Die Planung für die Umfahrung von Espasingen läuft. Bis Autos über die neue Straße fahren, werden aber noch einige Jahre ins Land gehen – diese Kernbotschaft mit Licht und Schatten schälte sich bei der Informationsveranstaltung des Regierungspräsidiums Freiburg (RP) zu dem seit Jahrzehnten geforderten Straßenprojekt heraus. Etwa 150 Besucher aus Espasingen und Stockach, aber auch aus Ludwigshafen und Sipplingen waren dabei, darunter Gemeinderäte und Bürgermeister. Denn auch am Überlinger See erhofft man sich eine Entlastung vom Durchgangsverkehr, wenn mehr Autos in Stockach auf die Autobahn 98 fahren. Ein Überblick:

  • Was das Regierungspräsidium plant: In der Prüfung sind derzeit zwei Trassen für die Umfahrung. Eine davon verläuft näher am Ort, die andere weiter entfernt. Ingenieur Hans Teuteberg vom Sigmaringer Ingenieurbüro Langenbach machte in seiner Präsentation klar, dass die Planer die ortsferne Variante (siehe Grafik) bevorzugen. Mit dieser Antragstrasse geht das RP, das die Planung der Bundesstraße stellvertretend für den Bund betreut, ins Planfeststellungsverfahren. Um unter den herrschenden Bedingungen eine wirtschaftlich einigermaßen günstige Lösung zu bekommen, die auch den Forderungen des Naturschutzes entgegenkommt, planen die Ingenieure mit einer Kombination aus Dämmen und Brücken. Für die Antragstrasse haben sich auch Gemeinde- und Ortschaftsrat ausgesprochen, sagte Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz. Die bestehende Bundesstraße 34 werde zwischen dem Beginn der Umfahrung und dem heutigen Bahnübergang abgebaut, so Yvonne Guduscheit, Chefin der Neubauleitung Singen am RP. Der jetzige Bahnübergang wird durch eine Brücke ersetzt, die Straße führt dann nur noch nach Bodman und zum Sportgelände.
  • Wo die Schwierigkeiten liegen: Die geplante Straße muss nicht nur einen großen Höhenunterschied überwinden, sondern verläuft auch über wenig tragfähigen Grund. Laut Ingenieur Teuteberg liegt im Boden zunächst eine mehrere Meter dicke Torfschicht, die gar nicht trägt. Darunter folgen Sedimente, die ebenfalls nur wenig tragen. Die Umfahrung als eine einzige lange Brücke auszuführen, wird dadurch unmöglich. Auch für die nun vorgesehen Dämme sind aufwendige Gründungsarbeiten nötig, wie aus Teutebergs Ausführungen hervorgeht. Damit das Planfeststellungsverfahren auch einer möglichen gerichtlichen Überprüfung standhält, müssen zudem mehrere Gutachten neu angefertigt werden, erklärt Michael Gaede vom Freiburger Büro Gaede und Gilcher, das die Grünplanung erstellt. Denn Gerichte hätten zuletzt immer wieder aktuelle Daten eingefordert, so Gaede. Das heißt: Wenn man diese Gutachten nicht jetzt anfertigt, kann das später den Bau verzögern. Und Bürgermeister Stolz erinnert daran, dass auch Grunderwerb zu einem Thema werde.
  • Welche Arbeiten gerade laufen: In diesem Jahr wird unter anderem das Lärmschutzgutachten neu angefertigt, und die Umweltverträglichkeitsprüfung läuft. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie in die Lebensräume von Tieren eingegriffen wird, wie stark Schutzgebiete betroffen sind und welcher Bedarf an Ausgleichsflächen anfällt, so Gaede. Ein Thema werde auch sein, Zusammenstöße etwa zwischen Lastwagen und Vögeln zu vermeiden, indem man Dämme richtig bepflanzt.
  • Was Bürger fragen: Schwerpunkte in der Fragerunde waren das Zusammenspiel mit der Bahn und die Trassenwahl. So fragte der frühere Ortsvorsteher Hans Kempter, warum die direkte Variante, die ursprünglich einmal im Gespräch war, nicht mehr bedacht werde. Guduscheit sagte zu, diese nochmals zu prüfen. Eine Besucherin wollte wissen, warum man überhaupt die ortsnahe Trasse prüft. Dies begründete Guduscheit mit einem Auftrag der höheren Naturschutzbehörde. Stolz sagte, man wolle einen "wasserdichten Planungsprozess". Auch der Ersatz für den Bahnübergang an der B 34 wurde hinterfragt. Dieser sei aber nötig, weil das ganze Bauprojekt nicht mehr im Bundesverkehrswegeplan enthalten ist, sondern über das Eisenbahnkreuzungsgesetz begründet werde, so Guduscheit. Die Brücken seien auch hoch genug für eine mögliche Elektrifizierung.
  • Was die Nachbargemeinden sagen: Ein Besucher aus Sipplingen mahnte die Espasinger, das Projekt nicht zu zerreden. Und Bodman-Ludwigshafens Bürgermeister Matthias Weckbach meinte, dass in Stockach-West eine kreuzungsfreie Auffahrt auf die Autobahn möglich sein sollte, sonst würden Laster trotzdem lieber am Seeufer entlang fahren. Derzeit müssen Fahrzeuge an der Anschlussstelle links abbiegen.

Lange Geschichte

Die Planung für die Ortsumfahrung von Espasingen läuft mit Unterbrechungen seit Jahrzehnten. So erinnerte sich der frühere Ortsvorsteher Hans Kempter, dass schon vor 45 Jahren beim Ausbau der Ortsdurchfahrt die Umfahrung versprochen wurde. Alle bisherigen Anläufe scheiterten. Yvonne Guduscheit, Chefin der Neubauleitung Singen, nannte nun einen möglichen Zeitplan. Das Planfeststellungsverfahren soll noch dieses Jahr wieder starten. Möglicherweise habe man, abhängig von der Zahl der Einsprüche, 2022 Baurecht. Für Baubeginn 2023 müssten alle Verfahren "mega-optimal" verlaufen, so Guduscheit. 2025 könnte die Straße fertig sein. Die Kosten für die etwa 1,8 Kilometer Straße schätzt Guduscheit auf knapp 30 Millionen Euro. (eph)