Manche Patienten besuchen die beiden wochenlang, bei anderen sind es nur wenige Stunden: Helene Haas und Eric Sprenger sind ehrenamtliche Sterbebegleiter. Sie suchen Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhauszimmer auf. „Diese Menschen haben oft die Diagnose „Unheilbar“ erhalten“, sagt die 67-jährige Helene Haas, die seit 19 Jahren als Sterbebegleiterin aktiv ist. Bei ihrem 78-jährigen Kollegen Eric Sprenger sind es 13 Jahre.

Viel Ruhe oder einfach nur zuhören

Viel Ruhe sei bei einer Sterbebegleitung wichtig, zuhören oder einfach nur anwesend sein. „Es gibt bei einer Sterbebegleitung keine Schablone. Jeder Mensch geht mit dem letzten Lebensabschnitt anders um“, betonen die zwei. Sie versuchen, das Lebensende so friedvoll wie möglich zu gestalten. „Einfach so, dass man sich mit Sicherheit und in Geborgenheit verabschieden kann“, sagt Helene Haas. Viele Patienten wollen nicht alleine sein, wenn sie den letzten Weg betreten. Andere wiederum brauchen einfach nur jemanden zum Reden oder zum Kartenspielen. „Das wichtigste ist das Zuhören“, sagt Eric Sprenger. Dadurch könne vielen Menschen die Angst vor dem Sterben zu einem gewissen Teil genommen werden.

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Für Helene Haas und Eric Sprenger gehört der Tod zum Leben dazu. „Wenn ich das akzeptiert habe, ist es leichter für mich, den letzten Weg weiterzugehen“, sagt Helene Haas. Dennoch wolle sie niemandem Angst einjagen und allen ständig das Lebensende vor Augen halten. „Das Leben ist schön. Man sollte jedem Tag die Möglichkeit geben, der schönste überhaupt zu werden“, betont sie. Die beiden Sterbebegleiter bezeichnen sich als lebensfroh, obgleich sie wissen, dass sie oft mit dem Tod in Kontakt kommen.

Liebevoll ist das Gespräch zwischen der 91 Jahre alten Ursula Kirsten und Sterbebegleiterin Helene Haas. Für viele Patienten ist es wichtig, dass sie den letzten Abschnitt ihres Lebens nicht alleine gehen müssen.
Liebevoll ist das Gespräch zwischen der 91 Jahre alten Ursula Kirsten und Sterbebegleiterin Helene Haas. Für viele Patienten ist es wichtig, dass sie den letzten Abschnitt ihres Lebens nicht alleine gehen müssen. | Bild: Matthias Güntert

Ob sie Angst vor dem Tod haben? „Ich bin gläubig und denke, dass es etwas danach gibt. Der Tod kann auch spannend sein“, sagt Helene Haas. Sie sei in ihrem früheren Berufsleben Kinderkrankenschwester gewesen. „Am Anfang des Lebens werden alle sehr gut betreut, es gibt für alle Probleme einen Ansprechpartner. Das Ende sieht dagegen anders aus. Viele sterben alleine.“ Aus diesem Grund habe sie sich entschieden, Sterbebegleiterin zu werden. Nach eigenen Einschätzungen habe sie etwa 250 Menschen in den letzten Tagen, Wochen und Monaten ihres Lebens begleitet. Pro Jahr, so schätzt Eric Sprenger, betreue er zehn bis 15 Patienten. „Wir begleiten aber nicht nur die kranken Menschen, sondern auch deren Familien und Angehörige“, betont er.

„Es ist schön, wenn sie vorbeikommen.“

Ursula Kirsten ist 91 Jahre alt und lebt im Pflegezentrum Stegwiesen. Sie wird regelmäßig von den Sterbebegleiter des Hospizvereins besucht. Jedes Mal, wenn einer zu Besuch kommt, freue sie sich: „Es ist schön, wenn sie vorbeikommen.“ Die 91-Jährige war selbst viele Jahre im Hospizverein in Überlingen aktiv, hat dort Menschen besucht. Jetzt, für den Artikel zu einem Gespräch zusammenzukommen, dies tut sie aus Überzeugung. Sie weiß, dass es bei solchen Besuchen oft nicht viel braucht: „Wir reden ab und zu, aber manchmal ist es einfach auch nur schön, dass jemand da ist“, sagt sie. Die fünffache Mutter, fünffache Großmutter und vierfache Urgroßmutter werde häufig von ihren Verwandten besucht, dennoch genieße sie die Zeit mit den Kollegen von Helene Haas und Eric Sprenger.

Arbeit ist unbezahlbar

Auch Marion Endres, Mitglied der Geschäftsführung des Pflegezentrum Stegwiesen, bezeichnet die Arbeit der Sterbebegleiter als „unbezahlbar“. „Eines der größten Probleme ist, dass die Angehörigen häufig weit weg wohnen oder unsere Bewohner nicht besuchen“, sagt sie. Die Sterbebegleiter des Hospizvereins seien für sie ein Segen: „Ihre Aufgabe ist nicht die Pflege, sondern einfach nur das Dasein.“ „Wir ergänzen uns perfekt“, sagt Helene Haas.

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Von einem dicken Fell will Helene Haas nichts wissen. Sie sehe ihre Arbeit als wichtig an. Dennoch kann nicht jeder Sterbebegleiter werden. An drei Wochenende in Hegne und 16 Mittwochabenden in Radolfzell werde man geschult. „Nicht jeder ist zum Sterbebegleiter geeignet“, betont sie. Es sei zudem wichtig, dass man sich einen Ausgleich für die zum Teil bedrückende Arbeit suche. „Man braucht eine Art Schatzkämmerchen mit positiver Energie.“ Für Helene Haas sind dies alltägliche Dinge: ein Kinderlachen, eine Stunde am Wasser oder ein Spaziergang mit ihren Enkeln.

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Eines ist den beiden wichtig: Wenn sie gerufen werden, heiße dies noch lange nicht, dass der Patient gleich sterbe. „Es gibt Menschen, die leben dann noch ein Jahr oder länger“, sagt Eric Sprenger. Durch den seelischen Beitrag der Sterbebegleiter erhalten viele Patienten neue Lebenskraft. Genau aus diesem Grund liebe sie ihre Aufgabe. „Die Sterbebegleiter schweben wie Engel durch die Flure“, sagt Marion Endres.

Schulung: Der Hospizverein Radolfzell, Stockach, Höri und Umgebung beginnt im November seine elfte Schulung für Sterbebegleitung. Sie beginnt am Mittwoch, 13. November. Das Programm umfasst neun Seminartage im Bildungshaus Hegne sowie 16 Schulungsabende immer mittwochs von 17.30 bis 20.30 Uhr in Radolfzell. Infos im Internet unter www.hospiz-radolfzell.de

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