Hermann Lusch brennt für seinen Verein. Seit 22 Jahren ist er Mitglied im Stockacher Karate-Dojo. „Ohne einen Vorsitzenden wäre wir nicht mehr funktionsfähig“, erklärt der 67-Jährige. Um das zu verhindern, sprang er in die Bresche. Denn bei der Suche nach einem neuen Vorsitzenden kam es bei der diesjährigen Hauptversammlung des Karate-Dojos zu Komplikationen: Der eigentliche, mehrheitlich gewählte Kandidat entschied sich, das Amt des Vorsitzenden aus persönlichen Gründen doch nicht anzunehmen. Lusch, der den Verein mit seinen derzeit rund 70 Mitgliedern bereits von 2003 bis 2009 führte, übernahm. "Sonst hätte sich die Suche möglicherweise noch sehr lange hingezogen", sagt er. Doch eine langfristige Lösung sieht er darin nicht. Das Problem, so Lusch, sei wesentlich grundlegender: "Ich habe das Gefühl, dass immer weniger junge Menschen Verantwortung übernehmen wollen", erklärt er.

Dass ehrenamtliches Führungspersonal teilweise Mangelware ist, offenbaren die Hauptversammlungen zahlreicher Vereine zu Beginn eines jeden Jahres. Auch in Stockach und den umliegenden Gemeinden ist das so. Dort, wo dem Ehrenamt der Nachwuchs fehlt, springen häufig Erfahrene und Altgediente ein.

Im Vereinsleben übernimmt der Vorstand meist die zentrale Rolle. Er organisiert, koordiniert und repräsentiert. Allesamt Aufgaben, die viel Zeit in Anspruch nehmen, wie auch Hermann Lusch weiß: "Das wollen und können junge Menschen oftmals nicht mehr leisten." Vielmehr seien diese mit grundlegenden Zukunftsfragen beschäftigt, mit dem Abschluss von Schule und Studium, dem Einstieg in das Berufsleben und der Gründung einer Familie. Ein Problem, mit dem der Karate-Dojo als Verein nicht alleine dastehe, so Lusch.

Und tatsächlich, auch beim SV Liggersdorf kämpft man seit Jahren mit fehlendem Führungnachwuchs. Hier ging der Personalmangel so weit, dass sich der Vorstand vor der jüngsten Hauptversammlung entschloss, im Hohenfelser Amtsblatt nach einer Verstärkung für die Führungsriege zu suchen – nämlich nach einem neuen Ehrenamtsbeauftragten. Gefunden hat sich hierfür niemand. "Wir haben eine tolle Spitze", sagt Bruno Gassner, erster Vorsitzender des Turn- und Sportvereins, gesteht jedoch: "Wir sind alle etwas amtsmüde." Zwei Jahre, so sagt er, möchte er das Amt des Vorsitzenden noch bekleiden, "aber dann ist wirklich Schluss." Damit ist er beim SV Liggersdorf nicht der Einzige. Denn vier der sechs Vorstandsposten müssten in spätestens zwei Jahren neu besetzt werden, weil die entsprechenden Personen ihre Positionen räumen möchten. Ob das passiert und ob der Verein mit seinen 300 Mitgliedern diese Transformation überlebt, das weiß Gassner noch nicht: "Das zeigen die kommenden Wochen." Denn der Nachwuchs, der an die Spitze drängt, fehlt beim SV Liggersdorf.

Es gibt allerdings auch Vereine, in denen die Jugend Verantwortung übernimmt. Marcel Fischer zählt hierzu. Im Sommer letzten Jahres wählten ihn die Mitglieder der Espasinger Trubedrescher in die Führungsriege. Als Beisitzer im Vorstand sorgt der 21-jährige Fischer nun dafür, dass auch die jungen Mitglieder des Fasnachtvereins Gehör finden und eine Stimme haben. "Der Verein soll weiterleben", sagt Fischer. "Und das geht nur dadurch, dass auch wir, die Jungen, ihre Ideen mit einbringen." Deshalb sollte nicht nur das Verhältnis zwischen älteren und jungen Mitgliedern entsprechend ausgewogen sein, sondern auch das Engagement. Junge Mitglieder fordern und fördern, das ist bei den Espasinger Trubedreschern die Devise.

Das wollen auch die Verantwortlichen des Karate Dojo Stockach erreichen. "Mit Lehrgängen wollen wir den Nachwuchs schulen und fit machen für die Führungspositionen", sagt der sportliche Leiter und Gründungsmitglied des Vereins Dietmar Ehrlich. Dann, so hofft der 65-Jährige, sei auch eine Verjüngung des Dojo möglich.

Vereinslandschaft

  • In Stockach und seinen zehn Ortsteilen ist die Vereinslandschaft vielfältig. 136 Vereine zählt das Register des Amtsgerichts Freiburg. In Hohenfels engagieren sich 15 Vereine, in Bodman-Ludwigshafen sind es 34. In Eigeltingen zählt das Register insgesamt 28, in Orsingen-Nenzingen 21 Vereine. Dazu gehören neben Brauchtums- und Fasnachtsgruppierungen auch Sport-, Musik sowie Kunst- und Kulturvereine.
  • In Paragraph 26 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist festgehalten, dass Vereine einen Vorstand haben müssen, der die gesetzliche Vertretungsfunktion übernimmt. (lre)