Wut, Trauer, Unverständnis, aber auch Mitgefühl und Reue herrschten im Gerichtssaal. Ein 20-Jähriger aus dem Landkreis Sigmaringen saß auf der Anklagebank des Amtsgerichts Konstanz, weil er Anfang Juni 2018 auf der Landesstraße zwischen Winterspüren und Stockach einen 22-jährigen Motorradfahrer mit seinem Auto erfasst und tödlich verletzt hat. Das Jugendschöffengericht verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Verkehrsgefährdung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. Die Familie des Unfallopfers brach in der Verhandlung mehrfach in Tränen aus, doch auch der Angeklagte hatte damit zu kämpfen. Emotionen und Nerven lagen blank.

Dieser Abschnitte der L 194 ist ein Unfallschwerpunkt. Immer wieder missachten Fahrer dort das Überholverbot. Am 2. Juni 2018, einem Sonntagnachmittag bei schönem Wetter, geschah Folgendes: Ein damals 19-Jähriger aus dem Landkreis Sigmaringen fuhr in seinem Auto auf der Landesstraße 194 Richtung Stockach. Hinter Winterspüren überholte er mehrere Autos, scherte ein, weil Gegenverkehr kam, dann in einer langgezogenen Rechtskurve wieder aus und erfasste dabei frontal ein entgegenkommendes Motorrad. Dessen 22-jähriger Fahrer aus dem Raum Stockach schleuderte nach der Kollision über das Auto und kam rund 30 Meter entfernt auf dem angrenzenden Radweg zum Liegen. Er starb kurz darauf noch an der Unfallstelle. Die Anklage, die der Staatsanwalt verlas, lautete deshalb auf fahrlässige Tötung und eine vorsätzliche Verkehrsgefährdung. Er stellte die Frage in den Raum, ob der junge Mann zum Führen von Fahrzeugen geeignet sei.

Einsatzkräfte der Feuerwehr mussten einen Fahrer nach dem Unfall auf der L194 zwischen Stockach und Winterspüren aus dem Auto schneiden. Vor links auf dem Bild liegen die Maschinen. Bild: Feuerwehr Stockach
Einsatzkräfte der Feuerwehr mussten einen Fahrer nach dem Unfall auf der L194 zwischen Stockach und Winterspüren aus dem Auto schneiden. Vor links auf dem Bild liegen die Maschinen. Bild: Feuerwehr Stockach | Bild: Feuerwehr Stockach

Der heute 20-jährige Angeklagte und mehrere Zeugen schilderten die Ereignisse aus ihrer Sicht. Der Unfallfahrer sagte, er kenne die Strecke nicht gut. Er habe die Überholverbotsschilder nicht wahrgenommen. "Vor mir hat einer überholt und ich bin ihm gefolgt", sagte er, gab aber an, dass er nur schauen wollte, ob frei sei, als es beim zweiten Ausscheren zur tödlichen Kollision kam. "Vom Überholverbot habe ich im Nachhinein erfahren. Ich hätte nie bewusst ein Menschenleben riskiert."

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Er wiederholte mehrfach, dass er das nicht gewollt habe und jeden Tag an den Unfall denke. Er sei sehr in seiner Religionsgemeinschaft engagiert. Er habe seinen Traumjob gekündigt und eine Teilzeitstelle angenommen, um sich mehr in der Kirchengemeinde einsetzen und Buße tun zu können. Obwohl er seinen Führerschein bis zur Verhandlung zurückerhalten hätte können, habe er darauf verzichtet. Er sei auch in verkehrspsychologischer Behandlung, erklärte er. Die Jugendgerichtshilfe bestätigte die Fakten und dass der 20-Jährige alles am liebsten ungeschehen machen wolle.

Vier Zeugen aus zwei anderen Fahrzeugen konnten sich zwar nicht an ein anderes Auto, das überholt hatte, erinnern, doch ein Sachverständiger erläuterte, dass auf der Dash-Cam des Unfallfahrzeugs ein überholendes Auto zu sehen sei. Diese Kamera hatte der 20-Jährige innen an der Windschutzscheibe angebracht. Sie hat seine gesamte Fahrt aufgenommen. Der Richter erörterte kurz mit Staatsanwalt und Verteidiger, ob das Video gezeigt werden soll. Die Verwertung war nach seiner Auffassung zulässig. Alle verzichteten jedoch darauf und sahen sich am Richtertisch lediglich Standbilder sowie andere Fotos der Unfallstelle an. Eine Polizeikommissarin vom Verkehrskommissariat Mühlhauen-Ehingen erläuterte die Bilder.

Keine Sicht, sondern Blindflug

Zu den Sichtverhältnissen beim zweiten Ausscheren stand später die Beschreibung "Blindflug" im Raum. In der langgezogenen Rechtskurve war ein großes Fahrzeug mit getönten Scheiben vor dem Auto des Angeklagten. Auch die Fahrer der Autos hinter ihm konnten den Gegenverkehr laut ihren Aussagen nicht einsehen. Ein 48-jähriger Zeuge, der als Ersthelfer beim Motorradfahrer war, sagte: "Im Prinzip konnte man den Gegenverkehr nur durch das vordere Fahrzeug hindurch beobachten. Ich hätte nicht überholt." Er habe das Motorrad erst ein, zwei Sekunden vor dem Zusammenprall gesehen.

Ein 47-Jähriger, der am Steuer eines anderen Autos gesessen hatte, erzählte, er habe mit dem zweiten Überholen gerechnet, da der 20-Jährige knapp hinter dem Vordermann gefahren sei.

