Nenzingen/Stockach Burg- und Schlossgeschichten (5): Das Geheimnis des Walls im Wald

Zwischen Nellenburg und Nenzingen gab es eine frühmittelalterliche Befestigungsanlage, deren Ursprung und Zweck heute Rätsel aufgibt. Die Stelle ist bisher wenig erforscht, als Namen kursieren "Wall auf dem Keller" oder "Burg auf dem Keller".

Wenige Meter neben der Bahnlinie zwischen Nenzingen und Stockach liegt ein großes Mysterium zwischen den Bäumen. Unzählige Bahnreisende und Autofahrer fahren jeden Tag vorbei, doch kaum jemand weiß, was sich dort verbirgt. "Keller" heißt es zum Bereich dieses Bergsporns ganz einfach in einer alten Planskizze. Dort sind Höhlen, früher auch Keller genannt, die vor der Zeit der Kühlschränke zur kühlen Lagerung benutzt wurden. In der spärlich vorhandenen Forschungsliteratur kursieren für eine einstige Befestigung auf der Anhöhe die Namen "Wall auf dem Keller" oder "Burg auf dem Keller".

Was hat es mit dieser geheimnisvollen Stelle und den darunter liegenden Höhlen auf sich? War es wirklich eine Burg? Vielleicht. Zumindest soll es dort einen Turm geben haben. Darin ist sich die Forschung einig. Die geschichtlichen Funde in der Umgebung lassen aber verschiedene Schlüsse für den Ursprung und Zweck des verschwundenen Bauwerks zu. Bisher hat niemand historische Aufzeichnungen gefunden. "Ein Fachmann erkennt den Burgplatz dort. Viel sieht man aber nicht", sagt der Wahlwieser Historiker Fredy Meyer. Genau so ist es dann auch bei einem Treffen der Redaktion vor Ort mit dem Kreisarchäologen Jürgen Hald. Der Experte sieht sofort, wo die Reste von Wall und Graben sind. Ein Laie täte sich da schwer, erklärt er. "Der Wall ist sehr abgeflacht." Zudem ist der Rest des flachen Walls in einem größeren Bereich extrem durch einen Dachs aufgewühlt, der dort wohnt und viele Erdtunnel gräbt. An einer Stelle ist auch ein kreisrundes Loch zu erkennen, an dem sich möglicherweise Raubgräber zu schaffen gemacht haben könnten, vermutet Hald.

Aufgrund von Grabfunden aus dem 6. und 7. Jahrhundert an der Martinshalde bei der Kapelle St. Martin unweit des Bergsporns könnte es sein, dass der Wall zu einer alemannischen Siedlung gehört hat, beschreibt Meyer in seinem Buch „Auf Schritt und Tritt. Bürgen, Höhlen und heilige Orte am Bodensee“ eine der Möglichkeiten. Eine weitere Theorie ist, dass dort eine Fluchtburg von fränkischen Kolonisten in Nenzingen gewesen sein könnte. Als Argumente hierfür gibt es die Erwähnung von Ludwig dem Frommen in einer Jahrhunderte alten Urkunde und der Frankenzehnt, den der gegenüberliegende Hardt entrichten musste. Die Forschung blickt auch auf die Martinskapelle – denn St. Martin wurde in Franken verehrt.

„Möglicherweise diente sie der 1056 erstmals urkundlich erwähnten Nellenburg als Vorwerk und hatte darüber hinaus den bei Zollbruck über die Aach führenden überregionalen Handel zu kontrollieren", nennt Meyer im Buch als dritte Möglichkeit für den Ursprung der Befestigung. In einem Gespräch greift er dies auf: "Ich nehme an, dass der Wall auf dem Keller eine Vorburg der Nellenburg war." So gebe es auch einen alten Hohlweg, der dort vorbei zur heutigen Ruine Nellenburg hinauf führt.

Es gibt allerdings auch noch eine vierte Möglichkeit, die Meyer ebenfalls beschreibt und auf die Gerhard Fingerlin in einem 1982 erschienen Beitrag in der Zeitschrift "Archäologische Nachrichten aus Baden" über die Umgebung der Martinskapelle den Fokus legt. Er zeichnet die Bedeutung von St. Martin und Zollbruck nach, an denen eine wichtige Straße entlang führte: "Ein solcher Punkt kann auf nicht ohne Schutz geblieben sein, selbst wenn er anfänglich nur von einem unbefestigten Gehöft aus überwacht worden ist." Fingerlin sieht keinen Zusammenhang von Wall/Burg auf dem Keller mit der Nellenburg. Er geht davon aus, dass die kaum erforschte Stelle mit der Zollbruck und ihrer Funktion für Handel und Verkehr zu tun hat: "Die topographischen Zusammenhänge lassen es fast zur Gewissheit werden, dass die Burg auf dem Keller zum Hof bei St. Martin gehört oder wahrscheinlicher noch die Nachfolge dieses Adelssitzes angetreten hat, als ein offenes Gehöft für die hier gestellten Aufgaben nicht mehr ausreichte. Wir hätten damit eine Anlage der späteren Merowingerzeit oder der Karolingerzeit vor uns, die im Vorfeld der Pfalz Bodman ihre Rolle spielte, bis sich die politischen Gewichte an andere Orte verlagerten."

