Der Ruf der Landwirtschaft ist angekratzt. Vor allem konventionell arbeitenden Landwirten wird oft vorgeworfen, sie setzten Herbizide (Unkrautbekämpfungsmittel) und Pestizide (Pflanzenschutzmittel sowie Mittel zur Schädlingsbekämpfung) ein, um ihre Ernteerträge zu maximieren und Ausfälle möglichst zu vermeiden. Aber viele Landwirte in der Region engagieren sich inzwischen stark für die Umwelt. Sie nehmen an Förderprogrammen teil oder säen in Zusammenarbeit mit erfahrenen Imkern eigene Blühmischungen aus, um der Natur zu helfen.

Einer von ihnen ist Gerd Keller, der mit seiner Familie in Mahlspüren im Tal lebt. Er betreibt konventionelle Landwirtschaft ohne Viehhaltung, baute lange Zeit Weizen und Gerste an. Das warf jedoch relativ wenig Ertrag ab, erzählt er. Seit vier Jahren nimmt er daher am FAKT-Programm teil. Auf anfangs drei Hektar seiner Fläche brachte er eine jeweils einjährige Blühmischung aus.

„Die Pflanzen durchwurzeln den Boden relativ stark, es ist eine gute Regeneration.“Gerd Keller, Landwirt aus Mahlspüren im Tal
„Die Pflanzen durchwurzeln den Boden relativ stark, es ist eine gute Regeneration.“Gerd Keller, Landwirt aus Mahlspüren im Tal | Bild: Claudia Ladwig

Inzwischen ist diese Maßnahme auf sieben Hektar angestiegen und er verzichtet vollständig auf den Getreideanbau. „Ich habe das Projekt 2016 aus ökonomischen Gründen gestartet“, gibt Keller offen zu. „Aussäen, kein Dünger, kein Pflanzenschutz, relativ wenig Arbeit und Förderprämien von 710 Euro pro Hektar“ – das waren gute Argumente. Doch längst überwiegt der ökologische Gedanke und Gerd Keller hat vor, den Betrieb 2020 vollständig auf ökologische Landwirtschaft umzustellen.

Ende April bis Mitte Mai wird gesät, die ersten Blüten zeigen sich nach etwa sechs Wochen. Der Landwirt sagt: „Irgendwas blüht immer. Wir haben Schmetterlinge und Falter aller Arten sowie Wildbienen beobachtet. Im Herbst waren ganze Scharen von Vögeln in unseren Blumenfeldern und haben nach den Samen gepickt.“ Erst Ende November mulche und pflüge er die Pflanzen unter. Seine Fläche werde durch die Aktion verbessert: „Die Pflanzen durchwurzeln den Boden relativ stark, es ist eine gute Regeneration.“ Ein ortsansässiger Imker habe ihm berichtet, der Ertrag beim Honig sei deutlich gestiegen.

So schön blühten die Wiesen von Gerd Keller im letzten Sommer. Doch auch für Menschen unscheinbar wirkende Pflanzen sind in den Blühmischungen enthalten, da sie oft wertvolle Nahrung für Bienen und Insekten aller Art bieten.
So schön blühten die Wiesen von Gerd Keller im letzten Sommer. Doch auch für Menschen unscheinbar wirkende Pflanzen sind in den Blühmischungen enthalten, da sie oft wertvolle Nahrung für Bienen und Insekten aller Art bieten. | Bild: Alexander Gramlich

Seine Tochter Sandra, 27, sagt: „Viele Menschen haben kein gutes Bild von der Landwirtschaft. Sie bringen Landwirte sofort mit Glyphosat in Verbindung.“ Glyphosat ist das in Deutschland und der Welt am häufigsten eingesetzte Pflanzengift; es wird auf 40 Prozent der deutschen Ackerflächen eingesetzt, ist laut Krebsforschungsagentur der WHO „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ und zerstört die biologische Vielfalt. Sandra Keller möchte das Bild gerade rücken: „Landwirte tun so viel für die Natur. Ich finde es wichtig, auch darüber zu berichten. Über die Arbeit meines Vaters schreibe ich in meinem Online-Blog ‚mein-kraeuterkeller.de‘. Die Landwirtschaft kann auch was zurück geben.“ Vater und Tochter wünschen sich, dass viele Landwirte sie nachahmen.

