So erlebt es Elisa Gorontzy:

„Ich erinnere mich gerne zurück an die WhatsApp-Gruppe vor Erstsemesterstart im Frühling 2020. Neugierig habe ich sofort auf die Teilnehmerliste getippt, um mir die Profilbilder der Mitstudierenden anzuschauen. Unter 42 Gesichtern kam mir eines bekannt vor: Anina Kemmerling und ich waren uns bereits in der SÜDKURIER-Lokalredaktion Singen begegnet. Hier absolvierten wir fast zeitgleich unser Praktikum.

Elisa Gorontzy hofft auf etwas Normalität im nächsten Semester.
Elisa Gorontzy hofft auf etwas Normalität im nächsten Semester. | Bild: Elisa Gorontzy

Lauter Nachrichtensignale rissen mich von der Teilnehmerliste zurück in den Chat. Die Stimmung war ausgelassen. Kommilitonen planten schon das erste ,Küken‘-Treffen mit Hotdogs und Getränken für uns Nachwuchs-Studenten an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Doch mit steigenden Fallzahlen des damals noch neuen Coronavirus musste unser erstes Kennenlernen abgesagt werden. Das war für uns ebenso verständlich wie enttäuschend. Dennoch fanden wir einen Weg, uns pandemiekonform zu begegnen – virtuell via Video-Anruf. Zusätzlich engagierten sich Kommilitonen über Gesellschaftsspiele im Netz.

Ich fühlte, was ich an realem Studentenleben online verpasst hatte

Da auch die Vorlesungen über längere Zeit virtuell stattfinden sollten, reisten Anina und ich frühzeitig von Stuttgart nach Singen ab. Das Studium setzte ich daheim fort, wie viele Mitstudenten auch. Wir alle sahen uns nur über die kleinen Video-Fenster während der Online-Vorlesungen und sprachen uns virtuell während der Gruppenarbeiten.

An die Hochschule wurden wir eingeladen, als es die Inzidenz im darauffolgenden Semester zuließ. Das erste Mal stieg ich die Treppe hoch zu einem Vorlesungssaal und sah meine Studiengenossen im Gang stehen, plaudernd und lachend. Abseits der Pflichtveranstaltung verabredeten wir uns zu einem Essen (zum Mitnehmen). Da habe ich gefühlt, was ich online verpasst hatte – das reale Studentenleben –, aber leider nur kurzzeitig.

Die Inzidenz in Stuttgart stieg an, und nach wenigen Tagen Hochschule verschlug es mich zurück nach Singen. Das war ein Anlass für mich, mein Zimmer im Wohnheim zu kündigen. Die Miete hatte sich einfach nicht gelohnt.

Über Video-Anrufe halten die Kommilitonen Kontakt. Abseits der Online-Vorlesungen verabredet sich Elisa Gorontzy gerne zu Gruppenarbeiten oder einem Plausch.
Über Video-Anrufe halten die Kommilitonen Kontakt. Abseits der Online-Vorlesungen verabredet sich Elisa Gorontzy gerne zu Gruppenarbeiten oder einem Plausch. | Bild: Elisa Gorontzy

Denn auch die Lehre im Sommer dieses Jahres findet an unserer Hochschule in Stuttgart vorwiegend digital statt. Damit wir uns trotzdem im Homeoffice mit Kommilitonen vernetzen und austauschen können, haben einige Studierende eigene virtuelle Angebote gestartet, wie die Flurgespräche jeden Dienstag um 20 Uhr.

Die Talkrunde richtet sich speziell an Studierende des Studiengangs Crossmedia-Redaktion/Public Relations. Hier erwarten uns immer neue Tipps von Studenten aus höheren Semestern und berufstätigen Journalisten – eine gute Alternative, den Wunsch nach neuen Kontakten zu erfüllen. Trotzdem freue ich mich, mit Hotdogs und Getränken die Rückkehr ins wahre Studentenleben zu feiern. Das und einiges mehr haben wir nachzuholen – ohne Risiko.“

Elisa Gorontzy hat es mit Familie aus dem Westerwald an den Bodensee gezogen. Ihr Abitur legte sie am Wirtschaftsgymnasium der Robert-Gerwig-Schule in Singen ab. Die 21-Jährige studiert im dritten Semester Crossmedia-Redaktion und Public Relations an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Später will sie in die Medienbranche.

