„staatsanwaltschaft konstanz um energisches vorgehen gegen raedelsfuehrer in stockach ersuchen“, telegraphierte der badische Innenminister Remmele am 13. Juni 1919 nach Konstanz. Am selben Tag hatten ihm dortige Beamte über Unruhen in Stockach berichtet: 270 Arbeiter waren mit einer roten Fahne vor das Rathaus gezogen und hatten die Absetzung von Bezirksoberamtmann Pfaff gefordert.

Löhne niedrig, Lebensmittelpreise hoch

Ihm wurde vorgeworfen, „kleine Leute“, die schwarz Eier und Butter in die Stadt schmuggelten, hart zu bestrafen. Gegenüber einem korrupten Beamten sei er hingegen untätig geblieben. Der Unmut erklärt sich durch die finanzielle Lage der Arbeiterschaft. In der Stockacher Eisengießerei Fahr herrschte seit Kriegsende Kurzarbeit. Die um ein Drittel gekürzten Löhne reichten kaum aus, um die hohen Lebensmittelpreise zu bezahlen.

Das Ministerium greift hart durch

Eine Akte des Staatsarchivs Freiburg dokumentiert das kompromisslose Vorgehen des Innenministeriums: Es setzte Pfaff wieder in den Dienst ein und ließ am nächsten Tag in Stockach überall warnende Plakate anbringen. Zwar wollte die Regierung die Vorwürfe prüfen, kündigte aber zugleich an, gegen die Urheber der Gewalttätigkeit vorzugehen.

Die Unsicherheit blieb groß: „Gerücht über Bewaffnung. Lage ernst“, telegraphierte Pfaff am gleichen Tag nach Konstanz. Von dort wurde Militär nach Stockach gesendet, weshalb die Arbeiter schließlich auf ihre Forderung nach der Absetzung Pfaffs verzichteten.

Plünderungen in der Oberstadt

Wohl um der Arbeiterschaft etwas entgegenzukommen, wurde Oberamtmann Pfaff am 1. Oktober nach zehn Jahren von seinem Posten abgelöst.

Die Lebensmittelpreise aber blieben hoch. Als im Juli 1920 die Arbeitszeit bei Fahr auf 50 Prozent zurückgefahren wurde, kam es zu erneuten Unruhen: Die Arbeiter zogen in die Oberstadt und plünderten die dortigen Geschäfte. Die Ausstellung im Stadtmuseum zeigt noch mehr aus dieser bewegten Zeit.

Die Serie: SÜDKURIER und Stadtmuseum stellen in loser Folge Dinge aus der aktuellen Ausstellung vor: „Erster Weltkrieg, Revolution und Neubeginn. Stockach im Umbruch 1917-1923"