Cannabis, meist als illegales Rauschmittel bekannt, findet auch in der Medizin Anwendung. Nicht nur in Großstädten lassen Patienten zur Linderung ihrer Beschwerden Cannabis verschreiben, auch im Raum Stockach gibt es solche Bürger. Apotheker Michael Vetter bestätigt: "Wir haben etliche solcher Kunden, die von ihrem Arzt direkt zu uns kommen." Das neue Gesetz und die Verabreichung von Cannabis-Medikamenten sieht er generell aber eher kritisch: "Die gesetzten Erwartungen sind einfach zu hoch, das kann und wird kaum wie gewollt funktionieren", ist seine Ansicht.

Denn am vergangenen Freitag ist ein neues Gesetz in Kraft getreten. Zum einen dürfen Ärzte nun Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt auf Rezept verschreiben. Zum anderen müssen sich Patienten keine Ausnahmebescheinigung mehr vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte besorgen, und die Kosten für die Cannabis-Arzneien sollen von den Krankenkassen übernommen werden. Bislang musste der Patient die Kosten meist selber aufbringen. Auch gibt es jetzt eine neu eingerichtete Agentur, die den Anbau der Cannabispflanzen in Deutschland kontrollieren und regulieren wird. Voraussichtlich wird Deutschland aber erst ab 2019 eigenes Cannabis produzieren.

"Generell werden diese Medikamente nur als letztes Mittel bei austherapierten Patienten verwendet", erklärt Apotheker Vetter. Das bedeutet: Nur wenn alle anderen Therapien erschöpft sind und dennoch keine Linderung der Symptome eingetreten ist, kann man auf die Cannabis-Medizin zurückgreifen. Man kann sich ein solches Präparat nicht einfach verschreiben lassen. Zudem muss die Krankenkasse die Kostenübernahme genehmigen.

Auch die Ware selbst muss erst in der Apotheke fertiggestellt werden – eine Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nimmt. "Als das erste Mal jemand damit zu uns gekommen ist, musste ich mich zunächst anderthalb Stunden telefonisch über das Thema informieren", sagt Annette Feldmann, Apothekerin der Kuony Apotheke. "Die Arznei das erste Mal zuzubereiten, hat uns zwei Stunden gekostet." Mittlerweile dauere dies zwar nur noch eine halbe Stunde, aber auch das sei nicht wenig für einen Patienten. Dennoch ist sie den Medikamenten gegenüber nicht negativ eingestellt. "Ich habe positive Wirkungen bei Kunden beobachten können", sagt sie. Vor allem sieht sie dieses Gesetz als Chancengleichheit für Hilfsbedürftige, denn nun sei eine größere Kostendeckung der Krankenkassen gewährleistet. Annegret Nietert, Apothekerin der Bahnhofsapotheke, zeigt sich ebenfalls hoffnungsvoll: "Wenn es Menschen hilft, bin ich gerne dafür."

Michael Vetter empfindet die Informationslage als problematisch. Es gebe nicht genügend Studien, die Wirkungsnachweise bestätigen. Zudem müsse das Zusammenspiel mit anderen Medikamenten beachtet werden. Um Cannabis als Medizin zu konsumieren, wird eine Inhalation empfohlen. Für diese werden die Blüten zu einem Pulver in der Apotheke gemahlen. Aber hierbei könne man keine gleichmäßige Wirkung erzielen, so Vetter. Zudem handele es sich um ein pflanzliches Produkt, was bedeute, dass der Wirkstoffgehalt je nach Sorte und Lage sehr stark schwanke. Dies sei ein zusätzliches Problem dieser Medikamente und Arzneien.

Gründe für Verschreibung

Die mit der Hanfpflanze hergestellten Medikamente finden zur Linderung verschiedener Symptome ihren Einsatz. Laut dem Branchendienst Der Arzneimittelbrief gehören dazu unter anderem Spastik aufgrund von Multipler Sklerose sowie Übelkeit und Erbrechen aufgrund von Chemotherapien. Bei Appetitlosigkeit von ADHS-Patienten oder chronischen Schmerzen finden die Medikamente ebenfalls Anwendung. (mga)