Zwei Jahre lang wurde geplant und überlegt, nun rückte der Bagger an: Im Großen Ried bei Espasingen entsteht im Zuge des BUND-Modellprojekts "Biotopverbund Offenland" ein weiteres Biotop. Vertreter verschiedener Naturschutzorganisationen aus den Landkreisen Bodensee und Konstanz machten sich ebenso ein Bild vom Start des Projekts wie Mitarbeiter des Landratsamtes Konstanz, des Umweltzentrums Stockach, einige Gemeinde- und Stadträte und interessierte Einwohner. Als Vertreter von Bürgermeister Rainer Stolz übernahm Gemeinderat Thomas Warndorf die einführenden Worte.

Nach dem Blühstreifen am Waldrand nördlich von Hindelwangen, dem Muckenbühl nördlich und der Eichhalde östlich von Hoppetenzell, wo Waldbereiche ausgelichtet wurden und nun Schafe und Ziegen die Flächen beweiden, ist das Große Ried der vierte Baustein. Er soll dazu beitragen, den Bestand des gefährdeten Schmetterlings Wiesenknopf-Ameisenbläuling zu sichern. Diese Art kommt im Moment in kleinen Populationen nur im Schanderied bei Wahlwies und im Stockacher Aachried vor. Dort fällt der Nahrungsspezialist jedoch immer wieder dem Hochwasser zum Opfer. Der Falter schlüpft im Sommer und legt seine Eier an die Knospen des Großen Wiesenknopfs ab. Nasswiesen werden meist im Juni oder Juli gemäht. Dabei werden die sich entwickelnden Larven vernichtet.

Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling soll durch Biotopverbundmaßnahmen im Großen Ried bei Espasingen gefördert werden.
Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling soll durch Biotopverbundmaßnahmen im Großen Ried bei Espasingen gefördert werden. | Bild: Daniel Doer, LEV Bodenseekreis.

In Espasingen wurden jetzt zwei größere Mulden als Sammelbecken für natürliches Wasser ausgehoben. Um die Wiese trockener zu legen, wurden auch einige Gräben gezogen. Karl-Hermann Rist und Oliver Rascher vom Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies, die das extensive Grünland bewirtschaften, werden die Randstreifen seitlich der Gräben künftig nicht mähen, um ein Wachstum des Großen Wiesenknopfs zu ermöglichen. An den Randstreifen können sich später die Brut der Schmetterlinge und die Wirtsameisen entwickeln.

"Auch Laubfrösche, verschiedene Libellenarten und durchziehende Schnepfenvögel, Kiebitze und Weißstörche werden von dem neuen Biotop profitieren", sagte Diplom-Biologe Jochen Kübler. Er stellte eine Reihe weiterer Maßnahmen rund um Stockach in Aussicht, beispielsweise ein Kleingewässer bei Jettweiler, Heckenrosensträucher an Böschungen oder das Beweiden brachgefallener Flächen. Auch die Neupflanzung von Obstbäumen sei denkbar.

Ziel ist ein landesweiter Biotopverbund

Projektkoordinatorin Nadja Horic betonte, die Projekte der Modellkommune Stockach sollten auch anderen Kommunen sinnvolle Maßnahmen zur Aufwertung und Erhaltung von Natur und Landschaft aufzeigen. Die Erfahrungen würden später in Form eine Broschüre verbreitet. Denn – und das stellte die Landesgeschäftsführerin des BUND in Baden-Württemberg, Sylvia Pilansky-Grosch, heraus – angestrebt sei ein landesweiter Biotopverbund. "Wir wollen dem Artensterben in der Tierwelt entgegenwirken und den Austausch der Arten möglich machen. Deshalb ist der Biotopverbund ein wichtiger Schritt hin zu weiterer Naturentwicklung und Umweltschutz." In Stockach und Umgebung werde gezielt auf einen strukturreichen Lebensraumverbund hingewirkt, die Zusammenarbeit mit den anderen Naturschutzorganisationen sei sehr gut, lobte sie.

Laut Thomas Warndorf zwingen Grund- und Gewerbesteuer Kommunen zum Naturverbrauch

Thomas Warndorf erklärte, mit diesem Modellprojekt sei auch der Erwerb von Ökopunkten verbunden. Diese dienten dazu, einen Ausgleich zwischen Flächenverbrauch für Neubaugebiete, Industrie und Gewerbeansiedlung sowie Flächenerhalt, insbesondere dem Erhalt landwirtschaftlich wertvoller Böden, zu schaffen. Er sagte: "Solange Gewerbesteuer und Grundsteuer zu den Haupteinnahmequellen kommunaler Haushalte zählen, ist dem Problem des Flächenverbrauchs nicht beizukommen." Warndorf forderte Bund und Land auf, gemeinsam mit den Verbänden von Städten und Gemeinden im Land Lösungen zu finden, den Kommunen Einnahmen zu sichern, ohne dass sie automatisch zum Naturverbrauch gezwungen seien.