Die Zahl 30 war an diesem Abend eine Überraschung: Johannes Waldschütz. Leiter des Stadtarchivs und -museums, erzählte im Foyer des Alten Forstamts über die Ersterwähnungen von Stockach und seinen heutigen Ortsteilen – dabei konnte er die von Stockach rund drei Jahrzehnte früher als bisher bekannt belegen. Jahreszahlen und Urkunden standen im Mittelpunkt der Veranstaltung, denn die Erwähnung von Ortsnamen in Urkunden oder Besitzlisten, die in bestimmten Jahren mit bestimmten Personen verbunden sind, geben Aufschluss darüber, dass eben genau dieser Ort existierte. "Die Orte sind nur ans Licht getreten, weil jemand Angst um sein Seelenheil hatte", so Waldschütz. Dorf- und Stadtnamen kamen in Schenkungsurkunden vor und die Schenker bekamen Gebete von den Klöstern. Wie alt die jeweilige Gemeinde zum jeweiligen Zeitpunkt bereits war, belege die Nennung jedoch nicht, betonte er.

Der Museumsleiter beschäftigt sich für seine Doktorarbeit mit dem Einfluss von Schenkungen und wie durch diese im Mittelalter ein Netzwerk zwischen Adligen und Klöstern entstanden ist. Die Klöster liegen im süddeutschen Raum und in der Schweiz – und die Namen von Stockach und seinen Ortsteilen tauchen hier immer wieder auf. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um das Kloster Reichenau oder St. Georgen im Schwarzwald handelt. Adlige aus Stocca (Stockach), Aspesinga (Espasingen) oder Reithasala (Raithaslach) sind in Urkunden der verschiedensten Einrichtungen erwähnt.

Waldschütz präsentierte die Ersterwähnungen von Stockach und seinen Ortsteilen in der Reihenfolge ihrer Ersterwähnung. 777 ist Hoppetenzell erstmals in einem Testament genannt, das einem Kloster Besitztümer vermacht. Oder genauer gesagt: Hier lassen Beschreibungen der Umgebung den Schluss zu, dass der Ort das hiesige Hoppetenzell sein muss. Bei Wahlwies ist es eindeutiger, denn in einer Urkunde von 839 schenkt Ludwig der Fromme Land in Wahlwies (uualahuuis) an das Kloster Reichenau. Seine Gründe sind sein Seelenheil, aber auch politische Bestrebungen, weil er dort den Mönch Walahfrid unterstützen wollte.

Espasingens erste Erwähnung im Jahr 902 in einer Urkunde bezieht sich auf einem Tausch von Landbesitz. Eine Ausnahme, wie Waldschütz hervorhebt, da Ortsnennungen überwiegend bei Schenkungen vorkommen. Die Herren Kuno und Siegfried von Seelfingen sind ab 1050 immer wieder in Schriftstücken erwähnt, in denen sie etwas für den Grafen von Nellenburg bezeugen. Mahlspüren im Tal kommt zum ersten Mal in einer Urkunde des Klosters St. Georgen vor und Winterspüren erscheint 1101 im Kloster Allerheiligen (Schaffhausen).

Und Stockach selbst? Die Übersetzung einer Urkunde, die die Namen von 13 Stockachern nennt, die als Hörige oder Eigenleute (Leibeigene) dem Kloster Allerheiligen geschenkt wurden, weist zwar auf das Jahr 1150 hin, doch die Spuren führten Waldschütz hier 30 Jahre weiter zurück, also ins Jahr 1120. "Stockach wird dadurch nicht älter, wir können nur das erste Wissen um die Stadt verrücken", erklärte er. 1222 nennt eine Urkunde übrigens Stockach "villam" (größerer Ort) und 1283 schließlich "civitate" (Stadt). Eine bisher unbekannte Urkunde von 1287 erwähnt, dass es Steingruben und Mühlen vor Stockach gab.

Raithaslachs Ersterwähnung (Reithasala) ist 1155 in einer Urkunde, in der Friedrich Barbarossa dem Bistum Konstanz seine Besitzungen bestätigt. Für Hindelwangen erklärte Waldschütz die Jahre 1189 oder 1214 als wahrscheinlichste Ersterwähnungen, denn eine frühere Nennung im Jahr 1138 im Kloster St. Georgen passe nicht. Damit müsse ein Ort ähnlichen Namens in Lothringen oder der Schweiz gemeint gewesen sein. "Ich hoffe, die Hindelwanger sind nicht zu enttäuscht."

Mahlspüren im Hegau wird 1291 in einer Urkunde erwähnt, die einen Verkauf bestätigt. Bei Zizenhausen ging Waldschütz drei verschiedenen Jahreszahlen auf den Grund: 760, 1227 und 1465. Die erste sei zweifelhaft, die zweite ohne Beleg und die dritte kommt in Unterlagen der Landgrafschaft Nellenburg vor.

Nach dem Vortrag gab es noch eine angeregte Diskussion und Nachfragen aus dem Publikum. In den Stuhlreihen saßen viele Mitglieder des Hegau-Geschichtsvereins und aktive Forscher der lokalen Geschichte.

 

Schenken und Beten

Im Mittelalter waren Schenkungen, die auf Urkunden festgehalten wurden, für das Seelenheil wichtig. Denn, so erläuterte Stadtmuseumsleiter Johannes Waldschütz in seinem Vortrag, mit Schenkungen an Klöster sicherten sich Adlige Gebete der Mönche und Nonnen. Diese bekamen Güter für den Lebensunterhalt und beteten im Gegenzug für die Schenker. In der Forschung helfen die Urkunden, die Namen der Beteiligten, Herkunft und Lage von Orten und Dingen aufzählen, die Existenz eben dieser Orte zu bestimmten Zeitpunkten nachzuweisen. So lassen sich auch Ersterwähnungen von Orten wie Stockach belegen. (löf)