Forum-Sprecher Markus Bihler sieht einen „Gutachten-Skandal“ und verweist auf ihm vorliegende Unterlagen und Erklärungen des TÜV Süd. Tatsächlich gibt es Informationen der TÜV-Abteilung für Windanlagen, die Fragen zum Wind-Gutachten für den Kirnberg aufwerfen.

Für den Bau von Windanlagen ist Mehreres nötig. Zum einen Geld: Die drei Räder bei Tengen kosten zum Beispiel 16,5 Millionen Euro. Geld, das eine Interessengemeinschaft aus Gemeinden, Städten, Bürgergesellschaften sowie Energieunternehmen aufbringt. Interessengemeinschaft (IG) Hegauwind nennt sich dieser Zusammenschluss. Dann braucht es natürlich Wind. Der wird im Vorfeld gemessen. Schließlich wollen die Betreiber der Windanlagen auch genügend Windstrom erzeugen, um Geld zu verdienen.

Neben Geld und Wind braucht es also Untersuchungen für die Windprojekte. Und um diese gibt es nun anhaltend Ärger zwischen den Windkraft-Gegnern und der IG Hegauwind. Die Gegner torpedieren die Wind-Befürworter seit Monaten mit Vorwürfen, ihre Untersuchungen seien nicht ausreichend und würden nicht den erforderlichen Standards entsprechen, die vom Bundesverband Windenergie (BWE) für derartige Anlagen vorgesehen seien.

Gezankt wird beim Kirnberg-Projekt um den Begriff der Untersuchungen. Die IG Hegauwind hat stets davon gesprochen, für den Kirnberg lägen Mess-Gutachten nach einer Richtlinie mit Standard TR6/9 vor. Bei öffentlichen Veranstaltungen und im SÜDKURIER-Interview hatte Hegauwind-Sprecher Bene Müller dies zweifelsfrei so benannt: Es gebe Gutachten.

„Eine Prognose ist kein Gutachten“

Doch auf dem Prüfbericht des TÜV Süd steht eindeutig „Unabhängige Windprognose“. Prognose. Nicht Gutachten. Das erregte die Aufmerksamkeit der Windkraft-Gegner, denen nur Auszüge dieser TÜV-Untersuchung vorliegen. „Eine Prognose ist kein Gutachten“, sagt Forum-Sprecher Markus Bihler. Und er bohrte weiter nach.

Beim TÜV und dessen Firma Industrie Service GmbH in Regensburg wollte man den Forum-Aktivisten zum Kirnberg-Projekt keine Auskunft geben. „Ausschließlich mit unserem Auftraggeber“ dürfe man über die Projekte sprechen. Doch auf weiteres Bohren räumte eine Mitarbeiterin des TÜV ein, was der Unterschied für den TÜV zwischen einer Windprognose und einem Windgutachten sei. Ein Gutachten sei „ausreichend zur Einhaltung der Anforderungen der zum damaligen Zeitpunkt gültigen FWG TR6“ sowie „einer Unsicherheit, die einen von uns definierten Schwellenwert nicht überschreitet“. Eine Windprognose hingegen sei „dafür nicht ausreichend“. Diese Erklärung sieht das Anti-Windkraft-Forum nun als Beweis, dass die Projektplaner ihre Partner „mit falsch deklarierten Gutachten“ in die Irre geführt hätten. „Das ist ein Skandal!“, wettert Sprecher Bihler.

Ist es das? Diese Frage schwebt im Raum. Und der TÜV? Er schweigt. Auf Nachfrage des SÜDKURIER gibt es langes Vertrösten und dann auf einen Fragenkatalog keine Antwort. TÜV-Sprecher Thomas Oberst verweist auf die „aufgeheizte Stimmung“. Man wolle nicht offiziell Stellung nehmen und das Erklären dem Auftraggeber, der IG Hegauwind, überlassen.

Die Windkraft-Projektierer sehen sich ungerechtfertigt am Pranger. Sprecher Bene Müller will die ständigen Anwürfe der Forum-Leute am liebsten gar nicht mehr kommentieren. Zwischen beiden Lagern tobt schon juristischer Streit. Für die Windkraft-Planer ist aber klar: Mit dem TÜV seien die Untersuchungsgrundlagen vorab klar besprochen worden. Es gebe zwei Untersuchungen über den Wind-Ertrag im Hegau, vom TÜV und von der Firma Windguard. Außerdem habe die Landesbank Baden-Württemberg mit ihrer Fachabteilung für Windanlagen die Vorhaben geprüft, bevor sie ihre Zusage für millionenschwere Kredite gab. Das seien drei Sicherheitsleinen und das reiche für eine seriöse Einschätzung aus. So sehen das auch die Projektpartner, die Kommunen aus dem Hegau und die Energiefirmen, wie mehrere Beteiligte bekräftigten.

Die Windkraft-Gegner wiederum sehen das Schweigen des TÜV zu den internen Einschätzungen seiner Prüf-Firma als weiteres Puzzlestück in einem Fall, bei dem allgemein „die Vermutung von gezielten Vertuschungsversuchen naheliegen“ könnte. Alles noch im Konjunktiv. Die gewählten Worte sind vorsichtig gesetzt. Doch es deutet so manches darauf hin, dass der Wind-Streit mehr wird als ein Gerangel um Wortklaubereien über „Prognose“ und „Gutachten“. Nicht ausgeschlossen, dass sich auch die Justiz noch mit dem Wind-Zoff im Hegau befassen muss.

Die Kontrahenten

  • IG Hegauwind: In der Interessengemeinschaft für mehrere Windanlagen im Hegau und der nahen Schweiz auf dem Schiener Berg sind mehrere deutsche und schweizerische Stromversorger sowie diverse große und kleine Stadtwerke aus der Region beteiligt. Infos: www.hegauwind.de
  • Energie-Forum: Der Zusammenschluss von mehreren Bürgerinitiativen aus dem Hegau und der Höri bekämpft die geplanten Windanlagen nahe Steißlingen, Tengen-Wiechs und das Projekt Windpark Chroobach auf Schweizer Boden nahe Schienen. Infos unter: www.forum-hegau-bodensee.de