Als Monat zwischen Werden und Vergehen, zwischen Sommerende und Winterbeginn, zwischen Leben und Tod wird der November erlebt. Das Thema Trauer durchzieht die Tage von Allerheiligen bis Totensonntag und stimmt auf die Weihnachtszeit ein, die doch in den dunkelsten Tagen des Jahres die Botschaft des Lichts bringt.

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Traditionell wird der Volkstrauertag in Deutschland als bundesweiter Gedenktag seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen und soll an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen erinnern. Ein Auftrag, den Carmen Scheide vom Förderverein Theresienkapelle und Beauftragte für die Städtepartnerschaft in die ukrainische Region Poltawa sehr gerne aufnimmt. „An diesem Tag wird an den sogenannten Russengräber auf dem Singener Waldfriedhof im Rahmen der morgendlichen Gedenkstunde wie in jedem Jahr ein Kranz niedergelegt“, kündigt sie im Vorfeld des diesjährigen Volkstrauertages am kommenden Sonntag, 14. November, an. Auf Initiative von Wilhelm Waibel soll der Ort eine endlich eine echte Bezeichnung bekommen. In diesem Jahr wurden diese Kriegsgräber, wo auch Zwangsarbeiter begraben wurden, die in Singen zu Tode kamen, erneuert und eine von Waibel gespendete Gedenkstele aufgestellt. Geplant ist die Umbenennung in „Ort der Entrechteten“.

„Die besondere Kapelle mitten im Singener Industriegebiet ist die nach bisherigen Kenntnissen einzig erhaltene Lagerkapelle in ...
„Die besondere Kapelle mitten im Singener Industriegebiet ist die nach bisherigen Kenntnissen einzig erhaltene Lagerkapelle in Deutschland“, sagt die Historikerin Carmen Scheide als Vorsitzende des Fördervereins. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Wie viele Zwangsarbeiter im Hegau ihr Leben lassen mussten, lässt sich nicht sagen. „Rund 50 Todesfälle wurden durch Dokumente oder Hinweise bekannt“, berichtet Waibel vom Ergebnis seiner Recherchen. In den Sterbebüchern des Singener Friedhofsamtes seien aber lediglich 18 Tote aufgezeichnet. Schon dies lasse darauf deuten, dass die Dunkelziffer weitaus höher sein dürfte.

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Mit dem Thema Verantwortung für diese Vergangenheit setzt sich der in Singen zur Welt gekommene Filmemacher Marcus Welsch auseinander, seit er den Singener Ehrenbürger und Erinnerungsarbeiter Wilhelm Waibel kennengelernt hat. Er präsentiert am gleichen Tag um 16 Uhr seinen neuesten Streifen in der Theresienkapelle. Waibel schildert zuvor die Geschichte der „Russengräber“, die einst eine Abfallgrube am Rande des Friedhofs gewesen seien. „Es soll an die Menschen erinnert werden, die dort begraben liegen“, erklärt Scheide. Zugleich sollen Einblicke in die Arbeit der Gedenkstätte eröffnet werde. „Auch dazu zeigen wir den Dokumentarfilm von Marcus Welsch, der 2020 fertig gestellt wurde“, so Scheide vor der Premiere des 45-minütigen Filmbeitrags anlässlich der Veranstaltung. Im Anschluss gebe es die Gelegenheit zum Gespräch. Regisseur Marcus Welsch wurde 1969 in Singen geboren, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Konstanz, Toronto und Berlin, arbeitete als Regieassistent mit Wolfgang Becker, Roman Polanski und Volker Schlöndorff.

Am Abend sollen Einblicke in die Arbeit der Gedenkstätte eröffnet werden. Premiere feiert der neue Dokumentarfilm von Marcus Welsch, der ...
Am Abend sollen Einblicke in die Arbeit der Gedenkstätte eröffnet werden. Premiere feiert der neue Dokumentarfilm von Marcus Welsch, der 2020 fertig gestellt wurde. | Bild: Stadt Singen

„Die besondere Kapelle mitten im Singener Industriegebiet ist die nach bisherigen Kenntnissen einzig erhaltene Lagerkapelle in Deutschland“, sagt die Fördervereinsvorsitzende. Das Denkmal aus heimatgeschichtlichen Gründen ist seit 2016 eine von der Landeszentrale für politische Bildung anerkannte Gedenkstätte. Zuletzt hat das Landesdenkmalamt nach einer eingehenden Prüfung durch das Regierungspräsidium der Kapelle einen besonderen Denkmalstatus als Kulturdenkmal zugesprochen. „Damit wird die historische Bedeutung herausgestrichen: erbaut auf dem Grund des ehemaligen Lagers für Zwangsarbeiter, initiiert von dem französischen Lagerkommandanten Capitaine de Ligny als Zeichen einer frühen deutsch-französischen Versöhnung. Erbaut 1946/47 von deutschen Kriegsgefangenen, die dort inhaftiert waren und mit einfachen Mitteln einen besonderen Kirchenbau errichtet haben“, zählt Scheide die Historie auf. . Sie wurde 1947 der heiligen Theresia geweiht und ab den 1960er Jahren viele Jahre von der katholischen italienischen Mission als Gotteshaus genutzt.

