Die Narrengesellschaft Niederburg wird die Lieder von Willi Hermann nicht mehr aufführen. Dies bestätigt deren Präsident Mario Böhler dem SÜDKURIER. Die Entscheidung sei nach Gesprächen mit Heinz Maser und Norbert Heizmann und im Einvernehmen mit dem 13er-Rat gefallen. Sie gelte für das Bühnenprogramm des Fasnachtsauftakts, das Narrenspiel und die TV-Übertragung des SWR.

Für das Narrengericht aus Hermanns Geburtsstadt Stockach ist die Situation allerdings nicht vergleichbar, erklärt Narrenrichter Jürgen Koterzyna: "Anders als in Konstanz haben die Lieder von Willi Hermann in der Stockacher Fasnacht auch nicht diesen exponierten Stellenwert", schreibt er in einer Stellungnahme zum Thema. Die eigentlichen Narrenhymnen in der Kuony-Stadt sind der Stockacher Narrenmarsch und das Narrebomm-Lied. Und der Auftakt der Stockacher Fasnacht ist erst am Dreikönigstag und nicht schon am 11. November, so Koterzyna weiter. Eine Entscheidung, ob Willi Hermanns Lieder weiterhin bei der Stockacher Fasnacht erklingen sollen oder nicht, sei noch nicht gefallen: "Ob, wann und welche dieser Lieder überhaupt noch gesungen werden können, steht daher momentan noch auf dem Prüfstand."

Konstanzer Narren einig

Bei den Konstanzer Narren ist der Entschluss offenbar klar: "Wir sind uns einig darüber, dass wir die Lieder von Willi Hermann nicht aufführen werden, bis die gesamte Faktenlage von Herrn Klöckler dargelegt werden kann", erklärt Böhler. Der SÜDKURIER hat beschlossen, eine für 17. September im Konzil geplante Podiumsdiskussion zu verlegen. Sie soll nach Abschluss der laufenden Recherchen des Konstanzer Stadtarchivars Jürgen Klöckler nachgeholt werden. Diese führten offenbar maßgeblich zur jetzigen Entscheidung der Niederburg. Bereits Klöcklers im August im SÜDKURIER veröffentlichte Forschungsergebnisse zu Hermanns Vita förderten zutage: Bei dem 1907 geborenen Mann handelte es sich um einen Propagandaredner und Schulungsleiter der Nazis. Mutmaßlich war der spätere Liederschreiber ("Ja, wenn der ganze Bodensee") zudem an Kriegsverbrechen beteiligt. Klöckler erklärt: "Die Recherchen gestalten sich als sehr schwierig, ständig taucht neues Material in diversen Archiven auf." Seine Arbeit soll in einem wissenschaftlichen Aufsatz über Hermann münden, dafür benötige es jedoch Zeit. Erst auf dessen Basis, erklärt Klöckler, "kann eine ernsthafte, sachliche und seriöse Diskussion geführt werden". Tobias Engelsing, Leiter der städtischen Museen, und Wolfgang Mettler, der zu einem ursprünglich geplanten Festakt zu Ehren von Hermanns 111. Geburtstag dessen Lieder neu arrangierte, folgen der Argumentation Klöcklers.

Auch die Reaktionen nach Enttarnung Hermanns als Nationalsozialist führten offenbar zum Entschluss, vor einer weiteren Diskussion abzuwarten. Museumsleiter Engelsing erklärt hierzu: "Viele Narren beharren darauf, dass die schönen Nachkriegs-Lieder von Willi Hermann doch überhaupt nichts mit seinen Taten vor 1945 zu tun hätten: Man könne Leben und Werk trennen, heißt es immer wieder, auch mit Hinweis auf Richard Wagner und seinen Antisemitismus." In einem Interview mit dem SÜDKURIER nach den Enthüllungen hatte er sich klar gegen ein öffentliches Weiter-so ausgesprochen.

Die Vergangenheit ruht nicht

Bei der Entscheidung gegen ein Weiter-so habe für die Niederburg-Narren auch die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung eine Rolle gespielt. Der Vereinspräsident erkennt in der Berichterstattung aus Chemnitz und Sachsen: Die Vergangenheit ruhe eben nicht. "Vielmehr nehmen die geistigen Brandstifter wieder zu und was noch viel schlimmer ist: Diejenigen, die diesen irrlichternden Typen zuhören, werden auch wieder mehr," sagt Mario Böhler. Einem Vorwurf, die anfänglich vorliegenden Quellen hätten zu einem vorschnellen Urteil geführt und missachteten Hermanns Rolle als gefeierte Fasnachtsgröße, wollen die Beteiligten nun begegnen. "Diesen Schuh ziehen wir uns nicht an", sagt Engelsing stellvertretend. "Vor dem Hintergrund dieser offenkundig geschichtsrelativierenden Haltungen ist es erforderlich, die wenigen bisher bekannt gewordenen Details und Hinweise zu einem beweiskräftigen Bild abzurunden." Vor allem was Hermanns Rolle bei der Fasnacht in seiner Heimatstadt Stockach vor 1945 angeht, seien laut Engelsing "mutmaßlich weitere gravierende Aspekte zu erwarten, wie erste Untersuchungen zeigen". Demnach gebe es Hinweise, nach denen die Narren nach 1945 um die Vergangenheit Willi Hermanns wussten. Engelsing: "Es litten ja nicht alle an Amnesie, nur am allgemeinen Schweigegebot der Täter."

Eine Aufarbeitung kündigt der Stockacher Narrenrichter Jürgen Koterzyna an. Thomas Warndorf, studierter Historiker und beim Narrengericht als Archivar tätig, habe den Auftrag dazu. Konkrete Ergebnisse gebe es aber noch nicht. Dabei werde es nicht allein um Willi Hermann gehen, der laut dem Narrenrichter von 1961 bis 1977 Stockacher Gerichtsnarr war: "Wenn man diese Zeit beleuchtet, ergibt es Sinn, das im größeren Rahmen zu machen." Und auch in Stockach warte man auf ein Gesamtbild: "Über die Folgen kann man erst entscheiden, wenn man alles weiß", so Koterzyna im Gespräch.