Der Juni 1948 war ein besonderer Monat und die Aufregung in Stockach war groß. Denn vor 70 Jahren trat die Währungsreform in Kraft. Die D-Mark ersetzte die Reichsmark und in den Tagen davor liefen in der Stadt die Vorbereitungen für die Ausgabe der neuen Scheine und Münzen. Die D-Mark sollte die Wirtschaft stabilisieren, nachdem der Schwarzmarkthandel in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg den Wert des Geldes zerstört hatte. Es mangelte an Lebensmitteln und diese waren streng rationiert.

Der heute 80-jährige Fritz Metterhauser war beim Geldumtausch in der Ausgabestelle im Stockacher Rathaus am 21. Juni 1948 dabei. Sein Vater war bei der Stadt angestellt, und als zehnjähriger Junge durfte Metterhauser mithelfen.

Fritz Mettenhauser half 1948 beim Einsammeln der Reichsmark mit. BILD: LÖFFLER
Fritz Mettenhauser half 1948 beim Einsammeln der Reichsmark mit. | Bild: Löffler

Er erinnert sich noch gut an den großen Tresor in dem Gebäude mit dem Glockentürmchen in der Hauptstraße. Metterhauser half dabei, die alten, eingesammelten Geldscheine zu bündeln und die neue D-Mark auszugeben. „Das alte Geld stapelte sich neben dem Tresor“, erzählt er.

Stockacher brachten ihr Geld "in Sicherheit"

Der SÜDKURIER berichtete damals von der Zeit des Umbruchs. Stichtag für die Währungsreform war der 20. Juni, ein Sonntag. In den Tagen davor war in den Banken viel los. „Das Personal der Stockacher Banken hatte es besonders streng, da die Schlangen von den Schaltern nicht abreißen wollten. Männlein und Weiblein brachten, geordnet und in wildem Durcheinander, zum Teil riesige Beträge, galt es doch, den bedrohten Sparstrumpf noch rechtzeitig ‚in Sicherheit’ zu bringen", hieß es zum Beispiel am 15. Juni 1948 in einem Artikel.

Es gab einen "Sturm auf die Geldinstitute, wie man ihn seit dem Bestehen der Stockacher Banken noch nicht erlebt hatte“. Denn alle Bürger mussten ihr Geld einzahlen. Es wurde später auf den Konten im Kurs zehn zu eins umgerechnet. Dadurch drohte ein Geldverlust, der sich in den Geschäften bemerkbar machte: Die Bürger kauften Waren auf Vorrat und die Bäckereien waren mehrmals am Tag ausverkauft, beschreibt Hartmut Rathke in „Stockach im Zeitalter der Weltkriege“.

Vorderseite eines Fünf-Pfennig-Scheins aus dem Jahr 1948. Fritz Mettenhauser aus Stockach hat diese und andere Scheine aufbewahrt. Bild: Ramona Löffler
Vorderseite eines Fünf-Pfennig-Scheins aus dem Jahr 1948. | Bild: Ramona Löffler

Die Sparkasse Stockach, heute Sparkasse Hegau-Bodensee, schreibt in ihrer Festschrift aus dem Jahr 2005 von einem "Währungsfieber", das ausgebrochen sei: "Schnell wurden noch alte Rechnungen beglichen oder lang gehortete Gelder eingezahlt, weil manche auf einen günstigen Tauschkurs hofften."

Die Verteilung der D-Mark begann nicht ganz einheitlich. "Vor der Bezirkssparkasse hatte sich bereits bei der ersten Geldausgabe am Samstag, dem 19. Juni eine lange Schlange gebildet, aber erst am Sonntag wurde mit der Ausgabe begonnen", heißt es in der Festschrift.

Vorderseite eines Zehn-Pfennig-Scheins aus dem Jahr 1948. Fritz Metterhauser aus Stockach hat diesen und andere Scheine gesammelt. Bild: Ramona Löffler
Vorderseite eines Zehn-Pfennig-Scheins aus dem Jahr 1948. | Bild: Ramona Löffler

Ein SÜDKURIER-Artikel von damals beschreibt: „Am Sonntagfrüh ab vier Uhr wurde das neue Geld mit Kraftwagen in sämtliche Gemeinden verbracht." Zunächst lief alles ohne Zwischenfälle ab, doch dann gab es eine eingedrückte Scheibe an der Sparkasse, weil so viele das neue Geld schnell haben wollten. Jedem standen 60 Mark zu, doch es wurden nur 40 Mark verteilt. Die restlichen 20 Mark bildeten das erste Sparguthaben.

Eine 10-D-Mark-Banknote aus der Serie von 1949. Fritz Metterhauser aus Stockach hat diesen und andere Scheine gesammelt. Bild: Ramona Löffler
Eine 10-D-Mark-Banknote aus der Serie von 1949. | Bild: Ramona Löffler

Ein Artikel vom 2. Juli zieht dann ein Fazit der Wochen des Umbruchs in Zahlen: „Bei den Stockacher Banken sind vergangene Woche nicht weniger als 3,2 Millionen Mark einbezahlt worden. Das angemeldete Altguthaben beläuft sich auf 44,5 Millionen Mark.“

Die Rückseite des 10-D-Mark-Scheins von 1949. Fritz Metterhauser aus Stockach hat diesen und andere Scheine gesammelt. Bild: Ramona Löffler
Die Rückseite des 10-D-Mark-Scheins von 1949. | Bild: Ramona Löffler

Nach der Reform ging es wirtschaftlich bergauf. Die Schaufenster der Geschäfte waren wieder voll, nachdem es zuvor wenig gegeben hatte. Es hatte sich alles von viel Geld und wenig Waren zu wenig Geld und viele Waren verkehrt. Es gab es Preiserhöhungen bei den Lebensmitteln sowie beim Gas- und Strompreis, aber auch viel Neues.

So schrieb der SÜDKURIER am 9. September 1948: „Seit zwei Tagen drücken sich die Kinder an dem Schaufenster eines Geschäftes in der Oberstadt die Näschen platt, denn was es dort zu sehen gibt, ist für sie ebenso neu und unbekannt wie Südfrüchte und Schokolade.“ Wo in den Jahren zuvor die vorgegebenen Rationen die Lebensmittel beschränkt hatten, tat es dann der Inhalt des Geldbeutels.