Heinrich Wagner war zeitlebens eine Respektsperson. Und Respekt war auch eines der zentralen Themen bei der Trauerfeier für den Stockacher Ehrenbürger. Wagner war am Dreikönigstag, 6. Januar, im Alter von 87 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Er habe allen Menschen Respekt entgegengebracht, so charakterisierte Pfarrer Michael Lienhard den Verstorbenen nun bei der Feier in der gut gefüllten Kirche St. Oswald. Und bei allen Redebeiträgen war der Respekt zu spüren, den sich Heinrich Wagner in der Stadt und darüber hinaus erworben hatte.

Zum Beispiel im Nachruf von Bürgermeister Rainer Stolz. "Die Stadt verliert einen prägenden Stockacher", sagte Stolz, der in den vergangenen Jahren auch Nachbar von Heinrich Wagner war. In seinem "langen und energiegeladenen Leben" habe Wagner vieles bewegt. Außer während seines Studiums in Stuttgart sei Wagner immer ein Stockacher gewesen – und daraus habe sich eine "enge und intensive Beziehung zu seiner Heimatstadt" entwickelt, so Stolz. "In so vielem stand er für die Entwicklung seiner Stadt."

"In so vielem stand Heinrich Wagner für die Entwicklung seiner Stadt." Rainer Stolz, Stockachs Bürgermeister
"In so vielem stand Heinrich Wagner für die Entwicklung seiner Stadt." Rainer Stolz, Stockachs Bürgermeister | Bild: Siegfried Kempter

Und Stolz zählte Beispiele von wegweisenden Entwicklungen auf, an denen Wagner in seiner Zeit als Gemeinderat gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Franz Ziwey beteiligt war. Eingemeindungen, Bau des Schulzentrums an der Dillstraße, das Freibad oder Entscheidungen zur Zukunft des Krankenhauses zählte Stolz da auf.

Zahlreiche ehrenamtliche Engagements

Und er würdigte die vielen ehrenamtlichen Engagements des Verstorbenen in der Stadt. So habe Wagner 35 Jahre lang die Rolle als Fürsprech des Narrengerichts gelebt und sei nach seiner Berufung 1962 wie ein Wirbelwind durchs Kollegium gefegt. Bürgerstiftung, Krankenhausförderverein, der Fußballverein VfR und die Initiierung des Stadtfestes Schweizer Feiertag sind weitere Stichworte aus der Rubrik Ehrenamt – und aus Sicht der jüngeren Geschichte die Überlassung seiner Kunstsammlung als 30-jährige Leihgabe an die Stadt. Stolz schloss, spürbar bewegt: "Wenn so eine herausragende Persönlichkeit gehen muss, hinterlässt sie eine riesengroße Lücke."

Die politische Persönlichkeit Heinrich Wagner würdigte der Bundestagsabgeordnete Andreas Jung (CDU), der aus Stockach stammt und inzwischen stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag ist, in seinem Nachruf. 1957 sei Wagner in die Adenauer-CDU eingetreten und habe der Partei in allen Höhen und Tiefen die Treue gehalten. In dieser Zeit sei Wagner zwar immer ein politischer Kämpfer gewesen, aber nie ein Parteisoldat: "Heinrich Wagner war Vordenker, Querdenker und Nachdenker."

"Heinrich Wagner war Vordenker, Querdenker und Nachdenker." Andreas Jung, Bundestagsabgeordneter (CDU), Wahlkreis Konstanz
"Heinrich Wagner war Vordenker, Querdenker und Nachdenker." Andreas Jung, Bundestagsabgeordneter (CDU), Wahlkreis Konstanz | Bild: Freißmann, Stephan

Der "schwarze Rahmen des Parteiprogramms" habe ihn nie interessiert, Wagner habe schon vor dem Flüchtlingszuzug Hilfen für Afrika angemahnt, habe schon vor der Hochzeit der Grünen die Schonung von Ressourcen gefordert und schon vor deren tatsächlicher Einführung die abschlagsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren. Und den Unternehmer Heinrich Wagner mit seiner bekannten sozialen Ader bezeichnete Jung als eine Verkörperung der sozialen Marktwirtschaft und als Gegenteil des anonymen Managers, der nur an den eigenen Vorteil denkt. "Heinrich Wagner war in einer Person eine Volkspartei", so Jung. Und ein Bonmot über einen Mann mit Kanten hatte der Bundestagsabgeordnete auch noch parat: "Unter den Charismatikern war Wagner der Porsche."

