Der 9. November hat Deutschland verändert – in positiver wie in negativer Hinsicht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete das Datum in einer kürzlich in Berlin gehaltenen Rede, denn auch als ambivalent.

Tatsächlich wurde am 9. November 1918 in der Schlussphase des Ersten Weltkriegs die Republik ausgerufen und das Ende des Kaiserreichs eingeläutet. Fünf Jahre später putschte Adolf Hitler gegen die junge Weimarer Republik und am selben Datum im Jahr 1989 fiel die Mauer, die jahrzehntelang Deutschland geteilt hatte.

Das schlimmste mit diesem Datum verbundene Ereignis ist jedoch die Reichspogromnacht der Nationalsozialisten gegen die Juden am 9. November 1938, also vor 81 Jahren.

Diese Stolpersteine vor der Oberen Apotheke markieren eine geschichtsträchtige Stelle. Das Haus wurde vom jüdischen Apotheker-Ehepaar Cohn bewohnt.
Diese Stolpersteine vor der Oberen Apotheke markieren eine geschichtsträchtige Stelle. Das Haus wurde vom jüdischen Apotheker-Ehepaar Cohn bewohnt. | Bild: Reinhold Buhl

Zur Erinnerung an dieses furchtbare Ereignis, das auch in Stockach seine brutalen und hässlichen Spuren hinterließ, luden vier Stockacher Kirchengemeinden zu einer Gedenkfeier in die Hauptstraße ein.

Direkt vor der Oberen Apotheke, Hauptstraße 20, gedachten 60 Bürger aller Stockacher jüdischen Einwohner, die fliehen mussten oder deportiert wurden und unter der Diktatur der Nazis ihr ganzes Hab und Gut und ihre Heimat verloren oder bei gewalttätigen Übergriffen und in Konzentrationslagern umgebracht wurden.

Die Vertreter der katholischen, evangelischen und neuapostolischen Kirchen sowie der Freien Christengemeinde wählten für ihre Gedenkfeier, die sehr stark den Charakter einer Mahnwache hatte, bewusst diesen Veranstaltungsort.

In diesem Haus lebte das Apotheker-Ehepaar Margot und Heinz Cohn, das 1936 aufgrund städtischer Schikanen Stockach verlassen musste, wie Museumsleiter Johannes Waldschütz in einer beeindruckenden Rede erklärte.

„Solche Projekte, wie die heutige Feierstunde, fördern den Zusammenhalt der Stockacher Kirchen.“ Roland Braunger, Freie Christengemeinde
„Solche Projekte, wie die heutige Feierstunde, fördern den Zusammenhalt der Stockacher Kirchen.“ Roland Braunger, Freie Christengemeinde. | Bild: Reinhold Buhl

Laut Waldschütz machten die Nazi-Gräueltaten, die in Kassel mit der Zerstörung der dortigen Synagoge ihren Anfang nahmen, auch vor Stockach nicht halt. „Der damalige Bürgermeister August Herrmann und sein Gemeinderat haben die Stockacher jüdischen Geschäftsleute bewusst geschädigt und gingen dabei weit über gesetzliche Regelungen hinaus“, erzählte Waldschütz einer sichtlich bewegten Zuhörerschaft.

Im Gemeinderatsprotokoll vom 8. Juni 1933 stehe explizit, dass die städtischen Dienststellen keinerlei Einkäufe in jüdischen Geschäften tätigen durften. Auch dem Krankenhaus wurde untersagt, Medikamente beim Apotheker Cohn zu kaufen, was für diesen das geschäftliche Ende einläutete.

Rund 60 Teilnehmer erlebten eine bewegende Gedenkfeier anlässlich des 9. Novembers 1938. Dieses Datum ging als Reichspogromnacht in die Geschichte ein.
Rund 60 Teilnehmer erlebten eine bewegende Gedenkfeier anlässlich des 9. Novembers 1938. Dieses Datum ging als Reichspogromnacht in die Geschichte ein. | Bild: Reinhold Buhl

Die Stadt habe sich schuldig gemacht und dazu beigetragen, dass die Familie Cohn 1936 in die USA auswanderte, so Waldschütz. Stockach hatte damals mit Heinz Cohn einen stark engagierten Bürger verloren, der in vielen Ehrenämtern tätig war.

Er war unter anderem in den Vorständen von Fußballverein und Skizunft und war Vorsitzender des Musikvereins und des Touringclubs. Darüber hinaus war er Gerichtsnarr im Narrengericht und wirkte als Laienschauspieler in vielen Theatervorführungen mit.

Pfarrer Michael Lienhard (katholisch), Pfarrer Rainer Stockburger (evangelisch), Priester Stephan Strittmatter (neuapostolisch) sowie Pastoraler Leiter Kay Schubert und Gemeindeleiter Roland Braunger (Freie Christengemeinde) haben mit dieser ökumenischen Gedenkfeier ein weiteres Projekt ihrer seit ungefähr zwei Jahre dauernden Zusammenarbeit umgesetzt.

Die Gedenkfeier umfasste Gebete, kurze Ansprachen der Kirchenvertreter, eine Schweigeminute sowie den kirchlichen Segen. Musikalisch umrahmt wurde die Feier von Anne-Kathrin Schubert, die auch das gemeinsame Schlusslied „Segne Israel Yeshua“ auf der Gitarre begleitete.

Vertriebene der NS-Zeit

Dieser Bürger jüdischen Glaubens, die während der NS-Zeit aus Stockach vertrieben wurden, wurde bei der Feierstunde namentlich gedacht: Hermann, Jenny und Johanna Weil; Ida, Lieselotte und Erich Erlanger; Johanna Liebherr; Margot und Heinz Cohn; Fanny, Trude-Renate, Wolfgang und Alfred Rothschild. Laut Museumsleiter Johannes Waldschütz war die Stockacher jüdische Gemeinde relativ klein.