Seit etwa 15 Jahren existiert der Zirkus Mulan, der bis Sonntag, 24. März, Vorstellungen in Stockach gibt. Gegründet wurde das Unternehmen von den Inhabern David und Jacqueline Köllner aus Nordrhein-Westfalen. Beide stammen von Zirkusfamilien ab und sind mit dem Artistenleben groß geworden. Auch ihre vier Kinder kennen nichts anderes als den Zirkusalltag, der sie beinahe jede Woche an einen anderen Ort führt.

Die Familie Köllner lebt in Wohnwagen rund um das Zirkuszelt.
Die Familie Köllner lebt in Wohnwagen rund um das Zirkuszelt. | Bild: Marinovic, Laura

Die 25-jährige Sabrina ist die Tochter von David und Jacqueline Köllner. Sie behält den Zirkus an diesem Tag im Auge, während ihre Eltern bereits wieder unterwegs sind, um nach dem nächsten Standort zu sehen. Zu Beginn jedes Jahres legt die Familie Köllner die Route ihrer Tournee fest, die sie in diesem Jahr quer durch Bayern und Baden-Württemberg führt. "Das ist gar nicht so einfach", erklärt Sabrina Köllner. Es müssten Plätze gefunden werden, auf denen das Zelt und die Koppeln für die Tiere ohne Probleme aufgebaut werden können.

Sabrina Köllner zeigt den Wohnwagen mit Küche und Esstisch. Hier trifft sich die Familie, um einen Plan für den kommenden Tag zu entwerfen.
Sabrina Köllner zeigt den Wohnwagen mit Küche und Esstisch. Hier trifft sich die Familie, um einen Plan für den kommenden Tag zu entwerfen. | Bild: Marinovic, Laura

Aber auch, wenn der Zirkus bereits längst unterwegs ist, ist die Planung nicht abgeschlossen. Jeder Tag beginnt für die Artisten um sieben Uhr. In ihrem zentralen Wohnwagen, der Küche und Esstisch enthält, setzen sich die Mitglieder dann zusammen und legen fest, wer von ihnen welche Aufgabe übernimmt. Streitigkeiten gäbe es fast nie. "Man weiß, man muss als Team und Familie funktionieren", erklärt Sabrina Köllner. Es sei daher kein Problem, jeden Tag von morgens bis abends mit den Eltern und Geschwistern zusammen zu arbeiten: "Wir sind ganz anders zusammengeschweißt. Es ist schön, wenn man den ganzen Tag mit der Familie zusammen ist."

Wenn sie nicht gerade draußen auf den Koppeln stehen, sind die 30 Tiere des ZirKus Mulan in einem eigenen Zelt untergebracht.
Wenn sie nicht gerade draußen auf den Koppeln stehen, sind die 30 Tiere des ZirKus Mulan in einem eigenen Zelt untergebracht. | Bild: Marinovic, Laura

Bis zum Abend müssen die 30 Tiere des Zirkus' versorgt werden. Jede Stunde wird kontrolliert, ob sie die Wassereimer nicht versehentlich umgestoßen haben, außerdem werden Esel, Pferde, Lamas und Kamele von ihrem als Stall eingesetzten Zelt auf die Koppeln gebracht und umgekehrt. Zusätzlich muss das Zelt für die nächste Vorstellung geputzt und aufgeräumt und Flyer und Plakate verteilt werden. Sabrina Köllners jüngere Geschwister besuchen zeitgleich die örtlichen Schulen und erhalten Unterricht über eine Fernschule. Wenn viel zu tun ist, sind die Erwachsenen manchmal auch bis in die Nacht hinein unterwegs. "Es ist natürlich anstrengend", sagt Sabrina Köllner. "Aber das ist alles vergessen, wenn wir sehen, dass sich die Arbeit lohnt und unsere Gäste sich freuen."

Das Zirkuszelt muss jeden Tag für die nächste Vorstellung auf Vordermann gebracht werden.
Das Zirkuszelt muss jeden Tag für die nächste Vorstellung auf Vordermann gebracht werden. | Bild: Marinovic, Laura

Eine Woche bleibt der Circus Mulan normalerweise an einem Standort, bevor Zelt und Requisiten verpackt und am nächsten Ort wieder aufgebaut werden. Von Montag bis Mittwoch bauen die Artisten dann alles auf und bereiten die Auftritte vor, bevor von Donnerstag bis Sonntag jeden Tag eine rund zwei Stunden lange Vorstellung stattfindet. Der Aufenthalt in Stockach ist eine Ausnahme – da der Zirkus hier zwei Wochen lang Halt macht, gönnen sich die Artisten zwischendrin auch zwei spielfreie Tage.

