Drei Anrainerstaaten, eine Vielzahl von Völkern, die im Laufe der Jahrhunderte an den Ufern des Sees gelebt haben, und eine vielseitige Landschaft – der Bodensee hat viele Facetten. Wie sollte man einen solchen Kulturraum würdigen? Der internationale Verein für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung hat sich für ein geschriebenes Mosaik entschieden. Im Jubiläumsband zum 150-jährigen Bestehen des Vereins werden "Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven" beleuchtet, wie es im Untertitel des Buches heißt. In den 150 kurzen Texten entfaltet sich ein Panorama, zu dem unter anderem frühmittelalterliche Braukunst, weiße und rote Rebsorten oder die Entstehung der Kiesvorkommen am See gehören.

Drei von 150: Aus den Daten der Echolotmessungen haben die Forscher dieses Bild vom Bodensee zusammengesetzt. Dargestellt sind die Konstanzer Bucht, der Überlinger See und der Untersee. Auch dieses naturwissenschaftliche Thema kommt im Jubiläumsband vor.
Drei von 150: Aus den Daten der Echolotmessungen haben die Forscher dieses Bild vom Bodensee zusammengesetzt. Dargestellt sind die Konstanzer Bucht, der Überlinger See und der Untersee. Auch dieses naturwissenschaftliche Thema kommt im Jubiläumsband vor. | Bild: Projekt Tiefenschärfe Bodensee

In einem Festakt in Stockach hat der Verein nun sein 150-jähriges Bestehen gefeiert und das Buch in Deutschland vorgestellt. Weitere Veranstaltungen in St. Gallen und Bregenz folgen. Das Ziel hinter dem Buchprojekt sei gewesen, Episoden zu finden, die eine Verbindung von einem zum anderen Ufer des Bodensees schlagen, erklärte Harald Derschka, Privatdozent an der Universität Konstanz und mit dem Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler Herausgeber des Buches, bei der Veranstaltung. Denn der Verein betrachte den Bodensee als Mitte einer Kulturlandschaft, ungeachtet der heutigen Staatsgrenzen. Darin sahen Derschka wie auch Bürgermeisterstellvertreter Werner Gaiser, der die Gäste begrüßte, das Alleinstellungsmerkmal des Bodenseegeschichtsvereins. Es sei nach wie vor der einzige internationale landeshistorische Verein, der in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig sei. Naturkundliche und historische Disziplinen sind darin vertreten.

"Naturkunde und Geschichte waren in der Frühzeit des Vereins praktisch gleichwertig." Andreas Schwab, Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und einer der Autoren
"Naturkunde und Geschichte waren in der Frühzeit des Vereins praktisch gleichwertig." Andreas Schwab, Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und einer der Autoren. | Bild: Freißmann, Stephan

Dabei war der Bodenseegeschichtsverein seit seiner Gründung im Jahr 1868 ein bildungsbürgerliches Projekt, wie Harald Derschka bestätigt. Dass genau diese soziale Gruppe praktisch vollautomatisch zu dem Verein kommt, sei heute nicht mehr selbstverständlich, gibt Derschka ebenfalls zu, denn das Bildungsbürgertum verändere sich strukturell. Deswegen gehe man mit dem Jubiläumsband nun auf das Publikum zu und mache auf sich aufmerksam. Im Augenmerk der Veranstalter seien etwa Menschen, die nach der Berufslaufbahn an den Bodensee ziehen und sich die Geschichtslandschaft erschließen wollen – beispielsweise durch ein Exkursionsprogramm. Und Derschka plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen des Büchermachers, denn der Bodenseegeschichtsverein gibt auch alljährlich einen Jahresband heraus. Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren sei dieser beispielsweise kaum bezahlbar gewesen, weil die Druckkosten hoch gewesen seien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf, einen Staat rund um den Bodensee zu gründen. Die französische Militärregierung verhinderte dies, doch das Buch "Schwäbisch-alemannisch Demokratie" von Otto Feger (vorne) wurde 1946 mit der sehr hohen Auflage von 50 000 Stück genehmigt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Idee auf, einen Staat rund um den Bodensee zu gründen. Die französische Militärregierung verhinderte dies, doch das Buch "Schwäbisch-alemannisch Demokratie" von Otto Feger (vorne) wurde 1946 mit der sehr hohen Auflage von 50 000 Stück genehmigt. | Bild: Archäologisches Landesmuseum Konstanz

Und was steht nun im Jubiläumsbuch? Sechs Episoden gaben bei der Feier einen Einblick. Dabei waren Episoden aus dem Hochmittelalter wie die von Bischof Gebhard II von Konstanz, der das Kloster Petershausen gegründet hat, das an römische Kirchenbauten angelehnt war (Autor: Fredy Meyer), oder die der Grafen von Nellenburg bei Stockach, die im 11. Jahrhundert als Klostergründer in Schaffhausen auftraten (Autor: Johannes Waldschütz). Später im Mittelalter ist die Episode um den Konstanzer Pfennig angesiedelt, der zeitweise zwischen den Flüssen Thur, Donau und Iller verbreitet war (Autor: Harald Derschka).

Die Heidenhöhlen beim Überlinger Ortsteil Goldbach. Teile der Anlage wurden wegen Einsturzgefahr 1960 gesprengt. Das Bild vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt den Blick vom See nach dem Bau der Uferstraße, für den ebenfalls ein Teil der Höhlen zerstört wurde.
Die Heidenhöhlen beim Überlinger Ortsteil Goldbach. Teile der Anlage wurden wegen Einsturzgefahr 1960 gesprengt. Das Bild vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt den Blick vom See nach dem Bau der Uferstraße, für den ebenfalls ein Teil der Höhlen zerstört wurde. | Bild: Stadtarchiv Konstanz

Eine Verbindung rund um den See schafft auch die Lebensgeschichte des Kemptener Fürstabts Rupert, der aus dem Hause Bodman-Möggingen stammte, im Allgäu wirkte und um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert an der Entwicklung des Fürstentums Liechtenstein beteiligt war (Autorin: Birgit Kata). Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Bestrebungen statt, einen Staat rund um den Bodensee aufzubauen (Autor: Jürgen Klöckler). Ein naturwissenschaftliches Projekt der neuesten Zeit ist schließlich die Neuvermessung des Bodensees mit Echolot und Laser, durch die viele Geländeformationen unter Wasser sichtbar wurden (Autor: Andreas Schwab).