Über die Singener Gems wird immer wieder diskutiert. Das ist Geschäftsführer Andreas Kämpf bewusst, damit kann er leben. Doch die jüngste Diskussion im Gemeinderat war ungewohnt intensiv und deutlich. Schon vor Jahren habe Kämpf seine Nachfolge regeln wollen und das Programm sei stets das gleiche, kritisierte Walafried Schrott (SPD). Deshalb schlug er vor, der Gems als einziger Einrichtung nur zwei statt drei Jahre Förderung zuzusagen.

Eigentlich ging es allgemein um Kulturförderung für die nächsten drei Jahre

Auf der Tagesordnung stand die Verlängerung der Zuschussvereinbarungen aller freien Kulturträger in der Stadt. Der Zuschuss von knapp 200 000 Euro pro Jahr ist existenziell, erklärt Andreas Kämpf im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Doch das bedeutet nicht, dass die Stadt dem freien Träger ins alltägliche Geschäft hineinreden darf, stellt er auch klar.

Langfristige Zusage gibt Planungssicherheit

Andreas Kämpf sitzt entspannt im Obergeschoss der Gems, dabei hat er an diesem Tag viele Termine: Nach dem Corona-Stillstand geht es langsam wieder los, nächste Woche beginnt das Freiluft-Programm und es gibt noch Einiges zu tun. Da kommt die Nachricht, dass die Gems für die nächsten drei Jahre mit Zuschüssen der Stadt rechnen kann, genau richtig: Veranstalter müssen meist für ein Jahr oder länger im Voraus planen, die langfristige Zusage gebe Verlässlichkeit. Früher sei die Förderung sogar für fünf Jahr gesichert gewesen. Von den städtischen Zuschüssen hängen auch Landesmittel ab, erklärt Kämpf: Das Land Baden-Württemberg investiert halb so viel wie die Stadt Singen.

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Gems hat einen Kulturauftrag: Es geht nicht nur um Kommerz

65 Prozent der Kosten würde die Gems zwar selbst erwirtschaften, doch ohne Zuschüsse wäre sie kaum denkbar. „Sonst müssten wir sie völlig kommerzialisieren und könnten Vieles nicht mehr anbieten“, erklärt der Geschäftsführer. Als Beispiel nennt er die Theaterproduktion: Statt einer stehen inzwischen sechs Gruppen regelmäßig auf der Bühne und proben, einige davon begannen als Schüler und wollten nach dem Abschluss unbedingt weiter machen. Außerdem müsse man Künstlern auch eine Chance und eine Bühne geben können: Christoph Sonntag sei in der Gems einst vor 50 Zuschauern gestartet, heute fülle er die Stadthalle.

Seit zehn Jahren geht es ständig um sein Alter

Doch Kämpf wirkt auch ein wenig müde, wenn es um aktuelle Vorwürfe geht. Auf seine Nachfolge werde er schon seit seinem 60. Geburtstag angesprochen, berichtet Andreas Kämpf. Und das ist zehn Jahre her. Seit mehr als 30 Jahren ist er Geschäftsführer, zuvor erlebte er schon die Anfänge in Arlen. „Das Gems-Team und ich entscheiden, wann der Zeitpunkt für mich kommt zu gehen“, sagt Kämpf nun. Noch komme er jeden Tag sehr gerne zur Arbeit.

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Dabei dürfe man nicht vergessen, dass die Gems ein freier Träger ist. „Wenn die Stadt das selbst betreiben würde, müsste sie andere Summen in die Hand nehmen“, erklärt Kämpf. Dabei habe man einen guten Austausch und Kontakt mit der Stadt, Kämpf nennt die Gems durchaus stadtnah: Alle drei Monate trifft sich ein Beirat, in dem neben Fraktionsvertretern auch Oberbürgermeister Bernd Häusler sitzt. Der OB betonte in der Gemeinderatssitzung, dass die Stadt einen Rahmen für selbstbestimmte, freie Vielfalt schaffen wolle.

Die Gems sei nicht mehr, was sie einmal war: experimentierfreudig

Walafried Schrott kritisierte jedoch auch das Programm der Gems: Es sei seit Jahren das Gleiche. Hier fand er Unterstützung von SPD-Kollegin Christa Bartscheck, der Experimentierfreude im Programm fehlt: Die Gems sei nicht mehr, was sie einmal war. Eberhard Röhm (Grüne) räumte ein, dass es im soziokulturellen Zentrum keine Revolution gegeben habe. Er betonte aber nachdrücklich, dass zusätzliche Dienstleistungen mehr Geld benötigen würden. Die Förderung ist aber seit Jahren konstant. Isabelle Büren-Brauch (Grüne) konstatierte: „Das ist Altersdiskriminierung vom Feinsten.“ In ihren Augen wäre es arrogant, als Gemeinderat die Nachfolge eines Vereins bestimmen zu wollen. Walafried Schrott sah das anders: Er wolle nicht bestimmen, aber bei der Verwendung von Steuergeldern nachhaken. Er sehe es mit Sorge, wenn eine Kultureinrichtung erstarre.

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Für Kämpf ein bizarrer Vorwurf: Es gebe viele Besucher und neue Schwerpunkte

Für den Gems-Verantwortlichen Andreas Kämpf ist der Vorwurf eines langweiligen Programms geradezu bizarr: „Natürlich gibt es in einigen Bereichen große Stabilität. Aber es ist ja auch erfolgreich, wir hatten die letzten Jahre hervorragende Besucherzahlen.“ Im Hintergrund gebe es einige Neuerungen wie der Schwerpunkt im ziemlich professionellen Amateur-Theater. Das könne man sogar noch ausbauen – wenn die nötigen Räume geschaffen würden. „Das Haus hat sich weiterentwickelt in den vergangenen Jahren“, betont Kämpf und verweist auch auf das Freiluft-Kino oder die bisher größte Einzelinszenierung vor zwei Jahren, wo mit Gerd Zahner und dem Theater Konstanz die Scheffelhalle bespielt wurde.

Das Freiluftkino der Gems kam in den vergangenen Jahren gut an.
Das Freiluftkino der Gems kam in den vergangenen Jahren gut an. | Bild: Helen Ziegler

Kultur in Singen? Die meisten Befragten nennen zuerst die Gems

Auch die Stadtverwaltung sieht Qualitäten der Gems, wie der Sitzungsvorlage zu entnehmen ist: „Kulturelle Teilhabe und Partizipation finden in Singen insbesondere in der Gems statt“, heißt es da. IBei einer Bürgerbefragung wurde die Gems an erster Stelle genannt, wenn Menschen nach Kultur in Singen gefragt wurden. Deshalb sagt Kämpf selbstbewusst: „Ich glaube, die Singener finden ganz gut, was es in der Gems gibt.“ Das habe ihm auch die Resonanz auf die Kulturretter-Aktion gezeigt: Als während der Corona-Krise keine Veranstaltungen möglich waren, konnten Fans einen Gutschein kaufen. 7500 Euro kamen so zusammen, außerdem ungefähr 1500 Euro an Spenden.

„Wir sind den Menschen was wert“, sagt der Gems-Geschäftsführer. Und er freue sich, dass der Großteil des Gemeinderats das auch so sehe. Die Förderung der Gems wurde mit acht Gegenstimmen, aber auch 22 Befürwortern, beschlossen.

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