Yara El Dessouky setzt sich ans Steuer des blauen Fords mit Züricher Kennzeichen. Endlich. Bis zur Pforte des Verkehrsübungsplatzes ist ihr Vater gefahren. Gleich dahinter findet der Fahrerwechsel statt. Die 16-Jährige will ab Januar 2021 den Führerschein in der Schweiz machen. Um schon mal ein Gefühl für das Fahren zu bekommen, kommt sie mit ihren Eltern dienstagsabends nach Steißlingen.

Schon fünfmal hat sie im Fahrdynamischen Zentrum Bodensee (FDZ) geübt. Der Erfolg ist sichtbar. Im geschützten Parcours macht sie auf der kurvenreichen Strecke schon eine ganz gute Figur, kann der Reporterin sogar beim Fahren mit einem Lächeln zuwinken. Ja, hier kann man die Fortschritte im Halbstundentakt erleben.

Yara El Dessouky (16) kommt aus Zürich und war schon fünfmal in Steißlingen auf dem Trainingsparcours, um Fahrpraxis zu erlangen. Bild: Gudrun Trautmann
Yara El Dessouky (16) kommt aus Zürich und war schon fünfmal in Steißlingen auf dem Trainingsparcours, um Fahrpraxis zu erlangen. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Trautmann, Gudrun

Ein junger Fahrer aus Schaffhausen legt im Tesla seines Begleiters einen atemberaubenden Spurt hin. Er soll wohl lernen, was Beschleunigung heißt. Das Geschehen wird vom Balkon des Verwaltungs- und Konferenzgebäudes genau beobachtet. Hier müssen sich die Fahranfänger oder Auffrischer anmelden und können gegen eine Gebühr von 18 Euro eine Stunde lang üben: anfahren, schalten, bremsen, Spur halten, rückwärtsfahren, einparken.

Einparken für Anfänger, das kann man im Fahrdynamischen Zentrum Bodensee in Steißlingen ohne Blechschaden üben.
Einparken für Anfänger, das kann man im Fahrdynamischen Zentrum Bodensee in Steißlingen ohne Blechschaden üben. | Bild: Trautmann, Gudrun

Während Fahranfänger in der Schweiz nach ihrer theoretischen Prüfung im Beisein routinierter Autofahrer bereits am öffentlichen Verkehr teilnehmen dürfen, ist das in Deutschland erst nach bestandener praktischer Fahrprüfung möglich. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder Schweizer Kennzeichen auf dem Verekhrsübungsplatz zu sehen sind.

Im Einzeltraining vermittelt Simon Rogowski auf glatter Fahrbahn den Umgang mit schwierigen Situationen. Bild: Gudrun Trautmann
Im Einzeltraining vermittelt Simon Rogowski auf glatter Fahrbahn den Umgang mit schwierigen Situationen. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Trautmann, Gudrun

Es sind junge Leute wie Yara El Dessouky, die sich auf dem geschützten Gelände etwas Routine im Umgang mit dem Fahrzeug aneignen wollen, um sich dann im echten Fahrunterricht mehr auf den Straßenverkehr und die Regeln konzentrieren zu können.

Auf der Strecke ist es mittlerweile ziemlich voll geworden. Ich bin mit meiner Nichte unterwegs. Als Beifahrerin stellt man sich die Frage, ob das Bremsmanöver rechtzeitig eingeleitet wird. Nur nicht zu viel reinreden. Intuitiv geht der rechte Fuß im rechten Fußraum vom nicht vorhandenen Gas- auf das nicht vorhandene Bremspedal. Da hat es ein Fahrlehrer schon leichter.

Abgewürgt – der Stresspegel steigt

Aber die Sorge war unnötig. Die Nichte hat tadellos gebremst. Doch beim Anfahren macht der Wagen einen Hüpfer. Abgewürgt. Das passiert dreimal hintereinander. Der Stresspegel steigt. Die Anfängerin lässt sich nichts anmerken. Zum Glück ist das hier keine echte Kreuzung. Rundherum sieht man immer wieder Autos hüpfen. Und dann ein Lachen.

