Die Reihe der prominenten CDU-Politiker, die im Bundestagswahlkampf des Wahlkreiskandidaten Andreas Jung in der Region zu Gast sind, kann sich sehen lassen. Los ging es im Juli mit Fraktionschef Ralph Brinkhaus, der auf die Reichenau kam. Kürzlich war Landesinnenminister Thomas Strobl mit Jung in Gailingen zu Gast. Und zuletzt kam Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, nach dem Bundespräsidenten zweiter Mann im Staat, dienstältester Bundestagsabgeordneter, CDU-Urgestein und ehemals Innen- und Finanzminister.

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Dabei ist Jung, selbst stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Teil von Armin Laschets Kompetenzteam, nicht unbedingt auf prominente Unterstützung angewiesen, um das Mandat zu erringen. Er wurde bislang viermal direkt als Volksvertreter aus dem Kreis Konstanz in den Bundestag gewählt. Einen Hinweis darauf, warum Schäuble ausgerechnet an den Bodensee kommt, gibt Schäuble im kurzen Gespräch vor der eigentlichen Veranstaltung und auf der Bühne. Es geht um die Zweitstimme: „Der Zweitstimmenanteil ist natürlich noch wichtiger als die Erststimme.“ Die Zweitstimmen entscheiden über die Mehrheitsverhältnisse.

Aber Jung müsse auf jeden Fall gewählt werden, denn „von seiner Qualität haben wir wenige“, so Schäuble. Die Ergebnisse der Landtagswahl, die im März die Grünen für sich entscheiden konnten, könnte eine Rolle gespielt haben. Der Besuch an sich und der partnerschaftliche Umgang der beiden auf der Bühne zeigen auch: Da ist jemand gut vernetzt.

Curana als Ersatz für die Stadthalle, die noch als Kreisimpfzentrum dient

Besucher des Wahlkampfauftritts in der Beurener Mehrzweckhalle Curana – die Singener Stadthalle ist durch das Kreisimpfzentrum belegt – erlebten Schäuble in Form. Vom Containerschiff, das im Suezkanal feststeckte, schlug er den Bogen zur Corona-Pandemie und Unwetterereignissen als Folgen der Globalisierung. Und von Cyberangriffen, von denen auch der Bundestag täglich betroffen sei, geht es zur Zusammenarbeit mit Regimen, die demokratische Werte nicht teilen, etwa in Afghanistan oder China. Diese sei zwar notwendig, dürfe aber nicht zu Abhängigkeit Deutschlands führen. „In diesem Rahmen machen wir Politik“, sagt Schäuble. Und: Da könne man sich einen Linksruck nicht leisten.

Gut besuchte Halle: Geschätzt 150 Besucher kamen ins Beurener Curana, um den Auftritt von Wolfgang Schäuble zu verfolgen.
Gut besuchte Halle: Geschätzt 150 Besucher kamen ins Beurener Curana, um den Auftritt von Wolfgang Schäuble zu verfolgen. | Bild: Tesche, Sabine

Hauptziel von Schäubles parteipolitischen Attacken ist SPD-Spitzenkandidat und Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Die Sozis könnten zwar Geld ausgeben, aber nicht nachhaltig damit umgehen, so der Tenor: „Scholz ist doch mehr Sozi als Finanzminister“, schimpft Schäuble über die Bestrebungen, die Schuldenbremse nochmals auszusetzen, obwohl das nur als Ausnahme während der Corona-Pandemie gedacht gewesen sei – ein Satz, der für Stimmung unter den geschätzt 150 Zuhörern im Curana sorgte. Die CDU hingegen sei die Partei der sozial-ökologischen Marktwirtschaft. Schäuble spricht etwa 45 Minuten frei und bringt all das leichtfüßig in Verbindung.

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Überhaupt, das Zusammenbringen. Dieses Schlagwort spielt eine entscheidende Rolle bei dem, was Schäuble und Jung dem Publikum mit auf den Weg gaben. Schon bei seiner Begrüßung setzte Jung den Ton. Man brauche zwar mehr Tempo beim Klimaschutz, müsse das aber auch mit gesunden öffentlichen Finanzen, sozialem Ausgleich und Innovationen in Mittelstand und Industrie zusammenbringen.

Und Wolfgang Schäuble erläutert dieses Leitmotiv des Abends anhand der Wahlplakate. Die Grünen würden nur Umwelt und Klima plakatieren, die SPD sei einfach nur tiefrot, aber die CDU habe einen Kreis, als Verdeutlichung für das Zusammenführen – ein Design, das Andreas Jung für seine Plakate indes nicht nutzt. „Wir nehmen die Menschen, wie sie sind, nicht wie wir sie gerne hätten“, lautet die Botschaft des Bundestagspräsidenten. Deswegen setze man beim Klimaschutz auf Mechanismen des Marktes statt auf Verbote.

Das Publikum lauscht aufmerksam

Diese Strategie erläuterte Jung auf Nachfrage eines Zuschauers ausführlich. Man wolle durch Förderungen Anreize schaffen, sich umweltfreundlich zu verhalten, und da belohnen, wo durch Innovationen CO2 eingespart werde. Auch das Tempolimit auf der Autobahn kam zur Sprache. Derzeit gehe die Union einen anderen Weg, etwa mit stärkerer Bahn und CO2-freien Autos, erklärte Andreas Jung. Doch wenn man sehe, dass dieser nicht ausreiche, um Klimaziele zu erreichen, werde das Tempolimit wohl wieder diskutiert: „Für mich ist das Tempolimit kein Tabu.“

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Die Zuschauer, mehrheitlich älteren Semesters, aber auch einige junge Leute, lauschten aufmerksam. Während der Veranstaltung gab es immer wieder spontanen Applaus, danach anhaltenden Beifall. Bernhard Hintereck aus Singen sagte anschließend, Schäubles Rede habe ihm gut gefallen: „Er hat Erfahrung und ist in der CDU im badischen Raum eigentlich unentbehrlich.“

Und die Prominenz? Auf die habe er eigentlich gar nicht so sehr gesetzt, sagt Andreas Jung nach der Veranstaltung, sondern eher auf viele kleine Veranstaltungen wie die Gespräche im Freien bei Spaziergängen, bei denen er mit den Wählern direkt in Kontakt treten kann.