So viele Drogen im Küchenschrank erfordern eine empfindliche Strafe. Dieser Meinung war Richter Joachim Dospil am Konstanzer Landgericht im Fall eines 28-jährigen Mannes. „Saublöd wird es, wenn man nicht nur so viele Drogen zuhause hat, sondern da auch noch was Gefährliches in der Nähe liegt“, wie der Richter zusammen fasste. Denn im Sommer 2020 wurden nicht nur 148 Gramm Kokain und ähnlich viel Marihuana in der Wohnung des Angeklagten in Singen gefunden, sondern auch zwei Macheten. Deshalb war der Mann wegen bewaffneten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge angeklagt – mit einer Mindestfreiheitsstrafe von fünf Jahren. Während der Verhandlungen kamen Zweifel auf, ob der Angeklagte so süchtig ist, wie er schilderte. Denn die Ermittlungen zeigten eine große kriminelle Energie.

Zwischen Brötchenjob und Drogenproblem

Der Angeklagte wirkte zerbrechlich neben seinem Anwalt Matthias Biskupek. Er ist klein und schmächtig, die Augenringe waren tief und die Hände zittrig. Dennoch gab er sich selbstbewusst, wenn er von seinem Werdegang erzählte. Nach seinem Hauptschulabschluss hat er sich bis zur Fachhochschulreife hochgearbeitet und war als Einzelhandelskaufmann tätig. Dabei habe er nach Fortbildungen auf eine Stelle als stellvertretender Filialleiter gehofft, auch wenn er seit der Ausbildung nur in Teilzeit habe arbeiten können. Mit 13 Jahren habe er zum ersten Mal Cannabis konsumiert, nach Codein kam das Koks.

2017 verlor er seinen Führerschein und fuhr trotzdem weiter – wieder unter Drogeneinfluss. Bei der Suchtberatung habe er sich nicht wohl gefühlt, also versuchte er immer wieder selbst, abstinent zu werden. Doch er wurde rückfällig. Haarproben belegen laut Gutachter, dass er zuletzt gelegentlich konsumiert hat. Er habe ein Suchtproblem, könne seinen Konsum aber gut steuern.

Ampullen, Feinwaage und Laminiergerät: Ermittler stolpern über professionelle Ausrüstung

Als die Polizei im Juli 2020 seine Wohnung durchsuchte, blieb der 28-Jährige laut Ermittler erstaunlich gelassen. Ein Bild zeigt ihn auf dem Sofa liegend, während Beamte erst auf dem Balkon und dann auch in Wohnzimmer, Flur und Küche fündig werden. Dabei war der Verdacht recht harmlos: Kollegen hatten einen Tipp gegeben, dass der Angeklagte Marihuana auf seinem Balkon anbauen könnte. Ein Blick durchs Fernglas bestätigte das.

Bei der folgenden Durchsuchung fiel den Ermittlern neben den drei Pflanzen auch ein Karton mit 1000 kleinen Behältern auf. Daneben eine Feinwaage und ein Laminiergerät. Also suchten sie weiter. Hinter einer Küchenschublade machten sie den größten Fund, insgesamt 148 Gramm Kokain.

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Wie süchtig ist der Angeklagte? 2-3 Gramm pro Tag klingen unrealistisch, wenn er nur 600 Euro zur Verfügung hat

Streitpunkt war in dem siebenstündigen Prozess, wie süchtig der Angeklagte war. Denn er erklärte den Fund als Eigenbedarf. Laut Gutachten entspricht die Menge aber rund 4000 Konsumeinheiten. „Für mich wären das zwei Monate gewesen“, behauptete der Angeklagte. Bis Mai habe er regelmäßig zwei bis drei Gramm konsumiert, das habe er vor seinem neuerlichen Abstinenzprogramm auf 1,5 Gramm pro Tag reduziert. „Dann hat sich das Angebot aufgetan mit dem Kokain, das bei mir gefunden wurde.“ Per Post habe er 3000 Euro angezahlt und wenig später ein Paket mit Kokain erhalten.

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„Der größte Teil, zwei Drittel, war für mich vorgesehen.“ Warum er dann 1000 Zentrifugen-Behälter gekauft habe? Weil der Stückpreis dann geringer sei. Wie er seinen Konsum finanziert habe, wenn er täglich für 100 Euro konsumiere, aber nur 600 Euro pro Monat von seinem Gehalt übrig habe? „Das reicht für 24 bis 30 Tage, wenn ich es mir mit Freunden teile“, meinte der Angeklagte. Glauben wollte Richter Dospil das nicht: Entweder sei er nicht so abhängig, wie er es sage, oder er lüge.

Das klingt nach Geldwäsche: Wie 14.000 Euro auf sein Konto kamen

Der erfahrene Ermittler schilderte eine hochprofessionelle Finanzierung. Nach konspirativen Treffen mit Kunden investierte er mit Drogen verdiente Bargeld in Paysafe-Karten und spielte damit in einem Wettbüro. Die Gewinne wurden aufs Konto überwiesen – über 14.000 Euro innerhalb weniger Monate. „Er hat bewusst gespielt, um die Kokain-Einnahmen zu verschleiern“, fasste der Ermittler zusammen.

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Wetten sollten Gewinn verschleiern

Dessen ungeachtet schmiedete der Angeklagte Zukunftspläne: Er wolle eine Therapie machen und weiter im Einzelhandel arbeiten. Richter Joachim Dospil erklärte jedoch nüchtern: „Selbst wenn wir die Macheten weglassen: Die Mindeststrafe ist dann ein Jahr und wir haben das 25-fache der geringen Menge.“ Außerdem habe der Angeklagte im Prinzip nur gestanden, was schon ermittelt worden sei. Diese Worte erschütterten den Angeklagten offenbar so sehr, dass er wenig später doch einen Drogenhandel eingestand – er habe Cannabis angebaut und verkauft. Auch den Namen seines Händlers rückte er heraus. Unter Tränen bat er um eine Chance, von vorne anzufangen.

Und was war nun mit den Macheten?

Laut Staatsanwalt hingen die nicht als stumpfe Dekoration an der Wand, sondern waren griffbereit im Sofa versteckt. Er forderte daher eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. „Eine Waffe ist es nicht“, betonte hingegen der Verteidiger, denn die Macheten seien alt und in Vergessenheit geraten. Er plädierte für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Das Landgericht verurteilte den Angeklagten zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe – dann könne er in einem Jahr nahtlos von der Jusitzvollzugsanstalt in eine stationäre Therapie wechseln. Das Urteil sieht aber auch vor, dass das Vermögen von knapp 14.000 Euro eingezogen wird: „Verbrechen soll sich nicht lohnen.“

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