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Die Kapelle gehört heute der Stadt Singen, ist eine geweihte Kirche und ein Erinnerungsort, der für Frieden und Versöhnung steht, obendrein. Dank das langjährigen Engagements des Singener Bürgers Wilhelm Josef Waibel steht die Kapelle heute noch – nachdem es immer wieder Pläne gab, sie abzureißen. Der Förderverein Theresienkapelle bietet Führungen und Informationen rund um die Kapelle an. Der darunter liegende Bunker, ein ehemaliger Deckungsgraben, kann ebenfalls besichtigt werden. „Er diente beim damaligen Bau als Fundament“, erinnert sich Waibel, der nicht erst seit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde ein bekannter und geschätzter Mitbürger in der Stadt ist. Als ihm vor über 50 Jahren eine Kiste mit rund 1500 Personalakten aus der NS-Zeit in die Hände fiel, hat er begonnen, nach den Menschen zu suchen, die während des Krieges als Zwangsarbeiter in Singen arbeiten mussten. Diese Suche und die Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen in der Heimat hat Welsch bereits filmisch im Werk „Der Chronist“ verarbeitet, in dem die außergewöhnliche Geschichte der Versöhnung ehemaliger Feinde aufgezeichnet, ein Stück europäischer Verflechtungsgeschichte geschildert und der unterschiedliche Blick, den die Beteiligten in den unterschiedlichen Ländern haben, reflektiert wird.

Der Eintritt ist frei, doch es gelten die tagesaktuellen Corona-Regeln, weshalb Besucher ein Impfzertifikat, die Bescheinigung, dass Sie genesen sind, oder gegebenenfalls einen gültigen Test mitbringen sollten.

An vielen Orten Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag im Hegau

  • Engen: Am Volkstrauertag wird auch in Engen den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht – neben den gefallenen Soldaten aller Länder, auch der Juden, Sinti, Roma und anderer verfolgter Minderheiten sowie der psychisch und physisch Geschundenen und Kriegsgefangenen. Die Gedenkfeier findet am Sonntag in Engen um 11.45 Uhr am „Friedenszeichen“ auf dem Friedhof statt.
  • Anselfingen: Der Volkstrauertag als Zeit zum Gedenken und Innehalten, für Empathie und Mahnung, für Verständigung und Versöhnung wird in Anselfingen um 10 Uhr auf dem Friedhof begangen.
  • Bargen: Als eine Brücke in eine gemeinsame friedliche Zukunft Europas wird um 10.30 Uhr in Bargen an der Gedenkstätte bei der Kirche gedacht.
  • Biesendorf: Treffen um 10.30 Uhr an der Gedenkstätte bei der Kirche.
  • Bittelbrunn: Gedenkfeier um 10 Uhr auf dem Friedhof Bittelbrunn.
  • Stetten: Kranzniederlegung um 9.45 Uhr auf dem Friedhof Stetten.
  • Welschingen: Feierstunde um 19.15 Uhr bei der neuen Kirche in Welschingen.
  • Zimmerholz: Gedenken um 11 Uhr auf dem Friedhof Zimmerholz.
  • Gottmadingen: Am Sonntag, 14. November, ist Volkstrauertrag. Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Es ist ein Tag des Erinnerns und des Innehaltens, ein Tag der Trauer aber auch ein Tag der Hoffnung und des Friedens. Die zentrale Gedenkveranstaltung in Gottmadingen beginnt um 10:30 Uhr mit dem Gottesdienst. Danach wird Bürgermeister Dr. Michael Klinger vor der Christkönigskirche eine Ansprache halten und einen Kranz niederlegen. Die Feierlichkeit wird vom Musikverein Gottmadingen umrahmt.
  • Randegg: Kranzniederlegung am Sonntagmorgen um 10.30 Uhr an der Kapelle der Familie Kieferle.
  • Bohlingen: Die Bevölkerung ist eingeladen zur Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages um 11.45 Uhr auf dem Friedhof beim Kriegerdenkmal – mitgestaltet von Feuerwehr und Musikverein.
  • Singen: Die Kranzniederlegung auf dem Waldfriedhof erfolgt nach dem offiziellen Teil in der Einsegnungshalle zur Umbenennung der so genannten Russengräber in einen „Ort der Entrechteten“ voraussichtlich ab 12 Uhr. Zur Zeremonie im Freien sind alle Interessierten willkommen.