Auf seinem Schreibtisch breitet Gerd Stiefel Kopien von Dokumenten in Fraktur-Schrift und Pläne der Städte Konstanz und Bologna aus. Diese und andere schriftliche Quellen aus dem 19. Jahrhundert hat der Leitende Kriminaldirektor aus Stockach in den vergangenen Jahren in unzähligen Archiven aufgestöbert.

Sie bildeten die Grundlage für den zweiten Roman des 59-Jährigen mit dem Titel „Via Bologna“. Gerd Stiefel zeichnet darin die Flucht des Jakob Egle nach, der 1843 einen Bauern am Edelberg bei Hermannsdorf (Burladingen) brutal erschlagen hatte. Der Bauer war Johannes Stiefel – der Urururgroßvater von Gerd Stiefel.

Bereits Gerd Stiefels erster, 2011 erschienene Roman „Stiefels Stein“ basierte auf einem Mord – dem an Friedrich Stiefel, Enkel von Johannes Stiefel und Urgroßvater von Gerd Stiefel. 50 Jahre nachdem sein Großvater erschlagen worden war, ereilte Friedrich Stiefel das gleiche Schicksal: 1893 fiel er einem Raubmord zum Opfer.

Nur rund zwei Kilometer Luftlinie trennen die Orte voneinander, an denen Gerd Stiefels Vorväter ihre Leben lassen mussten. Beide Morde waren in seiner Familie häufig Thema: „Alles, was dazu erzählt wurde, sog ich als Kind wie ein Schwamm auf.“

Das Schicksal eines Mörders

Doch erst 2005 konnte Gerd Stiefel damit beginnen, diesen Teil seiner Familiengeschichte aufzuarbeiten. Zunächst in „Stiefels Stein“, wo der Mord an seinem Urgroßvater Friedrich Stiefel nur den Hintergrund der Hauptgeschichte bildet.

Das Buch sei in erster Linie eine Hommage an seine Urgroßmutter Karoline, sagt Gerd Stiefel: „Es ist unglaublich, was sie damals geleistet hat.“ Nach dem Tod ihres Mannes wurde der Hof der Familie zwangsversteigert und Karoline Stiefel stand mit ihren zwölf Kindern auf der Straße.

Schließlich fand sie Unterschlupf in der pietistischen Enklave Bietenhausen und wurde dort zur ersten Hausmutter des Diasporahauses.

In Gerd Stiefels zweitem Roman „Via Bologna“ steht nun der Mörder seines Urururgroßvaters Johannes Stiefel im Zentrum. Zunächst habe er keinen weiteren Roman schreiben wollen, erzählt Gerd Stiefel. Doch nach der Veröffentlichung von „Stiefels Stein“ erhielt er Hinweise, dass im Staatsarchiv Sigmaringen eine Akte zum Mord aus dem Jahr 1843 schlummere.

Die Neugier des 59-Jährigen war geweckt und er sichtete die noch unerschlossene Quelle. Sie warf ein neues Licht auf das Schicksal von Johannes Stiefels Mörder Jakob Egle: Anders als die Familie Stiefel glaubte, war dieser nicht nach Amerika geflohen, sondern hatte sich in Bologna unter einem Pseudonym der päpstlichen Fremdenlegion angeschlossen.

Diplomatische Kettenreaktion

In seiner Heimat war Egle zur Fahndung ausgeschrieben, da feststand, dass er den Mord an Friedrich Stiefel begangen hatte. Seine Verhaftung in Bologna und Auslieferung an das damalige Königreich Württemberg wurde jedoch zu einem Politikum, in das auch König Wilhelm von Württemberg und Papst Pius IX. involviert waren.

Dass der Mord an einem einfachen Bauern eine so weitreichende diplomatische Kettenreaktion auslöste, faszinierte Gerd Stiefel und animierte ihn zu weiteren Recherchen, die im nun erschienenen Roman mündeten.

Beim Schreiben habe ihm seine Arbeit als Polizist geholfen, sagt Gerd Stiefel, der selbst bereits in Mordfällen ermittelt hat: „Ich konnte auf meine Erfahrungen mit Gewalttätern zurückgreifen, um den Mörder Egle zu charakterisieren.“

Er wurde auch von Historikern unterstützt, vor allem als er die Lücke füllen musste, welche die Quellen offen ließen: Jakob Egles Flucht von Hermannsdorf nach Bologna. Gerd Stiefel erzählt sie so, wie sie hätte sein können und orientiert sich dabei an den historischen Erkenntnissen zur damaligen Zeit.

Mit „Via Bologna“ hat Gerd Stiefel die literarische Aufarbeitung seiner Familiengeschichte abgeschlossen. Zwar gäbe es weitere Buch-Ideen, doch solange er seine jetzige Aufgabe als Kriminaldirektor in Konstanz habe, werde er sie nicht umsetzen, denn: „Zum Schreiben muss ich den Kopf frei haben.“