Trostloser kann sich der Teil-Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht darstellen, als bei einem nächtlichen Rundgang durch die Singener Innenstadt. Die Lichter in Gaststätten und Kultureinrichtungen sind erloschen, die Straßen menschenleer. Die Dunkelheit unterstreicht den Zustand einer ganzen Branche.

Stillstand bis 30. November

Kulturschaffende sind Kummer gewöhnt: Geringe Einkommen, wegbrechende Veranstaltungen, oft unsichere Verträge. Was sie aber jetzt erleben, ist bisher beispiellos. Seit März sind Musiker, Künstler, Schauspieler praktisch auf Null gesetzt. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zwingen fast die gesamte Branche in die Knie. Museen, Theater und Kinos dürfen bis 30. November ihre Türen nicht mehr öffnen.

Gespenstisch: Als Zeichen für den totalen Stillstand hat das Soziokulturelle Zentrum Gems auch die gesamte Außenbeleuchtung ausgeschaltet. Das zeigt die Trostlosigkeit der gesamten Kulturbranche in dieser Situation.
Gespenstisch: Als Zeichen für den totalen Stillstand hat das Soziokulturelle Zentrum Gems auch die gesamte Außenbeleuchtung ausgeschaltet. Das zeigt die Trostlosigkeit der gesamten Kulturbranche in dieser Situation. | Bild: Gudrun Trautmann

Der SÜDKURIER hat versucht zu ermitteln, wie sich das auf die Stimmung auswirkt. Nach dem ersten Schock stellen sich die Kulturschaffenden und -einrichtungen auf die Situation ein und arbeiten an kreativen Lösungen für den Neustart. Alle vereint die Hoffnung, dass die Beschränkungen wirken und das Infektionsgeschehen rasch unter Kontrolle kommt, damit der Kulturbetrieb im Dezember wieder durchstarten kann.

Langfristige Auswirkungen

Einen Trost gibt es nach Ansicht der Leiterin des Singener Fachbereichs Kultur, Catharina Scheufele, gegenüber dem Frühjahrs-Lockdown jetzt: „Sobald die versprochenen staatlichen Förderungen in Höhe von 75 Prozent des Vorjahres-Novembers gut abgerufen werden können, kommen Einrichtungen wie die Färbe oder die Gems mit einem blauen Auge davon.“

Insgesamt könne man aber nicht abschätzen, welche finanziellen Auswirkungen die Pandemie auf die Kultur in der Stadt haben werde, sagt sie. Nicht zu unterschätzen seien die emotionalen Auswirkungen, wenn womöglich langfristig die kulturelle Vielfalt verloren gehe. „Junge Solo-Selbstständige, die zum Beispiel häufig in der Gems auftreten und noch nicht arriviert sind, haben kein finanzielles Polster“, weiß Scheufele. „Sie brauchen die Live-Auftritte, um bekannt zu werden.“

Färbe-Chefin: „Ich war stocksauer“

Cornelia Hentschel, Chefin des Theaters Die Färbe, glaubt erst an die Kompensationszahlungen, wenn diese fließen. Sie wollte schon beim ersten Lockdown einen Antrag auf Ausgleich stellen, wurde dann aber von ihrem Steuerberater zurückgepfiffen. „Ich hatte etwas übersehen. Ich hätte nachweisen müssen, dass wir ohne die Überbrückungshilfe Ende Juni pleite wären“, schildert sie die Fallstricke der Bürokratie. „Das waren wir natürlich nicht.“ Ganz unbürokratisch sei hingegen die Genehmigung des Kurzarbeitergeldes gewesen.

Besonders hart treffe sie jetzt der zweite Lockdown. Gerade hat die Färbe ihren neuen Mietvertrag mit der Stadt geschlossen, die Saison ist wieder vorsichtig angelaufen und neue Konzepte mit Klassenzimmertheater und Gastspielen finden viel Anerkennung. „Wir waren froh, wieder Fuß gefasst zu haben“, sagt die Theaterchefin. „Ich war stocksauer, dass wir wieder zumachen müssen, obwohl wir ein vorbildliches Hygienekonzept haben. Unsere Zuschauer akzeptieren die Maskenpflicht.“

Färbe-Chefin Cornelia Hentschel nutzt die durch den Lockdown bedingte Schließung des Theaters zum Umzug des Büros innerhalb des Hauses.
Färbe-Chefin Cornelia Hentschel nutzt die durch den Lockdown bedingte Schließung des Theaters zum Umzug des Büros innerhalb des Hauses. | Bild: Gudrun Trautmann

Die anfängliche Wut ist verraucht. Cornelia Hentschel will nicht jammern, sondern nach vorne schauen. Deshalb proben die Schauspieler für das nächste Stück, in der Hoffnung, dass die Premiere am 4. Dezember stattfinden kann. Die Zwangspause nutzt das Theater, um hausintern mit seinem Büro in die Wohnung der ehemaligen Eigentümerin umzuziehen.

