Die berührend innig gesungene Alt-Arie "Es ist vollbracht" greift die letzten Worte Jesu auf. Die Sopran-Arie "Zerfließe mein Herze" strömt nachtigallengleich, ganz ohne aufgesetzten Pathos, zum Himmel. "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" schwebt streichelsanft durch die vollbesetzte Sankt Oswald-Kirche. Dem versöhnlich letzten, freudigen Choral folgt nachspürende Stille. Dann brandet enthusiastischer Beifall auf, der in stehende Ovationen mündet. "Wahnsinnig, was hier herüberkam. Ich hatte Gänsehaut und habe manchmal geweint", resümiert Sabine Schönberger.

Insgesamt 140 mitwirkende Choristen, Instrumentalisten und Solisten sorgten für bewegende Momente in der vollbesetzten Sankt Oswald-Kirche.
Insgesamt 140 mitwirkende Choristen, Instrumentalisten und Solisten sorgten für bewegende Momente in der vollbesetzten Sankt Oswald-Kirche.

140 Mitwirkende, gespeist aus der Nellenburg-Kantorei, dem Nellenburg-Ensemble, dem Kammerchor Stockach und Schülern des Nellenburg-Gymnasiums haben Martina Hartmann und Stefan Gräsle nach intensiver Vorbereitungszeit dramaturgisch brillant und in herrlich federnder Rhythmik durch die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach geführt. Ausnahmslos Schüler sangen und spielten im "Handlungschor", der die dramatischen Szenen rund um die Passionsgeschichte zur Fastenzeit lebendig werden ließ. Gänsehaut-Momente erzeugten Soli, genauso ausdrucksintensiv und textverständlich wie die gesprochenen und gespielten Rollen von Jesus, Pilatus, Petrus und dem Evangelisten. Erstmals mitgewirkt in der "Nellenburg-Familie" hat der von Gräsle seit Januar geleitete Kammerchor.

Gestenreich mit starkem Ausdruck

Grundlegend für das Oratorium ist ein Text aus dem Johannes-Evangelium, der sich in die epische Berichterstattung des Evangelisten und die dramatischen Wechselreden zwischen Jesus, den handelnden und in indirekter Rede sprechenden Personen wie der Volksmenge unterteilt. "Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben", fordert Pilatus. Mal in inniger Umarmung, dann gestenreich mit starkem Ausdruck dynamisch singend, geifernd, drohend und verhöhnend fasziniert der junge Handlungschor. Bei der Textstelle "Da verleugnete Petrus ihn abermals und Jesus weinte bitterlich" ist der Altarraum übersät mit den sich vor Trauer am Boden windenden jungen Menschen.

Hoch virtuos

Gräsle wechselt sein Cello mit dem Dirigierpult, Hartmann geht leise ins Publikum, um von dort aus weiter den Handlungschor zu führen. Auf die Frage, ob er der Judenkönig sei, antwortet Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Pures Entsetzen prägt die Atmosphäre, als Jesus gegeißelt wird. Als er sein imaginiertes Kreuz nach Golgatha trägt, begleitet ihn effektvoll das Spiel einer kleinen Orgel. Der Chor "Lasset uns den nicht zerteilen" skizziert in engem Wort-Ton-Verhältnis das Feilschen um das Gewand des Gekreuzigten. Hoch virtuos gesetzt von den Chören und Gräsles Intermezzo am Cello erleben die Zuhörer das Teilen der Kleider, das Werfen der Würfel und die Diskussion der Kriegsknechte hautnah mit.

Eine "Deuxieme" findet am Sonntag, 31. März, um 17 Uhr in der Kirche Maria Königin in Mühlhofen statt.