Der Geschichtsunterricht zählt nicht unbedingt zu den Lieblingsfächern aller Schüler. Häufig fehlt der Bezug zum Thema, die Ereignisse liegen naturgemäß oft mehrere Jahrhunderte zurück. Umso wertvoller war der Besuch von Marianne Rüdiger und Hartwig Kluge am Berufsschulzentrum Stockach. Als Zeitzeugen berichteten sie in zwei Vorträgen über die jüngere Vergangenheit und ihre Erfahrungen mit der kommunistischen Diktatur in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Jugendlichen hörten sehr aufmerksam und interessiert zu. Für sie waren viele Informationen neu.

Die frühere Lehrerin Marianne Rüdiger, Jahrgang 1941, spielte zuerst das Lied zum Fahnenappell vor, der jeden Montag stattfand. Das erste Gefühl: ein fröhliches Kinderlied. Bei genauerem Hinhören wurde klar, dass schon kleine Kinder auf die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) eingeschworen werden sollten. „Die Partei hat immer Recht“ – das habe über allem gestanden. „Uns waren vier Unterrichtsziele vorgegeben: Die Erziehung aller Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten, zur Liebe zum sozialistischen Vaterland und zur Partei der Arbeiterklasse, zur Freundschaft mit der ruhmreichen Sowjetunion und zum Hass auf den Klassenfeind, die Bundesrepublik Deutschland„, erzählte sie. Immer sei die Staatssicherheit (Stasi) dank Überwachung, Kontrolle und Bespitzelung über alle Vorgänge informiert gewesen, so Rüdiger.

Marianne Rüdiger zeigte auch das offizelle Lesebuch der zweiten Klassen. Überall in der DDR wurden die gleichen Lehrmaterialien benutzt. Das erleichterte die Überwachung.
Marianne Rüdiger zeigte auch das offizelle Lesebuch der zweiten Klassen. Überall in der DDR wurden die gleichen Lehrmaterialien benutzt. Das erleichterte die Überwachung. | Bild: Claudia Ladwig

Die junge Lehrerin im Grenzgebiet Thüringens kam bald in Konflikt mit ihrem Gewissen. Sie beschloss zu fliehen. Über die 1300 Kilometer lange deutsch-deutsche Grenze, die auch „Schneise des Todes“ genannt wurde, war eine Flucht lebensgefährlich. Obwohl es immer wieder spektakuläre Aktionen gab, durch die Menschen unbeschadet den Westen erreichten. Sie versuchte, die ungarisch-österreichische Grenze zu überwinden, wurde entdeckt, verhaftet und zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Zwei Jahre musste sie als Kathodenmacherin bei Carl Zeiss in Saalfeld arbeiten, wurde dann als Hort­erzieherin und später wieder als Lehrerin eingestellt. Nach dem Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR erfolgten die sofortige Kündigung und sieben Jahre voller Schikanen durch die staatlichen Behörden. Im Feb­ruar 1984 reiste die Familie in die Bundesrepublik aus.

Hartwig Kluge, geboren 1947 in Halle/Saale, wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus in Mucheln auf und machte 1966 sein Abitur. Ein Lehramtsstudium blieb ihm verwehrt. Erst knapp 40 Jahre später habe er aus seinen Stasi-Unterlagen erfahren, wer ihn damals alles verraten habe, sagte er. „Wer im System mitmachte und sich anpasste, kam einigermaßen durch“, so Kluge. Doch er habe immer wieder aufbegehrt und mit 21 Jahren sei der Drang zu fliehen sehr stark gewesen.

Er erzählte, wie schlimm es für ihn war, niemanden einweihen zu können. „Wer etwas gewusst hätte, wäre auch bestraft worden.“ Mit dem Fahrrad fuhr er über 900 Kilometer nach Ungarn, traf dort Helfer und erreichte die Grenze zu Jugoslawien. Seine Eltern dachten, er feiere Silvester 1968 in Ost-Berlin. Sie erfuhren erst mehrere Wochen später, dass seine Flucht über die ungarisch-jugoslawische Grenze Anfang Januar missglückt, er verhaftet und wegen „Republikflucht“ zu einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt worden war.

Er erinnerte sich: „In der Einzelhaft in Ungarn habe ich vier Wochen lang kein deutsches Wort gehört. Die Kirchenglocken waren mein einziger Kontakt zur Außenwelt.“ Während Marianne Rüdiger viel gesungen hatte, um nicht durchzudrehen, lernte er 128 Länder und ihre Hauptstädte auswendig. Er war wie Rüdiger einige Monate lang im „Roten Ochsen“ in Halle interniert, einem der berüchtigtsten Zuchthäuser der Stasi und beschrieb die vielen Schikanen. 22 Verhöre, das längste 20 Stunden lang, habe er überstanden, ohne seine ungarischen Freunde zu verraten. Ihm sei eine frühzeitige Entlassung angeboten worden, falls er sich lebenslang als Stasi-Spitzel verpflichte. Das habe er klar abgelehnt. Im Rahmen des Häftlings-Freikaufs gelangte er im Dezember 1969 in die Bundesrepublik. Die Aufgabe, als DDR-Zeitzeuge die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten, nehme er gerne wahr, erklärte Kluge, der die Jugendlichen im BSZ immer wieder in seinen Vortrag einband.

Zeitzeugenbüro

Die Veranstaltung wurde vom Koordinierenden Zeitzeugenbüro vermittelt. Es fungiert als Servicestelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschonhausen, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stiftung Berliner Mauer. Das Projekt wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin Monika Grütters, gefördert. Das Koordinierende Zeitzeugenbüro betreibt ein Online-Portal, das bundesweit Menschen, die von der DDR politisch verfolgt wurden, die Widerstand geleistet oder die die Teilung Deutschlands in besonders einschneidender Weise erlebt haben, zu Zeitzeugenveranstaltungen vermittelt. So soll der zunehmenden Unwissenheit und Verklärung im Zusammenhang mit der SED-Diktatur entgegengewirkt werden. Informationen im Internet unter www.ddr-zeitzeuge.de