Als Stockacher Schüler in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre aus der damaligen Volksschule in die höhere Schule wechselten, war diese noch kein Gymnasium, sondern ein Progymnasium. Dessen sechs Klassen hießen damals noch Sexta, Quinta, Quarta, Untertertia, Obertertia und Untersekunda. Mit dem Bestehen der letzten Klasse, also der Untersekunda, bekam man automatisch und ohne zusätzliche Prüfung die Mittlere Reife, die die Eingangsberechtigung in die Oberstufe eines Gymnasiums darstellte, das es allerdings damals in Stockach noch nicht gab. Die Schüler, die ihr Abitur ablegen wollten, mussten dann auf die Gymnasien in Radolfzell, Überlingen, Singen oder Tuttlingen wechseln.

Das Progymnasium befand sich damals in der Tuttlingerstraße, wo heute die Grundschule untergebracht ist. Es zwar im linken Gebäudeteil des Schulkomplexes. Bei der Einschulung des Jahrgangs 1960 hieß der Schulleiter noch Ernst Fuchs. Im Jahr 1961 begann die Ära des neuen Schulleiters, Johannes Röhrenbach. „Im Gegensatz zum sanfteren Vorgänger Fuchs führte Röhrenbach ein strenges Regiment“, erzählt Bertold Jäger, der damals die Sexta besuchte und fügt hinzu, dass der bessere Weg immer über Röhrenbachs Sekretärin, Carla Keller, führte, wenn man ein Problem ansprechen wollte. Röhrenbach, der Deutsch und Geschichte unterrichtete, bemühte sich mit Erfolg, allen Schichten höhere Bildung zugänglich zu machen.

50 Jahre nach ihrem Abitur trafen sich die ersten Stockacher Abiturienten im Frühsommer 2018 in Stockach mit ehemaligen Lehrern und Alt-Bürgermeister Franz Ziwey (links). Bild: Reinhold Buhl
50 Jahre nach ihrem Abitur trafen sich die ersten Stockacher Abiturienten im Frühsommer 2018 in Stockach mit ehemaligen Lehrern und Alt-Bürgermeister Franz Ziwey (links). Bild: Reinhold Buhl

Im Jahr 1961 hatte das Progymnasium 160 Schüler. 111 von ihnen wohnten in Stockach, 49 kamen von den umliegenden Gemeinden. Drei Jahre später war die Schülerzahl bereits auf 238 gestiegen, von denen 99 von auswärts kamen. Im SÜDKURIER vom 22. Dezember 1965 findet man folgendes Zitat Röhrenbachs: „Das Gymnasium ist keine Schule für die 'besseren' Kreise.“ Er wollte auch "begabte Arbeiterkinder" für die höhere Schule gewinnen. Und wie der Artikel von damals weiter ausführte, gelang Röhrenbach die erfolgreiche Rekrutierung neuer Bildungsschichten, was sich an 92 angemeldeten Sextanern im Jahr 1966 eindrücklich zeigte. Das Progymnasium, das damals rasant wuchs, musste über kurz oder lang zu einer „Vollanstalt“ ausgebaut werden und tatsächlich wurde im April 1966 aus dem Progymnasium ein „Gymnasium im Aufbau“ bis dann 1968 die ersten 19 Abiturienten ihre Reifeprüfung mit Erfolg ablegen konnten.

Aufgrund stetig zunehmender Schülerzahlen platzte das Schulgebäude allmählich aus allen Nähten, und so musste ein Schulneubau ins Auge gefasst werden. Der Stadtrat diskutierte unter dem damaligen Bürgermeister Alois Deufel die Schulraumnot und setzte sie auf die Prioritätenliste. Am 9. April 1966 schrieb der SÜDKURIER: „Der Ausbau des Progymnasiums ist mit ein Verdienst von Studiendirektor Röhrenbach, der sich mit großer Initiative für das Stockacher Schulwesen einsetzt. Im Vordergrund der Bemühungen steht nun der Neubau eines Gymnasiums, der allerdings Schule und Stadtverwaltung noch einiges Kopfzerbrechen bereitet und mit dessen Fertigstellung wohl nicht vor 1970 gerechnet werden kann.“ Tatsächlich bezogen erst im Dezember 1972 alle Klassen das neue Gebäude in der Dillstraße, das auch das heutige Gymnasium ist. Veranschlagt waren die Kosten des Baus mit 5,95 Millionen D-Mark – tatsächlich hat die Schule dann 9,47 Millionen gekostet.

