Sie sind seit gut einem Jahr Bürgermeister von Steißlingen. Wie haben Sie sich eingelebt?

Ich bin sehr gut angekommen. Nachdem ich im Januar 2018 mein Amt angetreten habe und in der ersten Zeit gependelt bin, konnte ich schon ab März eine Wohnung in Steißlingen beziehen. Ich kann zu Fuß ins Rathaus laufen oder Rad fahren und versuche, jede Strecke mit dem Auto zu vermeiden. Auch im Rathaus bin ich sehr gut aufgenommen worden. Die Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern und dem Gemeinderat ist sehr angenehm. Wir ziehen alle an einem Strang.

In welchen Situationen ist es für Sie ein Vorteil, ein junger Bürgermeister zu sein, in welchen empfinden Sie es vielleicht als Nachteil?

Obwohl ich der jüngste Bürgermeister des Landkreises bin, spielt mein Alter sehr selten eine Rolle. Ich glaube aber, dass es für mich dann von Vorteil ist, wenn es darum geht, mit neuen Technologien zu arbeiten oder künftige Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse einzuschätzen. Konkrete Nachteile kann ich nicht benennen. Ich glaube aber, dass es für junge Bürgermeister von besonderer Bedeutung ist, von Anfang an fachlich zu überzeugen.

Das könnte Sie auch interessieren

Sie haben Steißlingen im vergangenen Jahr kennenlernen dürfen. Wie würden Sie die Gemeinde beschreiben?

Steißlingen ist eine dörflich geprägte Gemeinde, die sich zu einer modernen Gemeinde gewandelt hat. Während früher die Landwirtschaft im Vordergrund stand, wird die Gemeinde heute durch die Themen, Familie, Bildung und Gewerbe geprägt. Diesen Wandel haben die beiden Filme über Steißlingen sehr deutlich gezeigt. Außerdem zeichnet sich die Gemeinde besonders durch ein breites bürgerschaftliches Engagement aus.

Was unterscheidet Ihre Arbeit als Bürgermeister von Ihrer Arbeit als Kämmerer in Engen?

Die Arbeit als Bürgermeister ist wesentlich vielfältiger und umfasst alle Themenbereiche einer Gemeinde. Jeder Tag ist anders. So habe ich zum Beispiel morgens eine Besprechung zur Kinderbetreuung, danach geht es um ein technisches Projekt, mittags gehe ich zu einer Goldenen Hochzeit und abends ist vielleicht eine Gemeinderatssitzung. Auch der Kontakt zu Bürgern macht diese Vielfalt aus.

Haben Sie denn noch Zeit für private Aktivitäten, wie zum Beispiel, sich mit Freunden zu treffen?

Ich habe auf jeden Fall weniger Freizeit und gerade im ersten Jahr blieb nicht viel Raum für Hobbys. Aber wenn ich mal ein Wochenende frei habe, dann gehe ich, jetzt im Winter, gern Snowboard fahren und versuche auch sonst, Zeit für Freunde, Bekannte und Familie zu haben. Ich finde es wichtig, dass man sein soziales und privates Umfeld pflegt und damit auch den Boden unter den Füßen behält.

Ein Thema Ihres Wahlkampfes war, dass Sie die Digitalisierung in der Gemeinde voranbringen wollen. Ist Ihnen das gelungen?

Steißlingen ist zum einen auf Facebook und Instagram vertreten. Das ist gut, wenn wir zum Beispiel eine schnelle Meldung rausgeben, dass eine Straße gesperrt ist. Außerdem wollen wir den Breitbandausbau für Wiechs vorantreiben. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass es sehr mühsam ist, die Fördergrundlagen zu erarbeiten. Außerdem arbeiten wir an einem Modellprojekt, bei dem der Bürger die Genehmigung für eine Plakatierung komplett online erledigen kann.

Steißlingen ist als familienfreundliche Gemeinde ausgezeichnet worden. Was bedeutet die Auszeichnung?

Die Auszeichnung trägt zum einen zur Identifikation bei, aber auch zur Prüfung unter dem Gesichtspunkt: Wo können wir uns noch verbessern? Die Familienfreundlichkeit umfasst nicht nur, dass die Gemeinde eine gute Kinderbetreuung anbietet. Sie umfasst alle Generationen und bedeutet zum Beispiel, dass man Kontakt zu Unternehmen sucht und über familienfreundliche Arbeitszeitmodelle spricht oder das bürgerschaftliche Engagement in der Seniorenwohnanlage fördert.

Es gibt inzwischen auch einige Jugendliche, die sich in die Gemeindepolitik einbringen. Wie kam das?

Wir hatten im November die zweite Jugendkonferenz und haben neue Jugendvertreter. Das ist kein Jugendgemeinderat, sondern eine Gruppe, die die Interessen der Jugendlichen vertritt. Die Jugendlichen haben zum Beispiel angeregt, eine Mountainbikestrecke in der Gemeinde auszuweisen. Außerdem wollen wir ein Erstwählerforum veranstalten, bei dem erklärt wird, wie Kommunalwahl funktioniert und die Parteien die Möglichkeit haben, sich vorzustellen.

Als Sie angefangen haben, brannte den Bürgern vor allem das Thema Nahversorgung unter den Nägeln. Hat mit dem neuen Netto-Markt an der Singener Straße das Thema an Brisanz verloren?

Es ist gut, dass die Ansiedlung des Netto-Marktes gelungen ist, aber wir haben das Thema weiter im Fokus. Dazu müssen wir die Entwicklung in der ganzen Gemeinde im Auge behalten und eine Strategie entwickeln. Die Bürgerbefragung liefert dazu eine Grundlage. Wichtig für die Entwicklung ist auch, dass wir den Ortskern lebendig halten und als Ort der Begegnung nicht vernachlässigen.

Der Verkehrslärm an der Singener Straße, der Hauptverkehrs- und Durchfahrtstraße von Steißlingen, macht vielen Bürgern zu schaffen. Was kann die Gemeinde tun?

Der Verkehrslärm mit um die 9000 Fahrzeugen pro Tag und Schwerlastverkehr ist ein Problem. Da es eine Landesstraße ist, ist die Gemeinde für die Straße nicht zuständig. Die Straße ist sanierungsbedürftig, was den Lärm verstärkt. Ein Anwohner hat mir ein Video gezeigt, bei dem das Wasser nach einem Regen in zwei Sturzbächen durch die Spurrillen strömt, das bedeutet auch ein Sicherheitsrisiko. Wir lassen derzeit eine Lärmkartierung erstellen, um daraus Maßnahmen ableiten und begründen zu können. Außerdem setzen wir uns gegenüber dem Land für eine zeitnahe Sanierung ein.

Was steht für Sie in diesem Jahr noch auf dem Plan?

Wir wollen mit dem neuen Gemeinderat ein Entwicklungskonzept für die Gemeinde erstellen. Darin soll auch ein Modell der Bürgerbeteiligung zum Tragen kommen. Es sollen die Leitlinien für die Zukunft der Gemeinde festgelegt werden. Das wird ein spannendes Thema. Außerdem ist im Mai Kreistagswahl und ich hoffe, in den Kreistag gewählt zu werden. Es geht mir dabei darum, die Interessen der Region zu vertreten. Ich finde, die Gemeinden der Region sollten sich als Gemeinschaft sehen und als solche auftreten. Die interkommunale Zusammenarbeit wird auch im Hinblick auf steigende Komplexität und globale Zusammenhänge immer wichtiger.

Fragen: Jacqueline Weiß