In großen Lettern stehen in der Aula des Nellenburg-Gymnasiums die Worte Freiheit und Verantwortung geschrieben. Zwei Worte, die zum Fundament der demokratischen Werte zählen. Doch an diesem Vormittag erzählt erzählt Freya Klier Geschichten aus ihrer Kindheit, die überhaupt nicht zu diesen Werten der Demokratie passen. Die DDR-Bürgerrechtlerin war im Nellenburg-Gymnasium zu Gast, um die Schüler über die Bildungseinrichtungen und die Erziehung in der ehemaligen DDR aufzuklären. Und gleich zu Beginn ihres Vortrages macht sie deutlich: „Freiheit, Humanismus und Demokratie waren auch alles Begriffe in der DDR – aber nur nach außen hin. Denn die DDR war alles andere, nur nicht demokratisch“, sagt sie.

DDR – vom Anfang bis zum Ende

Das alles ist den Schülern natürlich nicht neu. Die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wird selbstredend im Geschichtsunterricht behandelt. Dennoch herrscht absolute Stille im Plenum, wenn Freya Klier über ihr Leben in der Deutschen Demokratischen Republik spricht. Denn sie muss es wissen: Die Autorin ist 1950 in Dresden geboren und hat die DDR vom Anfang bis zum Ende miterlebt. Und gerade deswegen hören die Schüler ihr gebannt zu. Sie kommt authentisch rüber. Sie macht Geschichte erlebbar. Sie berichtet aus erster Hand. „Ich hätte nicht gedacht, dass das System damals mit so viel Gewalt geherrscht hatte“, sagt der Elftklässler Louis Funk.

Wenn eine Zeitzeugin berichtet: Aufmerksam verfolgen die Schüler der elften Klassen den Vortrag von DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier.
Wenn eine Zeitzeugin berichtet: Aufmerksam verfolgen die Schüler der elften Klassen den Vortrag von DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier. | Bild: Matthias Güntert

Thomas Wolf, Leiter des Regionalbüros Südbaden der Konrad Adenauer Stiftung, die den Vortrag von Freya Klier in Stockach organisiert hat, kündigte die Bürgerrechtlerin damit an, dass sie kein Blatt vor den Mund nehme. Dies macht die Autorin auch schnell deutlich. Und gerade dies scheint bei den Jugendlichen anzukommen. Sie erzählt von männlichen Mitschülern, denen die Haare, die als zu lang betrachtet wurden, von Lehrern und dem Hausmeister auf brutalste Weise abgeschnitten wurden. Sie berichtet von ihrem eigenen Fluchtversuch mit ihrer Freundin. Gemeinsam wollten sie mit einer Luftmatratze von der Insel Rügen aus die Ostsee überqueren und nach Dänemark schwimmen. Sie äußert sich zur Verhaftung ihres Vaters, des Bruders und ihrer eigenen. „Die 60er- und 70er-Jahre waren die schlimmsten, denn wir konnten wegen der Mauer nicht mehr abhauen“, sagt sie.

Familie wurde immer wieder Opfer des Regimes

Immer wieder wurden Freya Klier und ihre Familie Opfer der Willkür des DDR-Regimes. Dabei zeichnete sich für sie schon früh ab, dass ihre Familie zu Feinden des Friedens abgestempelt wurde. Das Ergebnis waren Verhaftungen und Erpressungen. Im Alter von drei Jahren steckte das DDR-Regime sie und ihren Bruder in ein Kinderheim, da sich ihr Vater mit einem Volkspolizisten angelegt hatte und ins Gefängnis musste. Die Häscher von damals bezeichnet Klier als „Nazis in anderen Uniformen“. Viele der ehemaligen Nationalsozialisten seien erpressbar gewesen und dienten deshalb in der Staatssicherheit.

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Querdenker und Individualität seien indes Fremdwörter gewesen. Sie verkörperten das Böse und damit das verhasste West-Deutschland. „Der sozialistische Mensch lebt im Kollektiv“, sagt Freya Klier. Dieser Begriff habe in der DDR über allem geschwebt.

