Sie hätten auch nach Köln gehen können. Aber Christin Löhner und Michelle Bilgeri haben sich dafür entschieden, in ihrem Wohnort Stockach zu heiraten. Und daher steht der Stadt am kommenden Freitag eine doppelte Premiere bevor: Denn Löhner und Bilgeri sind nach eigenen Angaben das erste gleichgeschlechtliche transsexuelle Paar, das sich in Baden-Württemberg überhaupt das Ja-Wort gibt. Und für Stockach auch das erste gleichgeschlechtliche Paar überhaupt, fügt Standesbeamtin Sarah Streit hinzu.

In Köln wäre das Paar nur eines unter vielen

Einige Anmeldungen für gleichgeschlechtliche Ehen habe es in Stockach schon gegeben, so Streit, denn das müsse immer beim Standesamt des Wohnsitzes geschehen. Doch für die eigentliche Heirat seien diese Paare bislang immer in andere Städte abgewandert – zum Beispiel nach Köln. Umso mehr freue sie sich, diese Eheschließung zu begleiten. "Und umso größer ist unsere Signalwirkung", sagt Christin Löhner mit Vorfreude. Denn in Köln wäre das Paar nur eines unter vielen.

Dass sie diesen Schritt tun würden, hätten Löhner und Bilgeri wohl noch vor einigen Jahren kaum für möglich gehalten. Denn beide empfinden sich als Frauen, sind aber mit den primären Geschlechtsmerkmalen eines Mannes zur Welt gekommen. Den immensen Leidensdruck, der für sie jahrzehntelang damit einherging, beschreibt Löhner mit einem Verweis auf zahlreiche Suizidversuche. Erst nach dem Coming-Out im Jahr 2015 begann für sie der Weg, der nun zum Stockacher Standesamt führt.

Langer Weg zum großen Glück der beiden

Seit November 2016 ist Löhner vor dem Gesetz eine Frau, die geschlechtsangleichenden Operationen sind gelaufen. "Ich fühle mich ganz als Frau und bin super glücklich", erzählt sie heute. Bilgeri ist auf demselben Weg noch nicht so weit, doch auch sie habe im Oktober 2017 den legalen Status geändert und inzwischen auch die geschlechtsangleichenden Operationen beantragt, sagt sie.

Beide waren bereits verheiratet, erzählen sie im Gespräch, doch die früheren Ehen hielten nicht. Dieses Mal sei hingegen alles anders. Im Vergleich zu den früheren Ehen kennen sich beide nun schon ziemlich lang. Seit zwei Jahren seien sie ein Paar, erzählt Löhner, beide kennen sich schon etwas länger. Der Kontakt entstand in einer Selbsthilfegruppe in Dornbirn, die Löhner zunächst besuchte, ehe sie selbst eine Selbsthilfegruppe gründete, weil es am westlichen Bodensee keine gab.

Inzwischen leben beide in Stockach. Löhner ist aus Bodman in die Stadt gezogen, Bilgeri hat zuvor in Lustenau in Vorarlberg gelebt. Die Suche nach einer Wohnung sei lang gewesen, berichten beide. Umso wohler fühlen sie sich nun in Stockach – eine Stadt, die sie eigentlich bei der Wohnungssuche gar nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Durch eine Kleinanzeige im SÜDKURIER sei dann der Kontakt zur jetzigen Vermieterin zustande gekommen, erzählt Christin Löhner.

Sie erleben in der Region viel Zuspruch

Berührungsängste habe es dabei nicht gegeben. Auch aus der Stadt berichten die beiden praktisch nur Positives, von den Bürgern wie von den Ämtern. Dabei ist sich Christin Löhner klar: "Wir provozieren unweigerlich, durch unsere Größe, breite Schultern und so weiter." Doch die beiden erleben auch viel Zuspruch. So berichtet Bilgeri, dass sich bei einem Auftritt der Selbsthilfegruppe bei einer Messe in Radolfzell viele ältere Menschen sehr respektvoll für ihre Arbeit geäußert hätten.

Und worauf kann man sich bei der Trauung am Freitag einstellen? Das wüssten sie selber nicht, sagen Löhner und Bilgeri. "Es können fünf Gäste sein oder 500", so Löhner. Im Innenhof des Rathauses soll es einen Sektempfang geben, die Trauung selbst soll im Trauzimmer des Rathauses stattfinden. Dort soll es auch Musik von ihrer Trauzeugin Omnitah Schwark geben, erzählt Christin Löhner. Schwark ist Sängerin und Songwriterin und hat auch an Disney-Produktionen mitgearbeitet. Standesbeamtin Sarah Streit sieht der Hochzeit in der ungewohnten Konstellation gelassen entgegen – nicht in Köln, sondern in Stockach.