Was heute selbstverständlich ist, war im Jahr 1920 die absolute Neuheit in Stockach: Strom. Am 8. Juli 1920 verkündeten um 18.45 Uhr Kanonenschüsse, dass die Stadt nun Elektrizität hatte. Diese Schüsse sorgten jedoch für Verwirrung. So berichtete die damalige Stockacher Zeitung am 10. Juli 1920, dass es verschiedene Theorien gebe, warum geschossen worden sein könnte. Manche sollen sich auch an den Krieg erinnert gefühlt haben.

Auf diesem Bild, das etwa im Jahr 1920 gemacht wurde, steht in der Mitte der Trafoturm in der Stadtwallkurve, den es auch heute noch gibt. Von oder zu ihm führen Stromleitungen.
Auf diesem Bild, das etwa im Jahr 1920 gemacht wurde, steht in der Mitte der Trafoturm in der Stadtwallkurve, den es auch heute noch gibt. Von oder zu ihm führen Stromleitungen. | Bild: Stadtarchiv Stockach, Bildarchiv Foto Hotz

Der Artikel stellte klar: „Es war eine Freudenskundgebung der Stadtverwaltung und die galt einem friedlichen Ereignis im Zeichen des Wiederaufbaues, welches für die künftige Entwicklung der Stadt von nicht zu unterschätzbarer Bedeutung sein wird.“

Es folgte ein Hinweis, dass die Handwerker und die Industrie sicher froh über die Elektrizität sein würden: „Wenn heute die Industrie sich irgendwo niederlassen will, so wird das Vorhandensein von elektrischen Licht und Kraft eine wesentliche Rolle spielen.“

Wahlwies war vor Stockach dran

Wahlwies, damals ein eigenständiger Ort, hatte sogar vor Stockach die Elektrizität. Das Stockacher Tagblatt, das es neben der Stockacher Zeitung gab, berichtete am 25. Juni zu Wahlwies, dass das Licht allseits freudig begrüßt werde „durch Böller- und andere Schüsse, besonders aber von der Jugend, die jedes erste Aufflammen einer Lampe mit lauten Freudensausbrüchen begleitet“.

Dieser Trafo wurde um 1925 angeliefert und vom Badenwerk in der damaligen Betriebsdirektion im ehemaligen Josefsheim eingesetzt.
Dieser Trafo wurde um 1925 angeliefert und vom Badenwerk in der damaligen Betriebsdirektion im ehemaligen Josefsheim eingesetzt. | Bild: Heinz Eschle, Stockach

Im Juli hieß es im Tagblatt zu Stockach: „Nachdem bereits in einigen umliegenden Ortschaften und Gehöften die Petroleumlampe der sehr viel Licht spendenden Elektrizität hat weichen müssen, ist es nun nach etwa einjähriger Wartezeit endlich gelungen, das elektrische Licht und die Kraft auch dahier für private, gewerbliche und landwirtschaftliche Zwecke dienstbar zu machen. Gewiss lag auch die Kriegszeit hemmend dazwischen.“

Zum Ortsbild sagt der Artikel, dass die Masten „sehr vorteilhaft“ angebracht seien, so dass „das ganze Straßenbild keinerlei Störung erleidet“.

Nicht jeder konnte sich gleich Strom leisten

Johannes Waldschütz, Leiter des Stadtmuseums- und Stadtarchivs, erklärt, dass aus Berichten deutlich werde, dass zwar der Strom angestellt worden sei, aber viele Privatleute ihre Häuser aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage noch nicht auf elektrische Energie umgerüstet hatten, also die Leitungen noch nicht verlegt gewesen seien.

Auch in der Landwirtschaft und im Gewerbe, wo die elektrische Energie zur Erzeugung von Elektromotoren verwendet wurde, seien die notwendigen Motoren noch nicht überall in Betrieb gegangen. „Aus den Abrechnungsunterlagen im Archiv können wir sehen, dass dies im Verlauf des Jahres 1921 dann deutlich zunahm“, sagt er.

In früheren Jahrzehnten führten Freileitungen vom Trafoturm über die Stadtmauer in die Oberstadt. Das Jahr dieser Aufnahme ist unbekannt.
In früheren Jahrzehnten führten Freileitungen vom Trafoturm über die Stadtmauer in die Oberstadt. Das Jahr dieser Aufnahme ist unbekannt. | Bild: Löffler, Ramona

Ausbau hakte wegen dem Mittagessen

Am 8. August 1920 berichtete die Stockacher Zeitung, dass es in Airach beim Ausbau hake. Aber nicht am Materialmangel, sondern: „Die Arbeiter haben nämlich verlangt, dass man ihnen zu annehmbaren Preisen ein Mittagessen abgebe. Niemand kann sich aber dazu entschließen. Die Ablehnung erfolgte mit dem Hinweis, dass man nicht zu essen hätte.“ Der Artikel erklärte weiter, dass die Fertigstellungsarbeiten so lange nicht fortgesetzt würden, bis das mit dem Mittagessen geklärt sei.

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Anfangs nur eine Trafostation

Zunächst hatte die Stadt Stockach eine einzige Trafostation. Es handelte sich um das Türmchen, das heute noch in der Stadtwallkurve steht und 1919 oder 1920 gebaut wurde. „Station Spitzgarten“ lautet ihr Name.

„Bereits gut zehn Jahre später war aber klar, dass Stockach eine zweite Trafostation für die Unterstadt, wo die meiste Industrie war, benötigte“, erzählt Waldschütz aus den Informationen im Stadtarchiv.

Trafos, hier 1955, kamen per Bahn nach Ludwigshafen und dann per Lastwagen der Deutschen Bahn weiter nach Stockach zum Badenwerk.
Trafos, hier 1955, kamen per Bahn nach Ludwigshafen und dann per Lastwagen der Deutschen Bahn weiter nach Stockach zum Badenwerk. | Bild: Archiv Familie Löffler

Kleiner Blick in die Entwicklung

Der Strom kam aus dem Rheinkraftwerk Laufenburg, mit dem es bereits seit 1914 einen Vertrag gab, wie Hans Wagner im Buch „Aus Stockachs Vergangenheit“ schreibt. Doch der Erste Weltkrieg hatte alles verzögert.

1921 wurde die Badische Landes-Elektrizitäts-Versorgungs AG, später Badenwerk AG, gegründet, die Stockach über viele Jahrzehnte mit Strom versorgt hat und ein großes Betriebsgelände an der Ludwigshafener Straße hatte. Die Stadtwall-Station ist laut Angaben der Stadtwerke Stockach heute eine von 125 Umspannstationen. 56 stehen in der Kernstadt und 69 in den Ortsteilen.