Auch die Tiere müssen trainiert werden. Hier führt Leroy Köllner das Lama Hansi durch die Manege, damit später jeder Tritt sitzt.
Auch die Tiere müssen trainiert werden. Hier führt Leroy Köllner das Lama Hansi durch die Manege, damit später jeder Tritt sitzt. | Bild: Marinovic, Laura

Zu den anstehenden Aufgaben gehört auch das regelmäßige Training. Etwa eine bis eineinhalb Stunden pro Tag üben die Artisten für ihre Auftritte. Anders ist das, wenn jeden Winter ein neues Programm erstellt wird, damit die Zuschauer sich nicht langweilen. Dann werden neue Artisten angeheuert, "aber auch wir müssen jedes Jahr etwas Neues lernen", sagt Sabrina Köllner. Bis jeder Handgriff einer neuen Show sitzt, stehen dann für mehrere Wochen zwei bis drei Stunden Training auf dem Plan. Und das ist auch nötig: "Auch wenn man schon vieles kann, so etwas lernt man nicht von heute auf morgen", so Köllner.

Jeden Tag übt Sabrina Köllner für ihre Auftritte – hier mit ihren Hula-Hoop-Reifen.
Jeden Tag übt Sabrina Köllner für ihre Auftritte – hier mit ihren Hula-Hoop-Reifen. | Bild: Marinovic, Laura

Die Zirkuskinder beginnen früh, zu Artisten zu werden. Mit ungefähr sechs Jahren sei sie das erste Mal in der Manege gestanden, erzählt Sabrina Köllner. Damals trat sie als Clown im Zirkus ihrer Großeltern auf, heute hat sie eine Hula Hoop-Nummer und steht als Seiltänzerin im Scheinwerferlicht. Trotz ihrer Erfahrung bleibt ein wenig Nervosität vor den Auftritten: "Man hat Lampenfieber. Ich glaube, das hört nie auf." Dennoch möchte sie auf den Zirkus nicht verzichten. "Wenn man einmal in der Manege stand, kommt man davon nie wieder los", sagt sie. Dafür mache es zu viel Spaß, für das Publikum eine Show auf die Beine zu stellen.

Der elfjährige Leroy Köllner teilt sich seinen Wohnwagen mit seinem zwölfjährigen Bruder Jason.
Der elfjährige Leroy Köllner teilt sich seinen Wohnwagen mit seinem zwölfjährigen Bruder Jason. | Bild: Marinovic, Laura

Dank gut ausgestatteter Wohnwagen muss die Familie Köllner in ihrem Zirkusleben auf nichts verzichten. Neben Küche und Esszimmer verfügen diese auch über eine Waschmaschine, außerdem haben Kinder und Eltern jeweils eigene Wagen mit Schlafzimmer und Bad. Auch die übrigen Artisten leben in gesonderten Unterkünften. "Es ist wie ein Haus auf Rädern", sagt Sabrina Köllner.

Das als Stall dienende zweite Zelt des Zirkus Mulan verfügt auch über einen kleinen Auslauf. Daneben stehen den Tieren Koppeln zur Verfügung, die die Artisten an jedem Aufenthaltsort aufbauen.
Das als Stall dienende zweite Zelt des Zirkus Mulan verfügt auch über einen kleinen Auslauf. Daneben stehen den Tieren Koppeln zur Verfügung, die die Artisten an jedem Aufenthaltsort aufbauen. | Bild: Marinovic, Laura

Sieben Tage in der Woche ist die Familie Köllner mit ihrem Zirkus beschäftigt – und das das ganze Jahr über. "Eine Pause haben wir nie", erklärt Sabrina Köllner. Im Winter steht zwar immer einige Wochen lang kein Auftritt auf dem Plan. Da ab Mitte Dezember jedoch bereits wieder ihr Weihnachtszirkus startet, verbringen sie die Zeit damit, sich bereits vor Ort auf die Show vorzubereiten. Und auch dann müssen die Tiere versorgt, das Zelt dekoriert und Werbung gemacht werden. Nach dem Weihnachtszirkus geht dann schon wieder die nächste Tournee los. "Und das Jahr für Jahr." Zeit für Urlaub bleibt nicht.

Vor ihren Auftritten müssen die Artisten sowohl sich, als auch die Tiere vorbereiten – so wie hier Sabrina Köllner (links) und Zirkusdirektorin Jacqueline Köllner mit ihren beiden Steppenkamelen und einem ihrer Pferde.
Vor ihren Auftritten müssen die Artisten sowohl sich, als auch die Tiere vorbereiten – so wie hier Sabrina Köllner (links) und Zirkusdirektorin Jacqueline Köllner mit ihren beiden Steppenkamelen und einem ihrer Pferde. | Bild: Marinovic, Laura

Dennoch möchte Sabrina Köllner ihr Leben nicht missen. Sie brauche keinen Urlaub, um glücklich zu sein. Das ganze Jahr über habe sie die Möglichkeit, neue Orte zu entdecken. "Man lernt jede Woche andere Leute kennen", schwärmt sie. Dass der Zirkus nie lange an einer Stelle bleibe, sei kein Problem. "Wir sind überall da zuhause, wo unser Zelt für eine Woche steht." Soziale Medien machen es außerdem einfach, mit Bekannten in Kontakt zu bleiben. Ihr Leben gegen ein gewöhnliches auszutauschen, kommt Sabrina Köllner daher nicht in den Sinn: "Auf gar keinen Fall", sagt sie entschieden. "Es ist ein Abenteuerleben. Man könnte sich gar nichts anderes vorstellen."

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