Laut dem Sachverständigen hielten sich alle Unfallbeteiligten an die geltende Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 Stundenkilometer in diesem Bereich. Das Überholmanöver des Angeklagten beschrieb ein Zeuge dennoch als "zackig". Der Wagen habe sich sportlich von hinten genähert. Ein 17-jähriger Zeuge, der Beifahrer bei dem 48-Jährigen war, sprach von einem rasanten Auto und konnte dem Gericht bestätigen, dass am Motorrad das Licht an war.

Zeuge sah Motorrad aus seiner Perspektive

Ein 15-Jähriger, der im selben Fahrzeug saß, sagte, er sei schockiert gewesen, als das andere Auto kurz nach dem Einscheren wegen des Gegenverkehrs wieder rausgezogen sei. Er habe das Motorrad aus seiner Perspektive bereits sehen können.

Inwiefern das zweite Ausscheren ein Nur-Schauen-wollen oder ein tatsächlicher Ansatz zum Überholen war, konnte der Sachverständige durch das Video eingrenzen: "Gegen schauen spricht, dass man die Kurve nicht hätte einsehen können." Die Fahrspur sei 2,80 Meter breit und der Wagen sei beim Zusammenstoß 0,80 Meter auf der Gegenspur gewesen.

Weder Auto- noch Motorradfahrer hätten den Unfall verhindern können, so der Sachverständige. Die Reaktionszeit sei zu kurz gewesen. Allerdings schloss auch er sich anderen Einschätzungen an: "Es ist nicht plausibel, so ein Fahrmanöver einzuleiten. Er hätte die Rechtskurve abwarten sollen."

Richter lässt Familie zu Wort kommen

Der Richter ging nach den Aussagen noch einen ungewöhnlichen Weg, weil er sagte, ihm "fehle noch etwas". Er gab den Eltern und der Schwester des Unfallopfers die Möglichkeit, etwas zum Verstorbenen zu sagen. Der Vater nannte die Geschehnisse "unverzeihlich" und die Mutter weinte, weil sich die Familie nicht von ihrem Sohn verabschieden konnte. "Er war immer für alle da und wird uns immer in Erinnerung bleiben", sagte die Schwester.

Staatsanwalt sieht Vorsatz bei Verkehrsgefährdung

Der Staatsanwalt plädierte am Ende auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung nach dem Erwachsenenstrafrecht, da der junge Mann genug Reife zeige: "Es steht außer Frage, dass der Angeklagte für den Tod des Motorradfahrers verantwortlich ist." Zudem sah er den Verkehrsverstoß als vorsätzliche Verkehrsgefährdung an. "Wer mit null Sicht rauszieht, macht einen Blindflug. Für mich ist das Vorsatz." Zudem forderte er eine Verkehrsschulung, 200 Sozialstunden und weitere sechs Monate Führerscheinentzug.

Verteidiger will milde Strafe

Der Verteidiger schloss sich mit der fahrlässigen Tötung an, betonte aber, dass sein Mandant sich an einem anderen Fahrer beim Überholen orientiert habe. "Wir sind im fahrlässigen Bereich." Er bat um "eine milde Strafe" nach dem Jugendstrafrecht, die zur Bewährung ausgesetzt werden solle.

Bewährung und Sozialarbeit

Das Urteil lautete schließlich zehn Monate auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Verkehrsgefährdung. Der 20-Jährige muss 130 Stunden gemeinnützige Arbeit nach Weisung des Jugendgerichtshelfers leisten und darf frühestens in sechs Monaten wieder eine Fahrerlaubnis beantragen. "Das Urteil kann nur ein strafrechtlicher Abschluss sein, eine Wiedergutmachung ist nicht möglich", fasste der Richter zusammen.

Richter und Schöffen hielten dem jungen Mann zugute, dass er keine Vorstrafen hat und nicht für gefährliche Fahrweisen bekannt sei. Der Richter sagte zudem, dass er in vergleichbaren Fällen noch keinen Angeklagten erlebt habe, der von sich aus schon so viel zur Buße getan habe. Das Urteil ist bereits rechtskräftig, da beide Seiten auf Rechtsmittel verzichtet haben.

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Die Strecke und die Gesetzeslage

  • Landesstraße 194: Die Strecke zwischen Winterspüren und Stockach hat langgezogene Kurven. Dort gilt Überholverbot. Das erste Schild steht nach dem Ortsausgang von Winterspüren. Später folgt ein Wiederholungszeichen, wie ein Sachverständiger und eine Polizistin erklärten. Im Bereich des tödlichen Motorradunfalls von Anfang Juni 2018 herrscht Tempo 100, doch im weiteren Verlauf Richtung Freibad gibt es eine Reduzierung.
  • Unfallschwerpunkt: Zwischen Stockach und Winterspüren geschehen immer wieder Unfälle. Dort missachten Autofahrer oft das geltende Überholverbot. Der Unfall am 2. Juni 2018, bei dem ein überholendes Auto einen 22-jährigen Motorradfahrer erfasst hat, war der zweite tödliche innerhalb von knapp zehn Monaten und der dritte schwere Unfall in drei Jahren. Die Polizei stufte den Streckenabschnitt deshalb als Unfallhäufungslinie ein. Die Bedingungen dafür sind: drei schwere Unfälle in drei Jahren auf einer Strecke von 600 Metern.
  • Strafgesetzbuch: Fahrlässige Tötung ist im Paragraf 222 des Strafgesetzbuchs geregelt: "Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Zur fahrlässigen Verkehrsgefährung sagt Paragraf 315c, dass eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe möglich ist. (löf)