Zum Thema Respekt passt auch, dass Heinrich Wagner im Jahr 2015, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert habe, in der ebenfalls viele Flüchtlinge untergebracht werden mussten, so Pfarrer Michael Lienhard. "Seine Überzeugung war: Man kann alles schaffen, wenn man es will."

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Doch auch der private Heinrich Wagner hatte bei der Trauerfeier seinen Platz. Zum Beispiel der Schüler Wagner, der das Abitur am Konstanzer Humboldt-Gymnasium ablegte und deshalb häufig mit der Bahn nach Konstanz gefahren war. Bei den Zugfahrten habe Wagner oft seine spätere Ehefrau Margit getroffen, verriet Pfarrer Michael Lienhard. Im Jahr 1956 hätten beide in der Kirche St. Oswald geheiratet, die nun Ort der Trauerfeier war.

Das Begräbnis fand im Kreis von Familie und Freunden auf dem Friedhof Loreto statt. Beim Verlassen der Kirche sah man in vielen Gesichtern der Trauergäste ehrlich empfundene Betroffenheit. Heinrich Wagner wird in Stockach und darüber hinaus fehlen.

Unternehmen, Politik, Ehrenamt: Stationen von Wagners Leben

  • Heinrich Wagner wurde am 11. September 1931 in Stockach geboren. Das Abitur legte er 1951 am Humboldt-Gymnasium in Konstanz ab, 1953 machte er die Gesellenprüfung als Maurer und 1955 schloss er sein Studium an der Technischen Hochschule Stuttgart als Diplom-Ingenieur ab.
  • Bauunternehmer: 1956 trat er in das Unternehmen Mühlherr-Wagner ein, das von seinem Vater geleitet wurde. 1963 wird Wagner Inhaber des Unternehmens und leitet es bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2007. Von 1976 bis 2003 war Wagner im damaligen Verband der Bauwirtschaft Südbaden engagiert, von 1993 bis 2003 als dessen Präsident. Danach wurde er Ehrenpräsident.
  • Politiker: 1957 trat Heinrich Wagner in die CDU ein, ab 1965 saß er für 24 Jahre für seine Partei im Gemeinderat. In dieser Zeit war er lange Fraktionssprecher der CDU und erster stellvertretender Bürgermeister. Vor 25 Jahren sei Wagner Ehrenvorsitzender der Stockacher CDU geworden, so der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Jung in seinem Nachruf.
  • Fasnachter: 1953 kam Wagner zur Althistorischen Zimmerergilde, 1962 wurde er ins Narrengericht berufen. In den 1960er-Jahren war er maßgeblich daran beteiligt, die Narrengerichtsverhandlungen in ihrem heutigen Ablauf zu etablieren. 35 Jahre lang war Wagner Fürsprech des Narrengerichts und zuletzt laut Narrenrichter Jürgen Koterzyna der einzige Ehrengerichtsnarr.
  • Soziales Engagement: Der Unternehmer Wagner war auch für seine soziale Ader bekannt. 1998 gehörte Wagner zu den Gründungsmitgliedern des Krankenhaus-Fördervereins. Und 2008 war er einer der Gründer der Bürgerstiftung, bei der er lange im Vorstand saß.
  • Ehrentitel: 1993 erhielt Heinrich Wagner den Ehrenring der Stadt Stockach, 2015 wurde er Ehrenbürger der Stadt. im Jahr 2003 erhielt er zudem die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. (eph)