Was ist das eigentlich für ein Türmchen in der Kurve am Stadtwall? Täglich kommen Verkehrsteilnehmer und Passanten in drei- oder sogar vierstelliger Zahl an dem kleinen Bauwerk vorbei. Heute gibt es Rätsel eher auf, doch als zu früheren Zeiten noch Stromleitungen von dort aus zu Masten führten, war alles klar: Es ist ein Trafohäuschen in historischen Gewand. Fachbegriff: Turmstation.

Das war dieses kleine Bauwerk im Stil des Historismus sogar schon seit seiner Entstehung. “Es war von vorneherein so geplant“, erklärt Thomas Warndorf, früherer Kulturamtsleiter, Narrengericht-Archivar und Stockacher Geschichtsexperte. Da die Einführung der Elektrizität im Jahr 1920 in Stockach war, müsse das Türmchen im Jahr 1919 entstanden sein, ist er sich sicher. Zuvor stand dieser Stelle eine 1871 eine Friedenslinde, die die Stockacher Schuljugend anlässlich des damaligen Sieges über Frankreich gepflanzt hatte, so Warndorf.

Der Blick von der Tür ins Innere. Links sind die beiden Transformatoren, rechts Schaltanlagen.
Der Blick von der Tür ins Innere. Links sind die beiden Transformatoren, rechts Schaltanlagen. | Bild: Ramona Löffler

Die Technik um und im Trafoturm hat sich im Lauf der Jahrzehnte stark verändert. In seiner Anfangszeit führten Freileitungen über Masten zum Gebäude und von ihm weg. Dies zeigt auch ein im SÜDKURIER-Archiv gefundenes Foto, heute erinnern nur noch Metallgestelle an der Gebäudeseite Richtung Oberstadt daran. Jetzt ist alles unterirdisch und technisch modernisiert.

Der Blick von Erdgeschossfenster des Trafoturms. Tobias Graf von den Stadtwerken klettert gerade die Leiter hoch. Links sind Schaltstationen, rechts die zwei großen Trafos. Bild: Ramona Löffler
Der Blick von Erdgeschossfenster des Trafoturms. Tobias Graf von den Stadtwerken klettert gerade die Leiter hoch. Links sind Schaltstationen, rechts die zwei großen Trafos. Bild: Ramona Löffler | Bild: Ramona Löffler

In der Turmstation, die ein Schild an der Tür als „Station Spitzgarten“ ausweist, wird Strom von der Mittelspannungsebene (20 000 Volt) in die Niederspannungsebene (230/400 Volt) transformiert und weiterverteilt. Diese Transformation erfüllen zwei Trafos, die gemeinsam so groß wie ein Kleinwagen sind. “Im Sommer läuft einer, im Winter beide“, erklärt Tobias Graf, Bereichsleiter Technik bei den Stadtwerken Stockach. In der Umspannstation sind dicke schwarze Kabel zu sehen, die den Strom in die Haushalte bringen.

Der Blick vom Erdgeschoss nach oben: Im ersten Stock stehen Schaltstationen. Die Ebene unter dem Dach ist leer.
Der Blick vom Erdgeschoss nach oben: Im ersten Stock stehen Schaltstationen. Die Ebene unter dem Dach ist leer. | Bild: Ramona Löffler

Die Station Spitzgarten, die in ihrer Entstehungszeit eine von gerade mal sechs im Stadtgebiet war, ist heute eine von 54 in der Kernstadt. Da der Energieverbrauch stetig steige und die erneuerbaren Energien zunehmen, richten die Stadtwerke im Gebiet der Kernstadt jährlich mindestens eine neue Umspannstation ein, erklärt Graf. Diese sind dann aber nicht mal so groß wie eine Garage und werden fertig angeliefert. Das Türmchen am Stadtwall ist noch eines der alten Schule und ist bundesweit sogar eine der wenigen Bauten dieser Art, die unter Denkmalschutz stehen, wie eine Internetseite, die sich speziell mit Trafotürmen beschäftigt, zeigt. Neben der Station Spitzgarten gibt es zum Beispiel auch in der Kolping-, Nellenbad- und Adenauerstraße solche alte Stationen, so Graf.

Früher führten Freileitungen vom Trafoturm in die Oberstadt. Das Entstehungsjahr des Fotos ist unbekannt. Bild: SK-Archiv
Früher führten Freileitungen vom Trafoturm in die Oberstadt. Das Entstehungsjahr des Fotos ist unbekannt. Bild: SK-Archiv | Bild: Ramona Löffler

Heute ist die Umspannstation am Stadtwall als eine von drei für die Versorgung der Oberstadt zuständig. Sollten die anderen beiden ausfallen, könnte sie sogar die Oberstadt alleine versorgen, erklärt Graf. Die anderen beiden Stationen der Oberstadt sind ganz unscheinbar in den Kellern großer Gebäude untergebracht. Eine ist im Bürgerhaus Adler Post, die andere unter dem ehemaligen Juwelier Mettenhauser.