So erlebt es Anina Kemmerling:

„Laute Hörsäle, volle Bibliotheken und Studentenpartys – ungefähr so habe ich mir damals meine Zeit als Studentin vorgestellt. Als ich im März 2019 die Immatrikulationsbescheinigung für mein Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart erhielt, ging es direkt an die Wohnungssuche. Raus aus einem kleinen Dorf, rein in die Landeshauptstadt.

Ihr Studium hat sich Anina Kemmerling völlig anders vorgestellt.
Ihr Studium hat sich Anina Kemmerling völlig anders vorgestellt. | Bild: Kemmerling

Doch etwa zwei Tage vor Vorlesungsbeginn saß ich mit Elisa Gorontzy in meinem kleinen Zimmer im Studentenwohnheim und wir erhielten die erschütternde Nachricht: Wegen der Pandemie kann der Hochschulbetrieb vorerst nicht aufgenommen werden. Alle Veranstaltungen des Sommersemesters wurden auf die Online-Lehre verlegt.

Der tagelange Umzug für ein neues Zuhause schien umsonst. Glücklicherweise hatte ich zusätzlich in einen Laptop investiert. Nichtsahnend, dass dies der einzige Gegenstand war, den ich zukünftig für mein Studium benötigen würde.

Und was ist mit den wilden Studentenpartys?

Statt lauter Hörsäle gibt es nun Zoom-Meetings, also digitale Videokonferenzen. Statt voller Bibliotheken gibt es Online-Medienausleihen. Und wilde Studentenpartys? Dafür habe ich noch keinen pandemiekonformen Ersatz gefunden.

Tatsächlich ist alles anders und mit einem normalen Studium, ohne das Virus, nicht zu vergleichen. Da mit unserem Studentenleben auch das Leben in der Pandemie begann, durfte ich kaum Hochschulluft schnuppern – und mittlerweile bin ich schon am Ende des dritten Semesters.

Aber: Wir können von Glück sagen

Doch das klingt schlimmer als es ist. Wir können von Glück sprechen, dass es in der heutigen Zeit vielerlei technische Möglichkeiten gibt, um ein Studentenleben in die eigenen vier Wände zu holen. Für Vorlesungen gibt es virtuelle Räume, in die man sich als Teilnehmer einwählt, bestenfalls die Kamera anmacht und jederzeit Fragen stellen kann.

Viele Lehrveranstaltungen sind auch als Workshops aufgebaut. Hier wird uns eine aktive Beteiligung ermöglicht. Unsere Professoren erstellen Breakout-Rooms: Das sind weitere virtuelle Räume, in denen der große Studiengang in kleine Untergruppen aufgeteilt wird.

Studieren in Vollzeit bedeutet, stundenlang vor dem Laptop zu sitzen. Anina Kemmerling hat bereits drei Corona-Semester digital verbracht.
Studieren in Vollzeit bedeutet, stundenlang vor dem Laptop zu sitzen. Anina Kemmerling hat bereits drei Corona-Semester digital verbracht. | Bild: Kemmerling

Auf digitalen Lernplattformen gibt es für jede Lehrveranstaltung einen eigenen Bereich, in den Professoren Zusatzmaterial und Aufgaben hochladen. Diese sind bis zu einem bestimmten Abgabedatum zu erledigen. Durch die ständige Abgabepflicht ist es nahezu unmöglich, den Anschluss zu verpassen. Wir arbeiten uns von Abgabe zu Abgabe, bis am Ende des Semesters die Prüfungsleistung – eine Hausarbeit oder Klausur – fällig wird.

Während ich im ersten Semester oftmals wegen des großen Online-Angebots überfordert war, habe ich mich mittlerweile gut an die Lehre per Laptop gewöhnt. Und wenn ich ehrlich bin, kann es auch von Vorteil sein, das Haus nicht verlassen zu müssen, um eine Veranstaltung an der Hochschule zu besuchen. Ist es früh und kalt, ist das eigene Bett doch angenehmer als ein menschenüberlaufener Vorlesungssaal.“

Anina Kemmerling ist 20 Jahre alt. Ursprünglich kommt sie aus Jestetten. Sie absolvierte ihr Abitur auf dem Hegau-Gymnasium in Singen. Seit drei Semestern studiert sie Crossmedia-Redaktion und Public Relations an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Nach ihrem Studium möchte sie als PR-Beraterin tätig werden.