Vier Theorien also, viele plausible Beweisführungen, aber es gibt keine eindeutige Antwort. Dazu steht der Wall auf dem Keller noch zu wenig im Licht der Forschungen. Das "auf dem Keller" im Namen greift die beiden Höhlen auf, die seit gut zwei Jahrzehnten von Gittern geschützt sind und in die immer mehr zu Sand werdendender Molassestein fällt und fließt. Diese Höhlen schätzt Jürgen Hald auf höchstens 200 Jahre ein. Sie wurden vermutlich einst als Eiskeller benutzt. Es fanden sich aber bisher keine Aufzeichnungen dazu und der Wall ist noch nicht archäologisch untersucht. Allerdings ist er in der Waldfunktionenkartierung des Landes Baden-Württemberg als Bodendenkmal eingestuft. "Von Denkmalen wie diesem gibt es im Landkreis nur eine Handvoll", sagt der Experte.

So ist der der Bergsporn ein Ort der offenen Fragen: Wall oder Burg? Gibt es zwei oder verbirgt sich hinter einer verdächtig aussehenden Stelle sogar ein dritter, verschütteter Höhleneingang? Faszinierende Rätsel am Rande von Nenzingen.

 

 

Die verschwundene Anlage und die Serie

  • Burg/Wall auf dem Keller: Die geheimnisvolle Stelle, auf der es einen Wall oder sogar eine Burg gab, liegt hinter der Bahnlinie beim Zollbruck-Kreisverkehr. Das ist zwar nahe an Nenzingen aber Hindelwanger Gemarkung und im Gräflich Douglas'schen Wald. Es handelt sich um eine kleine, bewaldete Anhöhe (Bergsporn) mit zwei gesicherten Höhleneingängen auf der nördlichen Seite neben einem Waldweg. Etwa Ende der 1980er oder in den 90er-Jahren wurden dort Gitter zur Sicherung der Höhlen angebracht. Die Recherchen bei den Gemeinden Nenzingen, Stockach und der Douglas'schen Forstverwaltung, wer dies wann genau gemacht hat, endeten jedoch in einer Sackgasse, da die entsprechenden Dokumentationen momentan nicht auffindbar sind – ein weiteres Geheimnis dieser historischen Stelle. Zu den wenigen Erforschungen des Walls auf der Anhöhe gehört eine Vermessungsskizze aus dem Jahr 1974 von Hans-Wilhelm Heine. Er beschreibt in "Studien zu Wehranlagen zwischen junger Donau und westlichem Bodensee" die Stelle der ehemaligen Befestigung als Erdwall mit einem drei bis fünf Meter breiten und bis zu 1,8 Meter tiefen Spitzgraben (in diesem steht Kreisarchäologe Jürgen Hald auf dem Foto), der vom südlichen Rand des Bergrückens bei der Bahnlinie zum nördlichen hin reicht. Im Südwestlichen Bereich gibt es Aufgrabungen und Wühllöcher – vermutlich gab es damals wie heute einen Dachs, der dort lebt. Dort sollen sich aber auch möglicherweise noch Rest eines Turms unter der Erde befinden. Insgesamt ist das Bergspornplateau 100 bis 110 Meter lang und 35 bis 47 Meter breit. Das sind etwa 0,38 Hektar.
  • Die Serie: Stockach und seine Umgebung stecken voller historischer Schätze und Geheimnisse. Es gibt bekannte Burgruinen und Schlösser, aber auch Bauten und historische Persönlichkeiten, die vom Nebel der Zeit umhüllt sind. Die Serie „Burg- und Schlossgeschichten“, die in loser Reihenfolge erscheint, wirft Schlaglichter auf weniger bekannte Geschichten, Sagen oder Personen, die mit den Burgen und Schlössern um Stockach, Bodman-Ludwigshafen, Hohenfels, Eigeltingen und Orsingen-Nenzingen zu tun haben. (löf)

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