Es soll der schönste Tag des Lebens werden, zumindest einer davon: Die Hochzeit. Viele Frauen wählen dafür ein Kleid und denken jahrelang darüber nach, wie später das eigene Exemplar aussehen soll. Wenn künftige Bräute bereits ganz konkrete Vorstellungen haben, anderswo nicht fündig werden oder sich ein individuelles Kleid wünschen, wenden sie sich an Anne-Kathrin Franz im Stockacher Ortsteil Winterspüren. Die 31-jährige Schneiderin bietet seit 2015 maßgeschneiderte Kleider für Hochzeiten an. "Ich finde es schön, mit den Händen etwas zu schaffen, was bleibt", sagt die junge Mutter, die sich mit ihrer weißen Schneiderkunst selbstständig gemacht hat.

Leidenschaft begann schon in Kindertagen

"Das Interesse kam, als die Oma ein bisschen genäht hat", beschreibt Franz ihren Weg zum Schneidern. Nach der Schule habe sie sich für eine Ausbildung zur Damenschneiderin entschieden und daran mit dem Besuch einer Meisterschule angeknüpft. Zu diesem Zeitpunkt sei für sie schon klar gewesen, dass sie sich Brautmode widmen möchte. Während eines Auslandsaufenthalts in Neuseeland lernte sie die Arbeit eines dortigen Ateliers kennen. "Das hat mir Motivation gegeben, es zuhause auch zu versuchen", sagt sie. Also gründete sie Maikleid – Mai lautet ihr Mädchenname.

Während sie einen Einblick in ihren Lebenslauf gibt, sitzt sie auf einem weißen Sessel, der in einem der beiden Zimmer im Dachgeschoss ihres Elternhauses steht. Eines der Zimmer ist das Atelier, hier hängen fünf Musterkleider für eine erste Auswahl. Der Raum ist von viel Weiß geprägt, der klassischen Farbe eines Brautkleides. Im Nebenraum stehen Nähmaschine und Dampfbügeleisen, in verschiedenen Boxen befinden sich allerlei Accessoires.

Anne-Kathrin Franz hat sich mit einem Atelier für Brautkleider selbstständig gemacht und nutzt das Dachgeschoss ihres Elternhauses, um individuelle Kleider anzufertigen. Hier zeichnet sie einen Entwurf.
Anne-Kathrin Franz hat sich mit einem Atelier für Brautkleider selbstständig gemacht und nutzt das Dachgeschoss ihres Elternhauses, um individuelle Kleider anzufertigen. Hier zeichnet sie einen Entwurf. | Bild: Arndt, Isabelle

Bis ein Brautkleid fertig ist, braucht es durchschnittlich fünf Termine. Vorstellungen werden besprochen, Entwürfe gezeichnet, Stoffe ausgewählt und Maße genommen. "Viele bringen drei oder vier Bilder mit und dann schauen wir, was am besten passt", sagt Franz. Es sei ein Prozess, in das Kleid reinzuwachsen. Über durchschnittlich 60 Stunden hinweg entwickle sich ein einmaliges Stück. Die Stile und Vorstellungen ihrer Kundinnen seien dabei sehr verschieden. Nicht jede Wahl gefalle ihr persönlich, gibt die Schneiderin zu – "aber darum geht es ja nicht". Sie sei vielmehr die umsetzende Hand. Umso mehr freue sie sich, wenn Kundinnen ihr ein Bild davon schicken, wie sie das Kleid bei der Hochzeit tragen.

Fünf Termine braucht es durchschnittlich vom Entwurf bis zum fertigen Kleid.
Fünf Termine braucht es durchschnittlich vom Entwurf bis zum fertigen Kleid. | Bild: Arndt, Isabelle

Franz beschreibt ihre Arbeit als detailverliebt: "Ich kenne glaub' jede Perle beim Namen", sagt sie lachend und zeigt ein Kleid mit aufwändiger Bestickung. Sie könne sich problemlos mehrere Stunden lang damit beschäftigen, jede Perle an die passende Stelle zu setzen. Durch Arbeiten wie diese sei auch der Preis eines ihrer Kleider anders als von der Stange: Bräute müssen mit mindestens 2000 Euro rechnen. Franz bietet auch das passende Zubehör an: Eine Krawatte oder ein Einstecktuch aus dem gleichen Stoff wie das Kleid, ein Ohrring oder ein Detail für den Brautschuh. "Man rennt nicht von Laden zu Laden, sondern kann es perfekt aufeinander abstimmen", sagt die Expertin.