Eine Zeitzeugnis berichtet: Die Autorin und Bürgerrechtlerin Freya Klier spricht im Nellenburg-Gymnasium über ihre Kindheit und das Erwachsenwerden in der ehemaligen DDR. Bilder: Matthias Güntert
Eine Zeitzeugnis berichtet: Die Autorin und Bürgerrechtlerin Freya Klier spricht im Nellenburg-Gymnasium über ihre Kindheit und das Erwachsenwerden in der ehemaligen DDR. Bilder: Matthias Güntert | Bild: Matthias Güntert

Ein Wendepunkt in ihrem Leben erfolgte 1979. Ihr Bruder wurde durch das Regime und nach staatlicher Anordnung aufgrund fadenscheiniger Vorwürfe in eine Psychiatrie zwangseingewiesen. Einige Zeit später nahm er sich dort das Leben. „Das war der Punkt, an dem ich beschlossen habe: Jetzt trete ich gegen sie an“, so Freya Klier.

Der Widerstand beginnt

Und das tat sie dann auch: Seit Anfang der 1980er-Jahre war sie Mitglied im Friedenskreis Pankow und in der DDR-Friedensbewegung aktiv. Dies führte 1985 zu einem Berufsverbot als Schauspielerin und Regisseurin. Sie trat seitdem gemeinsam mit Stephan Krawczyk, mit dem sie von 1986 bis 1992 verheiratet war, in kirchlichen Räumen auf. Aber nur in jenen, in denen die Pfarrer mutig genug waren, die staatskritischen Stücke auch zu zeigen. „Das Theater war die einzige Möglichkeit, Kritik zu äußern“, sagt Freya Klier. Versteckte Kritik, wie sie allerdings gleich hinterher schiebt. Man musste einfallsreich sein, um den DDR-Häschern der Staatssicherheit zu entgehen. Freya Klier erinnert sich an eine Aufführung von Friedrich Schillers Don Karlos: „Bei der Szene, in der der Marquis sagt „Geben Sie Gedankenfreiheit“, gab es den größten Applaus.“

Werbung für die Demokratie

Applaus gibt es auch im Nellenburg-Gymnasium. „Wir haben hier viele neue Dinge erfahren, obwohl wir eigentlich meinten, viel über die DDR zu wissen“, sagt Elftklässler Erik Glocker. Johannes Okker, der ebenfall die elfte Klasse besucht, pflichtet ihm bei: „Wir sind froh, dass wir heute so leben und in Deutschland eine wirkliche Demokratie haben.“ Aussagen, die Thomas Wolf gerne vernommen hat. Denn es sei das Ziel solcher Veranstaltungen, Werbung für die Demokratie zu machen. „Wir hoffen damit, dass junge Menschen den heutigen Populisten nicht auf den Leim gehen“, so Wolf. Dafür sorgen Zeitzeugen wie Freya Klier.

Klier: „Flucht war Thema Nummer Eins“

  • Fluchtversuche: Freya Klier berichtet in ihrem Vortrag im Nellenburg-Gymnasium auch von ihrem eigenen Fluchtversuch. Ähnlich wie sie hatten auch viele weitere DDR-Bürger den Plan, schwimmend über die Ostsee nach Dänemark zu gelangen. Ganz einfach war dies aber nicht, nicht nur aufgrund der Seeverhältnisse. „Am Strand liefen immer Pärchen herum, die sich nie angeschaut haben, sondern einer den Strand und der andere das Wasser im Blick hatten“, sagt Klier. Ihren Angaben nach wurden in Dänemark 82 Leichen angeschwemmt, die auf dem Weg in die Freiheit ertrunken seien. Noch heute gelten 500 Menschen als vermisst.
  • Suizide in der DDR: „Das Thema Nummer Eins bei den Jugendlichen war die Flucht in den Westen“, erläutert Freya Klier. Aufgrund der Überwachung durch das sozialistische Regime wählten aber auch zahlreiche Jugendliche einen anderen Ausweg. Laut der DDR-Bürgerrechtlerin lag die Selbstmordrate in der Deutschen Demokratischen Republik damals am zweithöchsten auf der gesamten Welt. Auch in ihrer Schulklasse nahmen sich drei Mitschüler das Leben, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sahen.
  • Der Mordanschlag: Die Akten der Staatssicherheit belegen es: Auf Freya Klier und ihren damaligen Mann Stephan Krawczyk wurde Mordanschläge verübt. Das gab die Autorin bei ihrem zweiten Besuch im Nellenburg-Gymnasium zu. Nach eigenen Angaben von Freya Klier versuchten die Männer der Stasi, sie und ihren Mann zur Strecke zu bringen. Dafür wurden an ihrem Wagen die Bremsschläuche durchtrennt. „Sie haben auch versucht, uns mit einem Nervengiftanschlag zu töten“, sagt sie. (mgu)