Die Knochen, die vor wenigen Tagen bei Bauarbeiten in Steißlingen zum Vorschein gekommen sind, waren zum Glück schon alt. Sehr alt. Ein Fall für Kreisarchäologen Jürgen Hald. Er wurde vom Bauunternehmen verständigt und machte sich vor Ort selbst ein Bild. Das Ergebnis der Bergung gibt laut dem Experten aber noch Rätsel auf: Um eine normale Bestattung handle es sich nicht. Vielmehr sehe es so aus, als sollte der Körper einer jungen Frau vor mehreren hundert Jahren schnell beseitigt werden.

Bauarbeiter erkundigten sich schon vor dem Graben. Doch hier wurde kein Fund vermutet

„Der Baggerfahrer hatte ein gutes Auge“, sagt Jürgen Hald. Denn beim Aushub einer Baugrube in der Kehlhofgartenstraße in Steißlingen bemerkte er ihm in den dunklen Erdschichten einige helle Knochensplitter. „Uns ist ein Fleck aufgefallen, also haben wir vorsichtig gegraben. Dann haben wir eine Schädeldecke gefunden“, erinnert sich Christian Schwarz. Er leitet das Tiefbauunternehmen, das in Steißlingen derzeit eine Baugrube für zwei Einfamilienhäuser vorbereitet.

So fanden Bauarbeiter in Steißlingen ein Skelett aus dem Mittelalter: Sobald sie eine Schädeldecke erblickten, war klar, dass das ein Fall für den Kreisarchäologen ist.
So fanden Bauarbeiter in Steißlingen ein Skelett aus dem Mittelalter: Sobald sie eine Schädeldecke erblickten, war klar, dass das ein Fall für den Kreisarchäologen ist. | Bild: Christian Schwarz

Gemäß einer Auflage des Landes habe er sich schon vor den Bauarbeiten erkundigt, ob dort mit einem Fund zu rechnen ist. „Die wissen ja, wo historische Siedlungen waren. Wenn beim Nachbargrundstück schon etwas gefunden wurde, kann man fast davon ausgehen, dass das auch bei der aktuellen Baustelle sein wird“, erklärt Schwarz dem SÜDKURIER. Doch dem sei in Steißlingen nicht so gewesen: „Es war ein Glückstreffer.“ Also rief er Jürgen Hald an.

Notgrabung soll schnell das Skelett sichern

Kreisarchäologe Hald leitete eine sogenannte Notgrabung ein, um die menschlichen Gebeine freizulegen und zu dokumentieren. „Wir müssen da schnell reagieren, damit es bei der Baustelle weitergehen kann“, sagt Hald dem SÜDKURIER. So hätten sie noch gegraben und geborgen, während an anderer Stelle weiter gebuddelt wurde. Das bestätigt auch Christian Schwarz: „Jürgen Hald kümmert sich immer um eine schnelle Lösung, deshalb arbeiten wir auch so gerne mit ihm zusammen.“ Der Fund habe die Arbeiten nicht lange aufgehalten. „So einen halben Tag kann man dafür opfern“, sagt Schwarz.

Denn es sei auch für ihn interessant, was zutage komme. Im vergangenen Jahr hätte sein Team bei Bauarbeiten in Friedingen schon mehrere Skelette gefunden und dann verfolgt, was Experten zu den Funden sagen konnten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehrere Aspekte zeigen: Das ist kein gewöhnliches Grab

Beim aktuellen Fund fielen schon vor Ort Ungereimtheiten auf, wie Jürgen Hald erklärt. Beim sorgfältigen Abtrag der Erdschichten habe sich gezeigt, dass das gut erhaltene Skelett in einer großen, mit dunkler Erde gefüllten Grube lag, die sich deutlich von dem hellen sandigen Untergrund abzeichnete. Wie das Landratsamt mitteilt, legten Grabungstechniker Björn Schleicher und der ehrenamtliche Beauftragte der Landesdenkmalpflege Herman Schmid die menschlichen Überreste frei.

So fanden Bauarbeiter in Steißlingen ein Skelett aus dem Mittelalter: Sobald sie eine Schädeldecke erblickten, war klar, dass das ein Fall für den Kreisarchäologen ist.
So fanden Bauarbeiter in Steißlingen ein Skelett aus dem Mittelalter: Sobald sie eine Schädeldecke erblickten, war klar, dass das ein Fall für den Kreisarchäologen ist. | Bild: Christian Schwarz

Dabei fiel ihnen auf, dass das Skelett nicht wie üblich sorgfältig in West-Ost-Richtung auf dem Rücken liegend bestattet wurde, wie man es von regulären christlichen Bestattungen kenne. Der Leichnam habe auf dem Bauch gelegen und auf dem abgeknickten rechten Arm. Auch das abgeknickte linke Bein weise auf eine sorglose, rasche Beseitigung des toten Körpers in einer Abfallgrube hin. Die Grube enthielt auch einzelne Keramikscherben und Teile von Ziegeln sowie Tierknochen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wovon die Experten aktuell ausgehen

„Vermutlich handelt es sich um eine erwachsene Frau, die jedoch noch jünger als 25 Jahre war“, schildert der Kreisarchäologe ihre ersten Erkenntnisse. Beim Skelett fand sich auch eine einfache, stark korrodierte Eisenschnalle. Hald geht davon aus, dass die Funde aus dem späten Mittelalter des 13. bis 14. Jahrhunderts stammen. Ob es sich um ein Verbrechens-, Kriegs- oder Seuchenopfer handelt, lasse sich derzeit nicht genauer einschätzen. Das werde nun ein Anthropologe des Landesamtes für Denkmalpflege untersuchen. Anschließend werden die Knochen dann im Fundarchiv des Landes bei Rastatt verwahrt.

Da sich in der Baugrube keine weiteren Skelette fanden, handelt es sich um einen Einzelfund. „Auch dies spricht für eine irreguläre Sonderbestattung außerhalb eines normalen Friedhofs oder Gräberfelds“, sagt Hald, der ähnliche verscharrte Tote zuletzt an einer frühneuzeitlichen Richtstätte in Allensbach ausgegraben hat.

Das könnte Sie auch interessieren

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.