Frau Wehinger, als Sie vor drei Jahren in den Landtag gewählt wurden, waren Sie da selber von dem starken Ergebnis im Direktmandat überrascht?

Total. Ich bin ja damals für den erkrankten Kandidaten eingesprungen und wollte nur einen guten Wahlkampf machen für die Grünen. Dann habe ich aber während des Wahlkampfes gemerkt, wie mich die Arbeit doch reizt. Meine Arbeit als Landtagsabgeordnete begeistert mich nach wie vor.

Sie waren in der Landespolitik blutige Anfängerin, hatten aber Erfahrung als Gemeinderätin und Kreisrätin. Hat Ihnen die kommunale Basiserfahrung beim Einstieg in Stuttgart geholfen?

Ich bin ja schon lange politisch aktiv gewesen auf unterschiedlichen Ebenen und somit keine Anfängerin.

Was waren die einschneidendsten Erlebnisse in der Landespolitik?

Als frauenpolitische Sprecherin hat mich die Entscheidung von Ministerpräsident Kretschmann, 1000 jesidischen Frauen, die in der Gewalt von IS-Terroristen waren, in Sicherheit nach Baden-Württemberg zu holen, zutiefst berührt. Höhepunkt war dann der Besuch der Jesidin Nadia Murad, die zur Sprecherin dieser Frauen wurde. Sie ist heute Friedensnobelpreisträgerin. Das hat mich noch mehr bestärkt, mich für Frieden und Solidarität einzusetzen.

Was würden Sie aus heutiger Sicht auf jeden Fall vermeiden?

Dazu fällt mir nichts ein.

Wie kommen Sie mit den hohen Erwartungen der Öffentlichkeit, genauer gesagt Ihrer Wähler, klar?

Gut. Ich versuche, alle Fragen von Bürgerinnen und Bürgern zu beantworten. Ich bin viel im persönlichen Gespräch mit ihnen, zum Beispiel bei Veranstaltungen oder bei Bürgerfragestunden vor Ort. Oder Menschen kommen direkt zu mir ins Wahlkreisbüro. Viel Einsicht bekommen die Menschen auch bei den Besuchen im Landtag, wo sie direkten Einblick in die parlamentarische Arbeit bekommen.

Wie haben Sie die drei Mandate mit der Familie vereinbaren können? Sie sind Gemeinderätin, Kreisrätin und Landtagsabgeordnete und sprühen immer noch vor Energie.

Mein Mann unterstützt mich sehr in meiner Arbeit. Er hält mir den Rücken frei, so, wie ich das zuvor für ihn während seiner Berufstätigkeit gemacht habe. Unsere drei erwachsenen Söhne wohnen weit weg, unterstützen mich aber ideell.

Bei den jüngsten Wahlen haben Sie zwar wieder für das Kreistagsmandat kandidiert, nicht mehr aber als Gemeinderätin. Warum? Ist es Arbeitsüberlastung?

Ich bin vor fünf Jahren als Gemeinderätin angetreten, um gute inhaltliche Arbeit zu machen. Leider musste ich dann durch das Landtagsmandat oft Gemeinderatssitzungen aufgrund von Terminüberschneidungen absagen. Da fehlte mir dann auch die Kontinuität. In den Kreistag wollte ich wieder, weil dort die Themen häufig direkt zum Landtag weisen. Und er tagt auch nicht so häufig. Zudem bin ich dort in eine große Gruppe von Grünen-Mitgliedern eingebunden.

Ich stelle mir vor, dass man in der eigenen Kommune als Gemeinderätin viel direkter Einfluss auf die Geschehnisse im Ort nehmen kann, als als Abgeordnete in der Landesregierung. Täusche ich mich da oder interessiert Sie die Basis nicht mehr so sehr?

Da ich die einzige und erste Grüne im Gemeinderat war, war es nicht immer einfach, grüne Ideen und Vorschläge einzubringen beziehungsweise umzusetzen. Allerdings hat das mit mangelndem Interesse an der Basis nichts zu tun. Für mich hat der Bezug zur Basis oberste Priorität. Mein Prinzip ist, mit den Leuten und nicht über sie zu reden.

Sie sind die stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Europa und Internationales im Stuttgarter Landtag. Womit beschäftigt sich dieser Ausschuss konkret?

Der Ausschuss, der einmal monatlich tagt, beschäftigt sich immer mit aktuellen europapolitischen Themen. Unsere Aufgabe ist zu überprüfen, ob das Subsidiaritätsprinzip und die Verhältnismäßigkeit bei Gesetzgebungen oder Vorschriften gewahrt bleibt. Weiter haben wir großen Austausch mit anderen europäischen Regionen. Daraus haben sich unterschiedliche Arbeitsebenen gebildet, wie zum Beispiel der Oberrhein-Rat zwischen Elsaß und Baden-Württemberg, die Donauraum-Strategie... Ziel ist eine gute Zusammenarbeit und Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Menschen.

Was haben Sie persönlich nach mehr als der Halbzeit im Landtag für die Region erreichen können?

Dass am Hohentwiel das Staatsweingut auf Bio-Anbau umgestellt wurde. Dass im Naturschutzgebiet Weitenried eine Bestandsaufnahme endlich durchgeführt wurde und in Bälde eine ökologische Verbesserung des Gebiets anberaumt wird. Dass ich alle sieben Gemeinschaftsschulen regelmäßig zusammenbringe und ihre Anliegen mit nach Stuttgart nehme. Dasselbe mache ich mit sozialen Beratungsstellen, die sich um Frauen und Familie kümmern. Auch hier geht es mir darum, Synergien zu schaffen und deren Anliegen zu unterstützen. Wichtig ist mir auch der Austausch und Besuch in Gewerbebetrieben und Handwerk, in Schulen aller Art, Kindergärten, Pflegeeinrichtungen...

Schmerzt es Sie, dass Wolfgang Gedeon (AfD) sich bisher nicht in der Region eingebracht hat?

Nein, gar nicht. Die Auswirkungen seiner Beschäftigung bekomme ich im Landtag hautnah mit. Das genügt.

Eines Ihrer Schwerpunktthemen ist neben dem Naturschutz, Bildung und Kinderchancen die Gleichstellung der Frauen. 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechtes gibt es immer noch viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Verkaufen sich die Frauen zu schlecht?

Verkaufen ist nicht das richtige Wort. Viele Frauen trauen sich zu wenig zu, obwohl sie gut sind. Deswegen bin ich von einer Quote überzeugt, denn dadurch müssten Frauen gleichwertig mit einbezogen werden. Und leider gibt es die gläserne Decke immer noch, in allen Sparten. Da haben wir Frauen noch viel zu tun. Ich kämpfe dafür.

Manchmal ist Politik ein zähes Geschäft, das manchen Wähler verdrießt. Was treibt Sie an, dranzubleiben? Noch wichtiger: Wie kann die Politik das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen?

Da wir zum Glück in einer Demokratie leben, sind viele Prozesse tatsächlich zäh. Schließlich braucht es in allem die Mehrheit. Hinzukommt, dass durch uns als Grüne Regierungspartei die Bürgerbeteiligung Einzug gehalten hat. Und das ist gut so, verlängert aber Prozesse. Ich bin überzeugt, dass genau durch diese Bürgerbeteiligung, die Politik des Gehört-Werdens, das Vertrauen gestärkt wird.