Ein Lehrer und drei Abiturienten von 1968 erzählen:

Eugen Willmann.
Eugen Willmann. | Bild: Reinhold Buhl

Eugen Willmann, Lehrer: Der Latein- und Sportlehrer kam 1967 als Studienassessor an das damalige Progymnasium, nachdem er sein zweijähriges Referendariat in Neustadt beziehungsweise Freiburg absolviert hatte. Vier Schüler legten 1968 im Fach Sport die Reifeprüfung ab. Gegenstand der Prüfung war Geräteturnen, am Boden, Barren, Reck und Pferdsprung. „Anfangs umfasste fast mein gesamtes Deputat das Fach Sport, denn Lateinlehrer gab es damals schon genügend“, erinnert sich Willmann und erzählt auch von seinem damaligen Schwimmunterricht, den er noch in der alten Badeanstalt in der heutigen Waldstraße erteilt hat. „Das war bei dem trüben Wasser eine ziemliche Herausforderung, denn wenn Schüler tauchten, konnte ich sie nicht mehr sehen, was nicht ungefährlich war“,erzählt der Sportlehrer, der bei vielen seiner Schüler wegen seines ziemlich lauten Sprachorgans bis heute in liebevoller Erinnerung blieb. Sportunterricht war in der Hägerweghalle. „Mit meinen Lateinschülern musste ich damals in die alte Sparkasse – heute ist dort die Musikschule untergebracht – auswandern, da im Hauptgebäude akuter Platzmangel herrschte“, erzählt Willmann. Auch an den damaligen „Rex“ (Schulleiter Johannes Röhrenbach) hat Willmann noch einige Erinnerungen. „Ich weiß, dass er gegenüber den Schülern sehr streng war, aber für das Kollegium war ein sehr führsorglicher Chef." Wie fürsorglich Röhrenbach auch gegenüber den Schülern sein konnte, bewies die Tatsache, dass nach dem mündlichen Abitur ein Lehrer eine durch das Abi gefallene Schülern nach Hause begleiten musste.

Gustav Blank.
Gustav Blank. | Bild: privat

Gustav Blank, Abi 68: "Wenige Tage vor dem schriftlichen Abitur ist uns gesagt worden, dass wir am Freitag vor der schriftlichen Deutsch-Prüfung noch das Sport-Abitur machen müssten", erinnert sich Gustav Blank. Da habe die Klasse wegen Verletzungsgefahren protestiert und schließlich mit Sportlehrer Eugen Willmann einen Kompromiss ausgehandelt. Die Schüler seien mit dem Termin einverstanden, dafür müsse der Sportlehrer aber danach jedem ein Bier spendieren. "Das war für mich das erste halbe Bier meines Lebens! Denn im Rahmen der religiösen Unterweisungen hatten wir das Versprechen abgelegt, bis zur Volljährigkeit (damals mit 21) keinen Alkohol zu trinken." Mangels Taschengeld habe er das auch problemlos einhalten können. "Zu Hause im Keller war jedoch ein Mostfass, aber Most war für mich kein Alkohol. Das war das Abendgetränk des Vaters, und manchmal haben wir Jungen den Most im Keller probieren müssen. Ein winziger Schluck… wenn wir Vater einen Krug Most holen mussten. So habe ich zum Abi mein Versprechen gebrochen und das erste Bier getrunken.“

Margitta Bohn.
Margitta Bohn. | Bild: privat

Margitta Bohn, Abi 68: Die gebürtige Stockacherin erinnert sich, dass es beim Abi früher in den Hauptfächern Anmeldenoten gab. Wenn man diese Noten im schriftlichen Abi halten konnte, musste man nicht ins Mündliche: „Mein Horrorfach war Mathe und ich hatte unheimlich Bammel, dort ins Mündliche zu müssen“, erzählt sie. Also paukte sie tagelang Mathe zusammen mit ihrem Mitschüler Bertold Jäger. „Als ich dann erfuhr, dass ich nicht ins Mündliche musste, war ich irgendwie enttäuscht, denn ich wäre bestens vorbereitet gewesen“, sagt sie. Als Margitta Bohn das Abi dann bestanden hatte, habe sie zusammen mit BertoldJäger in der Stockacher Hauptstraße getanzt. Sie erinnert sie auch noch, dass die Schüler nach bestandenem Abitur die Schulhefte auf dem Schulhof zerrissen und angezündet haben.

Berthold Jäger.
Berthold Jäger. | Bild: privat

Bertold Jäger, Abi 68: Der gebürtige Zoznegger Lehrersohn erinnert sich noch gut an seine Einschulung im Progymnasium und sein Abitur am späteren Gymnasium. „Ich war einer der circa 20 Auswärtigen, die damals in Stockach in die Sexta eingeschult wurden“, erzählt Jäger, der damals täglich zu Fuß von Zoznegg zum Bahnhof Mühlingen ging, um dann mit dem Schienenbus (Bahn) nach Stockach zu fahren. Einen Busbetrieb gab es erst Jahre später. Jägers Lieblingslehrer war Paul Breunig, der ihm so gut Mathe vermittelt habe, dass dieses Fachgebiet auch sein späteres Studium in Karlsruhe, wo er den Diplomingenieur Elektrotechnik machte, sowie sein späteres Berufsleben beim Bayrischen und Hessischen Rundfunk bestimmte. „Fremdsprachen waren nicht so meine Stärke, deshalb wählte ich Englisch ab der Klasse Obersekunda ab, was man damals noch konnte“, erklärt Jäger, der gut in Physik und Mathematik war. Sehr gut erinnert sich Jäger noch an die Klassenzeitung „Der lachende Fliegenpilz“, die Mitschüler Bodo Gast monatlich handschriftlich zu Papier brachte und in mehreren Ausfertigungen in der Klasse verteilte.