Sie bereiten gerade wieder eine Ausstellung vor. Wie kam es dazu und woran arbeiten Sie?

Ich arbeite meistens mit den grundsätzlichen Strukturen von Würfel, Zylinder und Kugel. Gleichzeitig bin ich ein Digitalisierungsmuffel. Ich habe keinen Fernseher, keinen Computer und kein Handy und sehe die Digitalisierung kritisch. Durch die Vorstellung, dass nach einer digitalen Sintflut alles von vorn beginnt, und durch eine fiktive Rede des Pythagoras über die göttlichen Grundformen angeregt, habe ich die drei Grundformen in einer Serie von Pastellen entstehen lassen. Das rote Quadrat steht für Realität, das gelbe Dreieck für den Intellekt und der blaue Kreis für die Spiritualität. Als räumliches Objekt habe ich diese drei Formen in sich verschränkt dargestellt. Als Zeichen, dass ihre symbolische Bedeutungen nur gemeinsam Sinn machen.

Sie werden am 4. August 90 Jahre alt. Denken Sie nicht daran, sich nach einem arbeitsreichen Leben zur Ruhe zu setzen?

Ich finde es wunderbar, dass ich trotz kleinerer Einschränkungen etwas schaffen kann, ohne zu müssen. Ich wohne jetzt seit zehn Jahren wieder in Steißlingen und fühle mich wohl. Ich bin froh, den ganzen Schlamassel eines sehr bewegten Lebens hinter mir gelassen zu haben. Ich kann die Dinge mit einem interesselosen Wohlgefallen betrachten und habe viel Zeit, mir Gedanken zu machen, über mein Leben und die Welt. Auch viel Zeit zu lesen. Außerdem bin ich ein geselliger Mensch. Hier hat sich eine Künstlergruppe aus der Region gebildet, die Baum-Gruppe, die aus einer Ausstellung heraus entstanden ist. Wir treffen uns einmal im Monat, lassen es uns gut gehen und üben konstruktive Kritik, ohne Konkurrenzdenken. Das ist mir wichtig.

Sie haben schon ein langes Leben hinter sich: Wie sehen Sie die Welt heute?

Ich bin in Steißlingen aufgewachsen und habe als Bub in der Landwirtschaft mitgearbeitet. Man hat gesehen, was man geleistet hat und für seine Leistung Geld bekommen. Heute wird aus Geld, mehr Geld gemacht, ohne Leistung. Das ist höchst unanständig. Durch Digitalisierung und Roboterisierung gehen Arbeitsplätze verloren. Die Arbeit verliert an Bedeutung, die Menschen haben keine Aufgabe mehr. Das macht mir Sorge. Wir leben auf eine obszöne Art im Wohlstand, besonders im Bezug auf den Verschleiß unserer Ressourcen. Das bleibt nicht ohne Wirkung.

Was hat Sie geprägt und wie kamen Sie zur Kunst?

Ich habe eine Lehre bei Allweiler als technischer Zeichner gemacht. Danach arbeitete ich als Vermessungstechniker, als Kartograf und Illustrator. In Konstanz besuchte ich Kurse bei einem Maler und einem Bildhauer. Da war klar: Du musst nochmal die Schulbank drücken. Es gab da eine neue Hochschule für Gestaltung in Ulm, die sich in der Nachfolge des Bauhauses sah. Diese Schule war entscheidend für mein Leben. Wir waren nur 150 Studenten, die Hälfte Ausländer. Es war wie eine Gehirnwäsche. Ich konnte sie drei Jahre finanzieren und musste dann wieder Geld verdienen. Ich arbeitete zunächst als Designer in der Werbeabteilung eines Elektrokonzerns, danach freiberuflich. Nach und nach beschäftigte ich mich immer mehr mit Grafiken und Skulpturen, bis ich die Kunst zum Hauptberuf machen konnte.

Was bedeutet Kunst für Sie?

Kunst ist immer ein Ausdruck. Der Künstler muss eine Form gefunden haben, die andere berührt. Sie muss etwas im Betrachter auslösen oder er muss sein Vergnügen daran haben. Er sollte auf etwas aufmerksam werden, was er sonst nicht gesehen hätte oder was verdrängt wird. Kunst muss aber immer etwas offen bleiben und etwas Geheimnisvolles haben. Sie ist ein Ereignis, das sich zwischen mir und einer Arbeit einstellt. Sie muss mir die Augen öffnen.

Fragen: Jacqueline Weiß