Dem Handwerk geht es gut. Volle Auftragsbücher und Immobilien als lukrative Geldanlage in Zeiten von Niedrigzinsen bescheren vor allem der Baubranche Hochkonjunktur. Nur hat die Sache einen Haken: Nachwuchsprobleme machen vielen Handwerksbetrieben zu schaffen. Bei der Firma Kiefer in Stockach hat Geschäftsführer Rainer Kiefer bereits reagiert. „Wer gescheit ist, der will heutzutage nicht mehr bei Wind und Wetter draußen arbeiten“, sagt er. Sein über 100 Jahre altes Familienunternehmen, das als Zimmerei gegründet wurde, hat sich auf Sanierungen sowie die Produktion von kompletten Holzhäusern und -bauelementen spezialisiert.

In der Produktionshalle im Stockacher Industriegebiet Hardt arbeiten die 55 Mitarbeiter, die meisten davon Zimmerer und Elektriker, im Trockenen. Vier Hallenkräne transportieren schwere Bauteile von einem Produktionsplatz zum nächsten. Zwei Abbundanlagen fertigen im Dauerbetrieb passgenaue Teile für Holzkonstruktionen. Im vorderen Teil der Halle bauen die Zimmerer auch schon mal ein komplettes Obergeschoss eines Hauses zusammen. „Das ist der Grund, warum wir noch Nachwuchs bekommen“, ist sich Rainer Kiefer sicher. In der Arbeitsorganisation habe sich im Vergleich zu früher vieles geändert. Sechs Zeichner beschäftigt Rainer Kiefer als freie Mitarbeiter, die überall in Deutschland verteilt leben. Die modernen Kommunikationsmittel machen es möglich. Auch Home Office ist mittlerweile normal. "Wenn ich von zuhause aus arbeite, schicke ich den Kollegen Informationen auch mal per Whatsapp ins Büro", erzählt Rainer Kiefer.

Die Zukunft sieht er jedoch vor allem in technischen Entwicklungen. Zimmerer, die auf der Baustelle arbeiten, könne man schließlich nie durch Maschinen ersetzen. Statt Häuser mit dem Maßband zu vermessen, werde man in Zukunft verstärkt auf Laser-Scan-Methoden setzen. „So ein Gerät kostet heute um die 40 000 Euro“, erzählt er. 2030 könnten die Scanner zur Standard-Ausrüstung gehören. Auch im Bereich der Akkutechnik sieht Rainer Kiefer Entwicklungspotenzial: „Viele Geräte, wie beispielsweise Kettensägen, haben schon heute keine Stromkabel mehr.“ Wenn mehr und mehr Kabel von den Baustellen verschwinden würden, wäre das für Bauunternehmen ein Segen. „Das erhöht die Arbeitssicherheit enorm“, sagt Rainer Kiefer. Der Schlüsselfertigbau werde in Zukunft noch mehr Nachfrage erleben, ist der Firmenchef überzeugt. Der Trend gehe zudem zu Smart Homes, Häusern, die mit intelligenter Technik ausgestattet sind. Elektriker, die es den Kunden ermöglichen, ihre vier Wände nach eigenen Wünschen zu programmieren, werden immer gefragter. „Dass jemand massiv baut, einen Architekten beauftragt und dann nur noch die Zimmererarbeiten in Auftrag gibt, ist bereits sehr selten geworden“, sagt Rainer Kiefer.

Robert Schmiederer ist Zimmerermeister. Auf die Baustelle geht es für ihn nur noch selten. Sein Job: Die Betreuung der Privatkunden von der Planung bis zur Produktion. „Die Kunden sind gut informiert und wollen bei jedem Projektabschnitt beteiligt sein“, erzählt er. Auch sein Kollege Thomas Keller verlässt nur noch selten seinen Büro-Arbeitsplatz. „Als ich gelernt habe, war der Beruf Handarbeit. Heute geht vieles automatisiert“, sagt er. Die Vorteile der Technisierung liegen für ihn auf der Hand: „Wir arbeiten präziser und weniger wetterabhängig“, erzählt er und ergänzt: „Bis 2030 werden Maschinen eine noch größere Rolle spielen. Trotzdem denke ich, dass es da im Handwerk Grenzen gibt.“