Ohne Vorbereitung geht Selbstständigkeit nicht

"Es ist natürlich ein schwieriger Weg", sagt Franz über die Selbstständigkeit. Zur Vorbereitung habe sie Kurse der Handwerkskammer besucht und dabei zum Beispiel erfahren, wie sie einen Businessplan erstellen und Kosten kalkulieren kann. "Ganz ohne Vorbereitung geht es nicht", sagt Franz. Besonders in ihrer Branche sei es schwer, weil Schneider in der Bodenseeregion wenig gefragt sind. Brautmode sei aber einer der Bereiche, in denen Handwerk noch geschätzt werde. Das nötige Fachwissen habe sie sich erarbeitet und über Erfahrungen gewonnen. "Ohne den Meisterkurs hätte ich mich nicht in der Lage gefühlt, die gesamte Bandbreite anzubieten", sagt sie. Dabei habe sie gelernt, etwas Neues zu entwickeln und nicht nur bestehende Schnitte zu nutzen.

Bei der Umsetzung müsse sie genau auf das Material eingehen, wie sie an einem Beispiel erklärt: Franz zeigt auf den leichten Stoff an der Front eines Kleides. Der sei deutlich schwerer zu verarbeiten als etwa Jeansstoff. Mit einem Lötkolben und Hitze sorge sie etwa dafür, dass die Enden nicht ausfransen. Dabei stammt nicht jedes Kleid komplett aus ihrer Hand: Klassische Änderungen übernehme sie nicht, doch manche Bräute frage sie um Hilfe, wenn das gekaufte Kleid nicht mehr gefällt. So habe sie für eine Kundin beispielsweise die Spitze ausgetauscht und Ärmel genäht.

Maßband und Stecknadel gehören zum Handwerkszeug von Anne-Kathrin Franz.
Maßband und Stecknadel gehören zum Handwerkszeug von Anne-Kathrin Franz. | Bild: Arndt, Isabelle

Sie hat sich ein Standbein geschaffen, von dem sie in Zukunft leben möchte. Nach einer Pause für ihre kleine Tochter wird sie für die nächste Hochzeitssaison 2019 wieder Aufträge annehmen. Einige Frauen würden sich bereits viele Monate vorab bei ihr melden, zu viel Vorlauf empfiehlt Franz aber nicht: "Viele verändern nochmal ihre Figur." Auch wenn sie mit den verschiedenen Anprobeterminen meist vier Monate Zeit für ein Kleid braucht, sei theoretisch auch ein Expresskleid innerhalb weniger Wochen möglich. Bis die nächsten Aufträge anstehen, will Anne-Kathrin Franz erst noch umziehen: Ab Herbst wird sie mit ihrem Atelier in Radolfzell-Böhringen zu finden sein.

Zur Person und zur Serie

  • Zur Person: Anne-Kathrin Franz ist 31 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann sowie der kleinen Tochter in Radolfzell. Aufgewachsen ist sie in Stockach, wo sie die Realschule abschloss. Anschließend machte sie eine Lehre zur Damenschneiderin am Stadttheater Konstanz. 2006 schloss sie als Landesbeste die Ausbildung zur Damenschneiderin ab und bekam an der Meisterschule für Mode in Metzingen ein Stipendium. Nach der Meisterschule ging sie für sieben Monate mit ihrem Mann nach Neuseeland, wo sie in Christchurch in einem Brautkleid-Atelier arbeitete. Dort entschloss sie sich nach eigenen Angaben zur Selbstständigkeit in Deutschland. Seit 2015 bietet sie im Dachgeschoss ihres Elternhauses in Winterspüren individuelle Brautkleider unter dem Namen Maikleid – Mai lautet ihr Mädchenname. Vor der Geburt ihrer Tochter arbeitete Franz außerdem am Berufsschulzentrum Radolfzell und bildete Modedesignerinnen aus.
  • Zur Serie: Für die Serie "Selbst ist die Frau" haben wir uns auf die Suche nach Frauen gemacht, die selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen. Dabei haben sie mitunter außergewöhnliche Geschäftsideen entwickelt, arbeiten in Bereichen, die traditionell männlich geprägt sind, oder bringen neue Impulse in Traditionsbranchen. Im Laufe des Sommers stellen wir in loser Reihenfolge einige von ihnen mit ihren Unternehmen vor. (isa/eph)