Ein altes Schild erinnert im Stockacher Krankenhaus noch an die Zeit von 1960 bis 1976. Entbindungsstation steht in gelben Buchstaben auf dunkelgrün lackiertem Holz. Storchennest sagten manche im Volksmund liebevoll-ironisch zu der Station, auf der laut einer Festschrift in diesen 16 Jahren 2690 Kinder zur Welt kamen.

Heute ist das Stockacher Krankenhaus deutlich größer. Die Dachform des alten, ursprünglichen Gebäude lässt sich auf diesem Foto noch ganz links hinten und rechts hinter der Einfahrt für Rettungswagen erahnen
Heute ist das Stockacher Krankenhaus deutlich größer. Die Dachform des alten, ursprünglichen Gebäude lässt sich auf diesem Foto noch ganz links hinten und rechts hinter der Einfahrt für Rettungswagen erahnen | Bild: Löffler, Ramona

Christa Fuchs hat in Stockach vier Kinder zur Welt gebracht. Die beiden Jungen teilen sich ein ganz besonderes Datum – sie wurden am 1. Januar 1962 und 1974 geboren. "Dazwischen waren die Mädchen, die beide im April kamen", erzählt die 79-Jährige. "Damals musste man zehn Tage nach der Geburt im Krankenhaus bleiben und durfte drei Tage lang nicht aufstehen." Es habe vor der Geburt auch bei Weitem keine so umfangreiche Vorsorge wie heute gegeben und Gymnastik habe sie beim Kühe melken gehabt, erzählt sie mit einem Augenzwinkern.

Christa Fuchs.
Christa Fuchs. | Bild: Löffler, Ramona

Damals waren Zimmer mit je drei Betten auf der Entbindungsstation unter dem Dach, weiß Christa Fuchs noch. Ein Raum sei außerdem für kompliziertere Fälle gewesen. "Es gab damals auch noch die erste Klasse. Eine Bekannte von mir lag alleine dort, wir waren zu dritt im Zimmer", erzählt die 79-Jährige, die achtfache Oma und vierfache Uroma ist. Die Babys seien nur zum Stillen zu den Müttern gebracht worden und die älteren Geschwister durften die Entbindungsstation nicht betreten. Nur ihr Mann durfte sie im Zimmer besuchen, aber bei der Geburt im Kreißsaal waren die Ehemänner nicht dabei. Karl Muffler war einer von ihnen. Er erzählt, dass seine Tochter eine der ersten gewesen sei, die auf der neu eingerichteten Entbindungsstation zur Welt kamen. "Damals waren Männer auf der Station noch nicht so erwünscht." Die Geburt seiner Tochter war im Oktober 1959, also vor der offiziellen Eröffnung. Später kam noch ein Sohn.

Ormeda Grässler (links) und ihre Tochter Daniela Waibel, die im Krankenhaus Stockach zur Welt kam.
Ormeda Grässler (links) und ihre Tochter Daniela Waibel, die im Krankenhaus Stockach zur Welt kam. | Bild: Löffler, Ramona

Auch die 69-jährige Ormeda Grässler erzählt, dass ihr Mann nicht rein durfte. Damals sei vieles anders als heute gewesen. "Es gab noch keinen Ultraschall. Die Hebammen hatten ein Hörrohr", erinnert sie sich. "Ich lag drei Tage in den Wehen. Doktor Nissen sagte dann, er gebe mir noch 15 Minuten Zeit und dann schicke er mich nach Radolfzell zum Kaiserschnitt." Dieser sei damals in Stockach nicht gemacht worden. Aber alles ging gut: "15 Minuten später war Daniela da." Die heute 69-Jährige lag damals im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit anderen jungen Müttern in einem Zimmer und erinnert sich daran, dass Nissen ein sehr guter, menschlicher Arzt gewesen sei. Wie Christa Fuchs weiß auch sie noch, dass die Mütter fast zwei Wochen im Krankenhaus bleiben mussten. "Das Baby wurde nach der Geburt nicht gleich gestillt, sondern musste erst 24 Stunden hungern", erinnert sie sich noch. Die Babys seien außerdem eng gewickelt worden, wie in einen Kokon. Das Essen im Krankenhaus für die frischgebackenen Mütter sei normal gewesen, erzählt die 69-Jährige. Es sei ihnen nur geraten worden, Malzbier zu trinken, das dies die Milchproduktion fördere.

Im Krankenhaus gibt es noch das Schild der Entbindungsstation aus den 1960er-Jahren. Es weist auf die Wöchnerinnenstation sowie die dazugehörigen Zimmer hin. Heute ist dort im Dachgeschoss die Krankenhausverwaltung.
Im Krankenhaus gibt es noch das Schild der Entbindungsstation aus den 1960er-Jahren. Es weist auf die Wöchnerinnenstation sowie die dazugehörigen Zimmer hin. Heute ist dort im Dachgeschoss die Krankenhausverwaltung. | Bild: Löffler, Ramona

Früher waren die Taufen der Neugeborenen oft in der Krankenhauskapelle. So steht zum Beispiel in den alten Taufbüchern der katholischen Seelsorgeeinheit, dass es im Jahr 1960 in Stockach 106 Taufen gegeben hat. 79 davon waren in der Krankenhauskapelle. "Daniela wurde aber in St. Oswald getauft," erzählt Ormeda Grässler.

Der Grund der Schließung der Stockacher Entbindungsstation am 15. Mai 1976 war übrigens der Geburtenrückgang, heißt es in der Festschrift zu 100 Jahre Krankenhaus.