Auch in Orsingen-Nenzingen werden bald überall blühende Wiesen das Landschaftsbild bereichern. Zum zweiten Mal waren Andreas Schäuble, Vorsitzender des BLHV-Ortsvereins Orsingen-Nenzingen, seine Frau Antonie und Stefan Stemmer hier besonders aktiv. Dank einer vom Ortsverein initiierten gemeinsamen Aktion der Landwirte, der Einwohner und der Kommune wurden Blühmischungen auf 25 000 Quadratmetern in der gesamten Gemarkung ausgesät.

Gerd Keller und seine Tochter Sandra am Rand einer ihrer Blühwiesen. Inzwischen nutzt der Landwirt sieben Hektar seiner Flächen für die Bienenweiden.
Gerd Keller und seine Tochter Sandra am Rand einer ihrer Blühwiesen. Inzwischen nutzt der Landwirt sieben Hektar seiner Flächen für die Bienenweiden. | Bild: Alexander Gramlich

Agraringenieur Andreas Schäuble hat diese Arbeit mit seiner Maschine für alle Landwirte übernommen. Alle Vollerwerbslandwirte und viele Nebenerwerbslandwirte seien dabei, freut er sich. Allein auf 6500 Quadratmetern landwirtschaftlicher Fläche würden bald ein- oder mehrjährige Pflanzen wachsen. „Wir haben im letzten Jahr mit zwei Vertretern des Netzwerks Blühender Bodensee gesprochen, um den Tagesablauf eines Bienenvolkes und die Abstimmung der landwirtschaftlichen Arbeiten unter einen Hut zu bekommen“, erzählt dazu Bianca Duventäster, Vorsitzende des Imkervereins Stockach. Dabei wurden auch die Blühmischungen ausgewählt. Die Imkerin bittet Landwirte, ihre Nutzflächen nicht in der Mittagshitze zu mähen, das vernichte unter Umständen Sammlerinnen eines ganzen Volkes.

Unscheinbare Pflanzen mit großem Nutzen

Die vom BLHV zusammengestellte einjährige Blühmischung enthält 21, die mehrjährige sogar 32 verschiedene Pflanzenarten. „Manche Pflanzen sehen für uns unscheinbar aus. Für Bienen und andere Insekten haben sie aber einen großen Nutzen“, sagt Antonie Schäuble. Einige Landwirte würden zusätzlich über das Förderprogramm FAKT weitere Flächen als Bienenweiden nutzen.

Außerdem, so Antonie Schäuble, hätten sie in Absprache mit der Gemeinde im Neubaugebiet Eizen 1 Samen um die neugepflanzten Bäume und an Wegrändern verteilt. Stefan Stemmer, der sich auch im Gemeinderat für die Kommune einsetzt, sagt: „Oft heißt es, die Landwirtschaft ist an allem schuldig. Jetzt legen wir vor und die Bevölkerung muss reagieren.“ Das funktioniert hier schon gut. Man komme ins Gespräch mit Privatleuten. Gerade Senioren wollten gerne eine blühende Wiese statt einer Rasenfläche. In einigen Gärten habe er selbst die Aussaat übernommen, so Stemmer.

Ortsverein gibt Samen zum Selbstkostenpreis ab

Da der Ortsverein große Samenmengen gekauft habe, diese zum günstigen Selbstkostenpreis weitergebe und nur eine geringe Menge von einem bis zwei Gramm Saatgut pro Quadratmeter benötigt würde, sei das Projekt für jedermann leicht umsetzbar. Die Wiese müsse nur wachsen und werde bestenfalls erst im kommenden Frühjahr gemäht, da trockene Stängel und Fruchtstände oft ein Winterquartier für Insekten und Nahrung für Vögel darstellten, beschreibt Stemmer. Die Blüte der ersten mehrjährigen Pflanzen steht kurz bevor. Dadurch wird die Nahrung der Bienen und Insekten nach der Apfelblüte für die nächsten Wochen sichergestellt.