Ein Schulleiter muss viele Themen im Blick behalten und doch hinter all den Einzelteilen das große Ganze sehen – dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man sich mit Holger Seitz unterhält. Der 49-Jährige ist neuer Leiter des Stockacher Nellenburg-Gymnasiums und folgt Michael Vollmer nach. Ein Blick ins Büro zeigt: Der berufstypische Papierkram ist schon angekommen, die Magnetwand reich mit bedruckten Blättern bestückt. Doch was treibt den Mann um, wenn es um seine neue Arbeit geht?

Zunächst einmal betont Seitz, dass er eine sehr gute Schule vorfinde, an der hervorragende Arbeit gemacht werde. So sei es nicht zuletzt das bestehende Schulprofil gewesen, das ihn zur Bewerbung in Stockach veranlasst hat. Ganzheitliches Lernen für das Leben, Verantwortung, Freiheit sind Schlagworte, die er in diesem Zusammenhang nennt. Das starke künstlerische Profil der Schule, neben dem das naturwissenschaftliche Angebot nun gestärkt werden soll, und die Tatsache, dass es sich um ein neunjähriges Gymnasium (G9) handelt, hätten ein Übriges getan. Im Gespräch zeigt sich Seitz als klarer Verfechter des G9: "Bildung braucht Zeit, die Entwicklung der Kinder muss hinterherkommen."

Die Motivation für Seitz' Bewerbung in Stockach ist durchaus erklärungsbedürftig, denn mit der neuen Stelle ist auch ein Ortswechsel verbunden. Die zurückliegenden fünf Jahre hat er am Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen als stellvertretender Schulleiter gearbeitet, zuletzt für ein Jahr in Doppelfunktion auch als Schulleiter – "das war schon sehr anspruchsvoll", erinnert er sich. Nun wird sein Wohnort in Orsingen sein, in Fahrraddistanz zur Schule.

Die erste Aufgabe sei nun, die Prozesse und Menschen an der Schule kennenzulernen, so Seitz. Doch Vorstellungen und Ideen für die Zukunft des Nellenburg-Gymnasiums hat er natürlich auch. Und sprudelt förmlich vor Ideen, die sich auch aus seiner früheren Tätigkeit speisen. So hat er an einer früheren Schule, in Augsburg, eine Hochbegabtenklasse aufgebaut, eine sinnvolle Einrichtung, wie er sich erinnert. Auch im ländlichen Bereich halte er die Begabtenförderung am Gymnasium für eine lohnenswerte Aufgabe. Dabei will Seitz keine Wertigkeitsdiskussion zwischen einzelnen Schularten eröffnen, sein Stichwort heißt Potenzialentfaltung: Für jedes Kind sollte man die Schule finden, auf der es sein Potenzial am besten entfalten kann, statt auf gesellschaftliches Prestige einer Schulart zu schauen. Nicht-akademische Berufe sollten mehr gesellschaftlichen Wert haben. Wo geht es dem Kind gut, wo hat es Erfolgserlebnisse? So müssten in seinen Augen die Fragen bei der Schulwahl lauten. Daher sei ihm auch die Kooperation im Sinne der Schüler mit dem benachbarten Schulverbund Nellenburg wichtig, sagt Seitz.

Doch auch die Inhalte am Gymnasium und deren Vermittlung hat er im Blick: "Was müssen Kinder im 21. Jahrhundert lernen?", lautet die Frage, die er stellt. Denn viel vom derzeitigen überprüfbaren Wissen könne leicht durch Maschinen ersetzt werden. Die Arbeit an der Schulart sollte sich daher eher in die Richtung dessen bewegen, was schwer überprüfbar ist: weiche Fähigkeiten wie Kreativität, kritisches Denken, Achtsamkeit – als Vorbereitung auf die Herausforderungen einer komplexen und mehrdeutigen Welt. "Da kommen einige Herausforderungen auf das Gymnasium zu", ist seine Überzeugung, man müsse Diskussionen wagen. Auf diesen Weg wolle er sich mit dem Kollegium machen und freue sich schon darauf.

Wichtig ist ihm bei alldem, niemandem an der Schule etwas überstülpen zu wollen. Im Gegenteil, er wolle die Schule gemeinsam mit dem Lehrerkollegium weiterentwickeln. "Ich verstehe mich als Ideengeber und Visionär", beschreibt er seine Rolle. An seiner bisherigen Schule habe er sehr gute Erfahrungen damit gemacht, solche Fragen bei pädagogischen Tagen zu diskutieren. Dazu passt auch Seitz' Selbstbeschreibung seines Führungsstils. Er sehe sich als Problemlöser und Vernetzer, lege Wert auf wertschätzende Kommunikation, sagt er. Und auch von den Schülern wolle er wissen, was sie wollen und brauchen. Dafür will er regelmäßige Treffen mit der Schülermitverantwortung einführen. Das Motto solle lauten: "Wir und unsere Schule."