichen und an gefährlichen Stellen ist die Beleuchtung bei Dunkelheit dauerhaft aktiviert. "Und dazwischenliegende Wohngebiete und Straßenzüge sind abwechselnd die ganze und die halbe Nacht eingeschaltet", sagt Graf. Mit einer nächtlichen Leistungsreduktion auf 70 Prozent versuchen die Stadtwerke deshalb, den Verbrauch der Lampen, die auch zwischen 0 Uhr und 5 Uhr leuchten, zu reduzieren.

Intelligente Systeme, wie sie in manchen Städten bereits zum Einsatz kommen und die nur jene Laternen aktivieren, unter denen gerade ein Fußgänger geht, spielen in Stockach noch keine Rolle. "Die sind wirtschaftlich und perspektivisch für eine kommunikativ vernetzte Stadt durchaus sinnvoll", sagt Graf. Für Stockach sei ein solches System aber bisher nicht vorgesehen.
 

Diese Meinungen haben Bürger, Polizei und Umweltschutz zum Thema

Wilfried Striffler sieht gerne den Sternenhimmel. Die nächtliche Helligkeit stört ihn. | Bild: Lukas Reinhardt

"Laternen mindern meine Lebensqualität"

  • Wilfried Striffler, Bewohner von Seelfingen, ist verärgert: Ihm fehlt etwas, wenn er spät nachts aus dem Fenster blickt: „Der Sternenhimmel ist nicht mehr sichtbar, seitdem die Straßenlampen von der Abenddämmerung bis ins Morgengrauen leuchten – die ganze Nacht hindurch“, sagt er. Das natürliche Licht habe da keine Chance. Dabei lebt Striffler direkt am Rande des Stockacher Ortsteils. Seit der Ortschaftsrat hier vor rund zwei Monaten in einer Sitzung beschlossen hat, sich eine Genehmigung bei der Verwaltung einzuholen, leuchten punktuell einige Laternen die ganze Nacht hindurch – also auch von 1 Uhr bis 5 Uhr, die Zeit, in der in ganz Seelfingen normalerweise die Lichter ausgingen.Eine Bürgerversammlung gab es hierfür nicht, das bestätigt auch Ortsvorsteher Herbert Rebstein. In einer Nebenstraße in Seelfingen gelegen, blickt der Rücken des Hauses von Wilfried Striffler dem noch dunklen Wald entgegen, während die Front in Richtung einer gelborange erleuchteten Straße zeigt. „Und direkt vor der Tür, da stehen hohe Laternenmasten“, sagt Striffler und fügt hinzu: „Mittlerweile muss man die Rollos runterlassen, sich einsperren und einschließen, um Dunkelheit zu erfahren.“ Für ihn eine Belastung. Denn er, der auf dem Dorf geboren und aufgewachsen ist, ist eigentlich genau deshalb dort geblieben: wegen der Dunkelheit. „Genau die ist doch eigentlich auch eine Qualität des Dorfes gegenüber der Stadt“, sagt Striffler, doch er ergänzt: „Wenn es die Mehrheit der Gemeinde so wünscht, dann füge ich mich am Ende gerne.“
Gerhard Buchstab leitet das Stockacher Polizeirevier. | Bild: Lukas Reinhardt

"Straßenbeleuchtung sorgt für Sicherheit"

  • Für Gerhard Buchstab, Leiter des Polizeireviers Stockach, steht fest: Straßenlaternen schaffen in der nächtlichen Dunkelheit mehr Sicherheit. „Eine entsprechende Beleuchtung sorgt auf einsamen Wegen zumindest für ein stärkeres Sicherheitsgefühl bei Fußgängern und Fußgängerinnen“, so Buchstab. Ob das am Ende Einfluss auf potenzielle Täter habe, wisse er nicht: „Wir erfahren natürlich nicht, wenn Kriminelle aufgrund der Beleuchtung keine Straftaten begehen.“ Dennoch sei anzunehmen, dass Täter das Licht scheuen. Ein weiterer Aspekt ist für den Revierleiter die Verkehrssicherheit innerhalb geschlossener Ortschaften: „Durch eine entsprechende Beleuchtung können bei Dunkelheit vorhandene Gefahrenstellen besonders hervorgehoben werden – in Kreuzungsbereichen beispielsweise oder bei Fußgängerüberwegen.“ Auch eine bessere Verkehrsleitung an viel befahrenen Verkehrsadern sei so die ganze Nacht hindurch möglich. „Außerdem ist die Sicherheit der Fußgänger, die ohne Beleuchtung nur schwer sichtbar sind, ein wichtiger Punkt“, sagt Buchstab. Einseitig möchte er das Thema Straßenbeleuchtung allerdings nicht betrachten. „Es existiert natürlich ein Spannungsfeld zwischen der Sicherheit, die erreicht wird, auf der einen Seite und der Ökologie, die wünschenswert ist, auf der anderen“, sagt Buchstab. Alternativen wie intelligente Systeme, die nur jene Laternen einschalten, unter denen gerade ein Fußgänger läuft oder ein Radfahrer fährt, lehnt Buchstab nicht grundsätzlich ab. „Die Frage ist aber, ob Fußgänger eine solche zunächst unbeleuchtete Straße überhaupt nutzen.“
Sabrina Molkenthin ist Leiterin des Umweltzentrums Stockach. | Bild: Lukas Reinhardt

"Nächtliches Licht stört das Ökosystem"

  • Sabrina Molkenthin, Leiterin des Umweltzentrums Stockach (UZ), ist sich sicher: Eine zu intensive nächtliche Straßenbeleuchtung bringt das Ökosystem durcheinander. „Für Insekten, denen natürliche Lichtquellen als Orientierung dienen, sind Laternen häufig eine tödliche Falle“, sagt sie. Denn die, so die Naturschützerin weiter, wirken wie ein Staubsauger und ziehen vor allem empfindliche Falter an. Die flattern, gebannt vom künstlichen Licht, um die leuchtenden Lampen, bis sie schließlich erschöpft zu Boden sinken – und somit zur leichten Beute ihrer Fressfeinde werden. „Wenn man das aktuelle Insektensterben ganzheitlich betrachtet, dann ist die Lichtverschmutzung bei Nacht ein Faktor davon“, sagt Molkenthin. Und das nächtliche Sterben, so fügt sie an, habe ebenso Auswirkungen auf die lokale Landwirtschaft: „Die Obstbauern haben auch deshalb Probleme, weil Nachtfalter einen beachtlichen Teil an der Blütenbestäubung übernehmen.“ Aber nicht nur Insekten leiden darunter, wenn die Dunkelheit verschwindet. Betroffen seien beinahe alle nachtaktiven Tiere, darunter Zugvögel und Fledermäuse. Dennoch ist Stockach, was die nächtliche Beleuchtung betrifft, im Vergleich zu großen Metropolen ihrer Meinung nach harmlos: „Man muss aber auch hier sehen, wo beleuchtete Bereiche überhaupt nötig sind und wo nicht.“ Den Umstieg auf energiesparende Beleuchtungs-Varianten befürwortet sie grundsätzlich, kritisiert aber: „Wenn dafür immer mehr Laternen leuchten, ist am Ende nichts gespart.“