Mehr Platz als im Supermarkt

Resignation schlägt der Kulturmanagerin Catharina Scheufele aus den Singener Museen entgegen. Das Kunstmuseum, das Hegau-Museum und das Museum Art & Cars dürfen ihre Ausstellungen nicht mehr zeigen, obwohl in deren Räumen mehr Platz für die Besucher ist als beim Einkaufen im Supermarkt. Und für die Laientheater und Theater-AGs der Schulen sei es enttäuschend, dass sie in der Gems zur Zeit nicht proben dürfen, weil sie keine Profis sind. Was gilt da noch der Leitsatz: „Kultur macht stark“?

Oberbürgermeister Bernd Häusler, der sich seit Jahren darum bemüht, das Image Singens als Industrie- und Einkaufsstadt um den Bereich Kultur zu erweitern, klingt frustriert, wenn er von den Existenznöten der Kunstschaffenden spricht. „Ich hoffe nur, dass viele diese bittere Zeit überleben“, sagt er und verweist auf die gesellschaftlichen Defizite, wenn der Austausch über die Kultur weg fällt.

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Die Kulturkonzeption, mit der sich die Stadt für die Zukunft rüsten wollte, wurde in die Schublade verbannt. Es macht keinen Sinn, darüber zu debattieren, wenn die Einnahmen fehlen. Obwohl: „Bund und Land haben uns nicht im Stich gelassen“, sagt Häusler. „Baden-Württemberg hat 1,8 Milliarden Hilfen an die Kommunen ausgeschüttet. Dadurch können wir die Gewerbesteuerverluste etwas abmildern.“ Ein Effekt davon ist, dass die kommunalen Zuschüsse für die Färbe und die Gems nicht angetastet werden.

MAC: „Schließung ist ein harter Brocken“

Die Chefin der Museen Art & Cars (MAC), Gabriela Unbehaun-Maier, hat schon vor dem zweiten Lockdown Zurückhaltung bei den Besuchern verspürt. Dass sie die beiden Museen mit neuen Ausstellungen schließen musste, sei schlimm. „Wir haben so viel Platz, dass man sich gut aus dem Weg gehen kann“, sagt sie.

Die Retrospektive Gianni Versace habe Besucher aus Berlin und Hamburg angezogen. Diese Ausstellung sei nicht ganz günstig gewesen. „Die Schließung ist ein harter Brocken.“ Die Mitarbeiter in der Gastronomie sind schon in Kurzarbeit, die Beschäftigten im Museum arbeiten noch Reste auf und gehen dann auch in Kurzarbeit. „Die Stimmung ist betrübt“, sagt Gabriela Unbehaun-Maier.

2,7 Millionen werden wohl nicht reichen

Dass die Kultur ein Zuschussgeschäft ist, wissen alle, die die Bilanzen des städtischen Eigenbetriebs Kultur Tourismus Singen (KTS) mit Stadthalle lesen können. Damit Theater- und Konzertkarten für viele Menschen bezahlbar sind und das Haus unterhalten werden kann, steuert die Stadt jedes Jahr mehrere Millionen Euro bei. Für dieses Jahr waren 2,7 Millionen Euro geplant. Aller Wahrscheinlichkeit werden die nicht reichen, weil bei den Einnahmen Lücken entstehen. Die Regeln zur Pandemie-Bekämpfung führten in der Stadthalle ebenfalls zur Schließung und zum Saisonstart im September zu einem ausgedünnten Betrieb.

KTS-Leiter Roland Frank zeigte sich durch die neuerliche Schließung schockiert. Nun hofft er, dass der Betrieb im Dezember wieder starten kann. Trotz des aufwendigen Hygienekonzeptes und der Beschränkung auf maximal 316 Besucher bei rund 1100 Plätzen sei bei den Besuchern eine deutliche Zurückhaltung spürbar gewesen. Langsam sei die Zuversicht wieder gewachsen. „Der neue Lockdown wirft uns wieder zurück“, sagt Roland Frank. „Der ganze Kulturbereich ist wahnsinnig gebeutelt.“

Bibliotheken dürfen offen bleiben

Mehr Glück haben die Besucher der städtischen Bibliotheken. „Wir haben uns sehr gefreut, dass wir weiter öffnen dürfen“, sagt die Leiterin Monika Bieg. Zwar sei auch hier die Vorsicht der Besucher spürbar; aber es gebe einige, die regelmäßig zur Ausleihe kommen und den Austausch mit den Beschäftigten suchen.

„Die Singener akzeptieren die Maskenpflicht und sind dankbar“, sagt Bieg. Das sei nicht überall so. In anderen Städten habe man auch schon die Polizei holen müssen, weil sich Besucher nicht an die Corona-Regeln hielten. Wie schon im Mai hat die Stadtbibliothek einen Bestell- und Abholservice eingerichtet. So können die Bürger ihren Lesestoff über den Online-Katalog bestellen und als Paket abholen.

Besonders erfreut ist Monika Bieg, dass die Jugendbuchtage stattfinden können. Die Corona-Verordnung lässt das zu. Elf Singener Schulen, die Stadt Konstanz und die Gemeinde Rielasingen-Worblingen sind dabei. Die Autoren können in den Schulklassen ihre geplanten Lesungen halten. „Wo das nicht geht, versuchen wir es mit Online-Formaten“, erklärt Monika Bieg. „Die Hebelschule war hellauf begeistert.“

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