Die Metallgestelle an der Außenwand (links) zeigen, wo früher vom Turm zur Oberstadt hin Stromleitungen liefen. Sie sind auf Höhe des heute leeren Dachgeschosses des Türmchens. Bild: Ramona Löffler
Die Metallgestelle an der Außenwand (links) zeigen, wo früher vom Turm zur Oberstadt hin Stromleitungen liefen. Sie sind auf Höhe des heute leeren Dachgeschosses des Türmchens. Bild: Ramona Löffler | Bild: Ramona Löffler

Neben den beiden großen Transformatoren steht im Erdgeschoss des kleinen Gebäudes eine große Schaltanlage für die Niederspannung, mit der Gebiete der Oberstadt und bis an das Stadtwall-Carreé sowie die Straßenbeleuchtung versorgt werden. Die eingebauten Messgeräte zeigen den aktuellen Verbrauch dieses Gebiets. Im ersten Geschoss, das nur über eine alte Eisenleiter zu erreichen ist, steht eine große Mittelspannungsschaltanlage. Der Raum unter dem Dach des Türmchends, das sich im Besitz der Stadtwerke befindet, ist leer. 2008 fand innen der technische Umbau statt. Ein paar Zahlen für die technisch Interessierten: Die Spannung an den Kerzen der Transformatoren beträgt 20 000 Volt. Einer der großen Trafos hat eine Leistung von 400 Kilovoltampere (kVA) und versorgt damit rund 100 Haushalte.

Der erste Stock von der Eisenleiter aus: Hier stehen mehrere Schaltkästen. Bild: Ramona Löffler
Der erste Stock von der Eisenleiter aus: Hier stehen mehrere Schaltkästen. Bild: Ramona Löffler | Bild: Ramona Löffler

Obwohl Unbekannte außen immer wieder mal Graffitis an die Mauern sprühen und an manchen Stellen Schäden an den Scheiben sind, sind Graf keine ernsthaften Schäden bekannt. Das Innere ist trotzdem gut gegen Wind und Wetter geschützt. Hin und wieder nutzen Vögel die Gunst der Stunde und bauen Nester. “Sie werden dann umgesiedelt“, erklärt Graf. Ein Mal im Jahr findet eine große Kontrolle und Reinigung der Turmstation statt. Es gibt auch Überlegungen für eine Sanierung, bei der die Fenster gerichtet werden sollen, aber Planung sowie Umsetzung sei aufgrund des Denkmalschutzes nicht einfach.

Als der Strom nach Stockach kam und wie die Infrastruktur wuchs

  • Die Anfänge: Nachdem viele andere Gemeinden bereits Elektrizität hatten, war es im Juli 1920 auch in Stockach soweit. Das Stockacher Tagblatt schrieb am 9. Juli 1920 in einer kurzen Meldung: “Gestern Abend dreiviertel 7 Uhr verkündeten Böllerschüsse, dass der elektrische Strom für die Stadt eingeschaltet wurde.“ Es war die Krönung und Vollendung von sechs Jahren Planungen, die vom Ersten Weltkrieg gehemmt worden waren. Das Tagblatt nannte die Elektrizität “unentbehrlicher Faktor“ für Gewerbe und Landwirtschaft und lobte, dass die Freileitung so angelegt waren, dass sie sich in das Straßenbild einfügten.
  • Entwicklung: Eine Akte über das elektrische Ortsnetz von Stockach im Stadtarchiv (Sto II, A1510) zeigt, dass es zum Beispiel 1951 Änderungen, Erweiterungen und Verbesserungen der Sicherheit des Trafoturms mit dem Namen „Station Spitzgarten“ (damals als Stadtwall bezeichnet) gab. Die Kosten betrugen 3400 D-Mark, davon waren 400 Mark Lohn, 3000 Mark Materialkosten. Als Problem führte eine Vorlage an, dass ein kleiner Trafo eigentlich gegen einen neuen getauscht werden müsste, dies aber fünf Tage dauern würde, und so lange der Strom nicht abgeschaltet werden könne. Eine Behelfsstation wurde mit 500 D-Mark beziffert. Eine Ortsnetzprüfung aus demselben Jahr führte in der Station Stadtwall einen Trafo mit 200 Kilovoltampere (kVA) und einen zweiten mit 85 kVA auf. Insgesamt bezog die Stadt damals vom Badenwerk 15 kVA, die in verschiedenen Stationen umgespannt wurden. Als zwei Großabnehmer gab es die Metallwarenfabrik Glatt und die Lackfabrik Gebrüder Dreher, die jeweils eigene Stationen hatten. Die Netzprüfung listete für Stockach eine Station I in der Unterstadt auf, Station II am Stadtwall, Station III in Airach und IV und V bei den genannten Firmen. Es kam eine Empfehlung für eine neue Station Oberstadt auf, die “Verluste im Netz herabdrücken oder wenigstens weiteres Aussteigen bei Belastung“ verhindern sollte. 1961 sorgte ein zweistündiger Stromausfall für große Diskussionen in der Stadt. Ein Stadtrat forderte Aufklärung und der SÜDKURIER berichtete am 15. Dezember 1961, dass die Ursache eine lockere Klemme gewesen war und der damalige Bürgermeister den Bau einer weiteren Trafostation als nächste Maßnahme nannte. Auch das Krankenhaus sollte eine eigene Station bekommen. Damals wie heute wurden laufend neue Stationen gebaut, um den Strombedarf zu decken. Im Juli 1962 ergab dann eine Prüfung, dass die Station am Stadtwall mit 102 Prozent voll belastet war. Eine Karte listete in jenem Jahr neun Stationen in Stockach auf. 1964 hatte Station Spitzgarten zwei Trafos mit je 200 kVA – heute leistet jeder das Doppelte.
  • Spitzgarten: Die Bezeichnung stammt mutmaßlich von einem gleichnamigen Lokal, das in der Entstehungszeit des Trafoturms dort war, wo heute das Atlantic ist. Im Spitzgarten sei das Stammlokal des Ferienstammtischs gewesen, zeichnete ein Artikel einer historischen SÜDKURIER-Serie im Jahr 1990 nach. (löf)