Ein Mann erscheint mit einem betagten Herrn auf dem Gelände. Sie üben einparken. Die roten Plastikhindernisse lassen sich zu Parkbuchten umbauen. Die Gefahr eines Blechschadens besteht nicht, wenn man dem Hindernis zu nahe kommt.

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Ein Fahrzeug mit drei mittelalten Männern macht den Beobachtern auf dem Balkon allerdings Sorgen. Der Fahrer hat den Motor auf der kurvenreichen Strecke abgewürgt und bekommt ihn nicht mehr in Gang. Als er endlich wieder fährt, ist er auf der Einbahnstrecke zum Geisterfahrer geworden. Jetzt müssen die Aufseher einschreiten.

Szenenwechsel: Am Tag darauf ist das Gelände leer. Fahrtrainer Simon Rogowski wartet auf Ingo Erben. Dieser erhält von dem privaten Trainer Einzelunterricht. Der Reutlinger hat das zweistündige Training von seinem Vater geschenkt bekommen, nachdem dieser einen Schleuderkurs in Steißlingen absolviert hat.

Österreich machte Sicherheitstraining verpflichtend – die Zahl der Unfälle von Fahranfängern sank um 77 Prozent

Jetzt ist ein Teil der Strecke geflutet und damit glatt wie Schnee oder Glatteis. Der Trainer fordert Erben zum Slalomfahren auf und steigert von Mal zu Mal das Tempo. Ingo Erben ist ein routinierter Autofahrer. Doch in der letzten Kurve bricht das Heck aus. Auch das Bremsen auf glatter Strecke wird zum Stresstest. Plötzlich auftauchende Hindernisse in Form von Wasserfontainen werden bei höherer Geschwindigkeit mehrfach überfahren.

Der Nutzen dieser Übungen? „Die Kursteilnehmer lernen nicht nur das Fahrverhalten ihres Autos besser kennen, sondern auch mit der Schrecksekunde umzugehen“, erklärt Rogowski. „Im Alltag sind die wenigsten Verkehrsteilnehmer auf so eine Situation vorbereitet und reagieren dann gar nicht. Das kann zu schweren Unfällen führen.“

Im Einzeltraining vermittelt Simon Rogowski auf glatter Fahrbahn den Umgang mit schwierigen Situationen. Bild: Gudrun Trautmann
Im Einzeltraining vermittelt Simon Rogowski auf glatter Fahrbahn den Umgang mit schwierigen Situationen. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Trautmann, Gudrun

Seit 2015, also seit Eröffnung des für 5,5 Millionen Euro gebauten Fahrsicherheitszentrums, erteilt Simon Rogowski als selbstständiger Ausbilder und Instruktor diese Trainings. Auch Rennstreckentrainings gehören dazu. Doch das Wichtigste sind ihm die Seminare für Führerscheinneulinge. „In Österreich sind diese Sicherheitstrainings innerhalb der ersten neun Monate nach Prüfungsabschluss Pflicht“, berichtet Rogowski. „Seither ist die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in dieser Altersgruppe um 77 Prozent gesunken.“

Simon Rogowski bringt auch erfahrene Autofahrer beim Schleuderkurs noch ins Schwitzen. Seit 2015 bietet er Einzel- und Gruppentrainings an. Bild: Gudrun Trautmann
Simon Rogowski bringt auch erfahrene Autofahrer beim Schleuderkurs noch ins Schwitzen. Seit 2015 bietet er Einzel- und Gruppentrainings an. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Trautmann, Gudrun

Auch in der Schweiz sind solche Kurse in den ersten zwölf Monaten nach Führerscheinprüfung Pflicht. In Deutschland bisher noch nicht. Rogowski sieht hier Handlungsbedarf und stimmt damit mit der Kreisverkehrswacht Konstanz-Hegau überein. Diese betreibt eine Jugendverkehrsschule und bietet ebenfalls Sicherheitstrainings an.

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