Auch im produzierenden Gewerbe können Menschen nicht vollständig durch Maschinen ersetzt werden, davon ist Michael Doumanas, Marketingleiter des Qiagen-Standorts in Stockach, überzeugt. Das internationale Unternehmen entwickelt und produziert Laborgeräte etwa für die Medizintechnik-Branche. Rund 75 der 4700 Mitarbeiter von Qiagen arbeiten in Stockach. Etwa 25 sind Entwickler. "Diese Berufsgruppe arbeitet sehr klassisch. Elektrotechniker oder Mechaniker können auf ihre Arbeitsgeräte nicht verzichten", sagt der Marketingleiter. Die Flexibilisierungsmöglichkeiten der Arbeit sind also begrenzt. Auch künftig werde sich daran nach Meinung von Doumanas wenig ändern. Im Vertrieb und Marketing sieht er diesbezüglich mehr Potenzial. "Home Office ist bereits heute normal, künftig wird sich diese Entwicklung intensivieren." Doumanas lebt in Stuttgart. An zwei bis drei Tagen pro Woche kommt er nach Stockach. Die restliche Zeit arbeitet er von zuhause aus oder ist unterwegs auf Terminen. "Flexible Zeiteinteilung ist meiner Meinung nach ein großes Zukunftsthema. Die junge Generation fordert das auch ein", sagt er.

Kommunikation werde zunehmend über Internetanwendungen stattfinden. "Wenn wir über 2030 reden, kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir hologrammartige Konferenzen haben werden." Die Weichen dafür seien schon heute gestellt. Mit Kameras ausgestattete Konferenzräume gibt es bei Qiagen bereits. "Wir treiben die digitale Transformation derzeit in allen Bereichen mit hoher Priorität voran", so Doumanas. Das hat auch Einfluss auf den allgemeinen Trend der zukünftigen Arbeitsorganisation, den er so beschreibt: "Wir werden zunehmend projektbezogen in Teams arbeiten. Die Gruppenmitglieder werden sowohl aus internen als auch aus externen Mitarbeitern bestehen und nicht zwangsläufig am selben Ort sein."

Digitaler Arbeitsplatz in der Verwaltung

Ines Mergel ist Professorin für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Uni Konstanz. Eines ihrer Fachgebiete ist die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Auch dort spielt das Thema Digitalisierung längst eine Rolle.

Frau Mergel, wie weit ist die öffentliche Verwaltung bereits digitalisiert?

Derzeit befindet sie sich in der Umstellung von analog auf digital als parallele Servicedienstleistung, das bedeutet unter anderem: Papierakten werden durch elektronische Akten ersetzt. Im Moment ist das für die Bürger jedoch noch nicht unbedingt spürbar, da viele Formulare selbst wenn sie als pdf-Dokument heruntergeladen werden können, trotzdem noch ausgedruckt, von Hand ausgefüllt und in die Verwaltungsstube getragen werden müssen.

Was wäre dann der nächste Schritt?

Eine Automatisierung einiger Prozesse, die während den Lebensphasen der Bürger anstehen. Für eine Stadt wie Konstanz ist aufgrund des Umfangs der Aufgabe die Einstellung eines Beauftragen für Digitalisierung wichtig. Diese Stelle muss mit viel Budget, Kompetenz und umfassender Verantwortlichkeit ausgestattet sein, um die Digitalisierung vorantreiben zu können. Beispielsweise muss der gesamte Onlineauftritt von Städten und Gemeinden vereinfacht werden.

Und im übernächsten Schritt gibt es dann im Amt keinen Mensch mehr?

Nein, diese Sorge halte ich für unbegründet. Die meisten Vorgänge werden nicht so schnell, in manchen Bereichen nie, von Robotern übernommen werden. Selbst bis zur kompletten Umsetzung des once-only-Prinzips (bestimmte Informationen müssen nur einmal der Verwaltung mitgeteilt werden, diese tauscht sie untereinander aus, Anm. d. Red.) und der Anerkennung einer digitalen Signatur wird es noch Jahre dauern. Was aber klar ist: Die digitalen Kompetenzen der Verwaltungsangestellten müssen angepasst werden, sodass sie zukünftig weiter ihre hoheitlichen Aufgaben ausführen, aber eben mit einem anderen Medium. Und nicht nur ihre, übrigens.

Sondern?

Auch die der Bürger. Der e-Government Monitor der Initiative D21 hat gezeigt: In Deutschland haben sich digitale Kompetenzen zuletzt nicht verbessert, sondern verschlechtert. Wir haben in den Schulen und Hochschulen die digitale Agenda der Bundesregierung nicht umgesetzt. Diese Wissenslücken werden später in die Verwaltung und Politik getragen.

Fragen: Benjamin Brumm