Stockach – Johannes Waldschütz ist ein bekennender Fan: "Das Modell Kleinstadt liegt mir", sagt der neue Leiter von Stadtmuseum und Stadtarchiv, der zu Beginn des Monats seine Arbeit in Stockach aufgenommen hat. Bis Juni hat er nun Zeit, sich mit der derzeitigen Leiterin von Museum und Archiv, Yvonne Istas, einzuarbeiten. Und sofort ging es für ihn kopfüber in die Museumsarbeit hinein. Denn Istas und Waldschütz stecken mitten in der Vorbereitung der Ausstellung "Joan Miró bis Otto Dix" mit Werken aus der Sammlung des Stockacher Ehrenbürgers Heinrich Wagner.

Und dabei geht es mitunter auch handfest zu – zum Beispiel, wenn die Werke von Künstlern der klassischen Moderne bis zu den Höri-Malern an die Stellwände im Stadtmuseum gehängt werden. Da ist Anpacken gefragt. Und es ist genau dieses Anpacken, das Waldschütz meint, wenn er über das Leben in der Kleinstadt spricht: "Man legt selbst Hand an und ist für vieles zuständig." In seinem Fall für ein Museum und ein Archiv, wobei sich die Arbeit jeweils in verschiedene Teile aufgliedert (siehe Text unten).

Im Museum eröffnet nun bald die Ausstellung mit einem Querschnitt aus der Sammlung Wagner. Und auch bei deren Vorbereitung habe er vieles in der Praxis gelernt, sagt Waldschütz, der als Historiker ausgebildet ist. Zum Beispiel beim Abbau der Dauerausstellung, die für die Sammlung Wagner ins Depot wandert: "Da kommt dann beispielsweise rasch die Frage auf, wie man die Ausstellungsstücke richtig verpackt, um sie einzulagern." Ein Schnellkurs in Sachen Museumsarbeit, den Waldschütz sehr zu schätzen weiß.

Denn sein Fachgebiet war bisher die Geschichtswissenschaft, innerhalb derer er sich auf das Mittelalter spezialisiert hatte. Von daher liege ihm der stadtgeschichtliche Teil der Arbeit zwar eigentlich näher. Kunstgeschichte sei ihm aber nicht völlig fremd, neben dem Studium habe er immer wieder Kurse belegt. Die Kombination von historischer Sammlung und Kunstsammlung im Stockacher Stadtmuseum ist in Waldschütz' Augen denn auch ein Pluspunkt der Einrichtung: "Das macht den Reiz der Stadt aus."

Was er künftig im Stadtmuseum vorhat, dazu sagt Waldschütz nach knapp drei Wochen in dem neuen Job verständlicherweise noch nicht viel. Die Sammlung Hotz sowie ihre Digitalisierung und Präsentation dürften einen Schwerpunkt ausmachen, soviel ist Istas und ihrem Nachfolger klar. Mit Sybille Sommer gebe es inzwischen auch eine Museologin im Stadtmuseum, die speziell für die Sammlung Hotz zuständig sei, sagt Yvonne Istas. Und Johannes Waldschütz sagt: "Die Sammlung Wagner ist natürlich ein Pfund, mit dem man wuchern kann." Da gebe es extrem vielfältige Betätigungsmöglichkeiten.

Denn die bevorstehende Ausstellung mit Werken aus der Sammlung sei nur ein erster Querschnitt, sagt Yvonne Istas, die die Ausstellung konzipiert und den dazu erscheinenden Katalog erstellt hat. Johannes Waldschütz stellt sich nach der praktischen Vorbereitung zunächst einmal auf Kunstvermittlung ein. Jeden Donnerstag seien öffentliche Führungen durch die Ausstellung vorgesehen, die er häufig selbst leiten wolle. Und auch ein reichhaltiges Angebot für Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit der Ausstellung stellt er in Aussicht – man hoffe auf den Besuch von vielen Schulklassen. Sybille Sommer, die schon Erfahrung in der Kunstvermittlung mit Jugendlichen habe, werde außerdem beispielsweise Malkurse anbieten, sagt Yvonne Istas – etwa im Sommerferienprogramm.

Und wie blickt sie auf den bevorstehenden Arbeitsplatzwechsel ins Museum Rosenegg in Kreuzlingen? Von dem sprichwörtlichen lachenden und weinenden Auge ist die Rede, wenn man Yvonne Istas danach fragt: "Ich freue mich auf das Neue, bin hier mit der Vorbereitung der Ausstellung aber noch sehr beschäftigt." Wenn der Abschied einmal komme, dürften es aber eher zwei weinende Augen sein, so Istas' Erwartung. Denn in den 16 Jahren, die sie in Stockach gearbeitet hat, seien einige Freundschaften entstanden: "Es fällt immer schwer, loszulassen, wenn man etwas aufgebaut hat." Doch mit der Nachfolgeregelung denke sie auch: Das Kind wird in gute Hände übergeben.

Personen, Einrichtungen, Ausstellung

  • Yvonne Istas (52), promovierte Kunsthistorikerin, leitet das Stadtmuseum und -archiv seit April 2001. Sie studierte in Freiburg Kunstgeschichte mit den Nebenfächern Germanistik und klassische Archäologie. Ihre Doktorarbeit hat Istas ebenfalls an der Universität in Freiburg verfasst. Nach einem einjährigen Volontariat auf Schloss Drachenburg im Rheinland übernahm sie im April 2001 die Leitung des Stadtmuseums und Stadtarchivs in Stockach. Ab Juli wird sie im Museum Rosenegg in Kreuzlingen arbeiten – als erste fest angestellte Leiterin.
  • Johannes Waldschütz (34) war bislang wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg im Fachbereich Geschichtswissenschaft. In seiner Doktorarbeit, die er berufsbegleitend fertigstellen will, beschäftigt sich Waldschütz mit den Beziehungen von Klöstern und Adligen im Hochmittelalter. Er hat, ebenfalls in Freiburg, Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Waldschütz kennt die Region, er ist in Überlingen und Bodman-Ludwigshafen aufgewachsen. Derzeit lebt er bei seiner Familie in Überlingen, wird im nächsten Monat aber nach Hindelwangen ziehen.
  • Einrichtungen: Das Stadtmuseum befindet sich in den beiden Dachgeschossen des Kulturzentrums Altes Forstamt. Zu den Beständen gehören eine stadtgeschichtliche Sammlung, die städtische Kunstsammlung, eine große Sammlung von Zizenhausener Terrakotten und als Dauerleihgabe für 30 Jahre auch die Kunstsammlung von Heinrich Wagner. Das Stadtarchiv, für das der Nachlass der Stockacher Fotografen-Dynastie Hotz angekauft wurde, befindet sich im Untergeschoss des Stockacher Rathauses.
  • Ausstellung: Am Freitag, 23. Juni, öffnet die Ausstellung "Von Joan Miró bis Otto Dix" mit 80 bis 90 Werken aus der Sammlung von Heinrich Wagner. Sie wird bis Samstag, 30. September, im Stadtmuseum zu sehen sein. Darin wird ein Querschnitt durch die Sammlung zu sehen sein. Dazu gehören Werke der klassischen Moderne (Joan Miró, Marc Chagall, Pablo Picasso), Gegenständliches von Otto Dix oder Erich Heckel, die zeitweise auf der Höri lebten und verschiedene Richtungen der Abstraktion, etwa von Max Ackermann oder Carl Walter Liner. Die Sammlung sei sehr auf Wagner gemünzt, so Istas: "Er hat gesammelt, was ihm gefiel." (eph)