„Wir haben im Leben nicht damit gerechnet, dass es ein Wolf war, der unsere Schafe gerissen hat“, sagt Rosa Nägele. „Wir sind aus allen Wolken gefallen.“ Die Familie Nägele betreibt ihre Landwirtschaft im Singener Ortsteil Friedingen seit mehreren Generationen. Einen Wolfsangriff gab es noch nie. Erst im vergangenen Herbst hat die nächste Generation den Betrieb übernommen. Seither betreibt Jürgen Engesser den 40 Hektar großen Hof, zu dem auch eine Herde mit rund 60 Schwarzkopfschafen gehört.

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Engesser zieht mit seinen Tieren im Winter über die betriebseigenen Weiden, wo er die Schafe auf abgesteckten Flächen grasen lässt. Er schaut morgens und abends nach den Tieren. Jetzt sind schon viele Lämmer dabei. Als er am Morgen des 3. März wieder auf die Weide in der Aachniederung unterhalb der Singener Nordstadt kam, traute er zunächst seinen Augen nicht. Er fand je zwei getötete Schafe und Lämmer. Zwei weitere Lämmer waren verschwunden. Der Bauer war ratlos. War es ein ausgebüxter Hund oder ein Wildtier? Die Schafe zeigten Bissspuren.

Ein Anruf beim Veterinäramt verlief unbefriedigend für den Landwirt. „Dort riet man mir, die Tiere zu entsorgen“, berichtet Engesser. Damit wollte er sich aber nicht zufrieden geben, sondern fragte beim Landwirtschaftsamt in Stockach nach, was zu tun sei. Hier wurde ihm empfohlen, mit der Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg Kontakt aufzunehmen. Die FVA beobachtet in ihrem Wildtier-Monitoring auch die Rückkehr der unter Schutz stehenden Wölfe, nachdem diese bereits in den Schwarzwald zurückgekehrt sind. Engesser berichtet, wie Mitarbeiter der FVA die Schafe am gleichen Tag zur Obduktion und DNA-Analyse abgeholt haben, um herauszufinden, welches Tier hier gewildert haben könnte. Beim ersten Augenschein hätten sie auch nicht sagen können, ob ein Wolf im Spiel war. „Sie sprachen nur von einem großen Tier“, erzählt Engesser.

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Seit Mittwoch hat der Schäfer Gewissheit. Das Umweltministerium teilte ihm mit, was die genetische Untersuchung am Senckenberg-Institut ergeben hat. Danach handelt es sich „um ein bisher nicht identifiziertes Tier mit dem Haplotyp W17 handelt. Dieser Genotyp kommt in der dinarischen Population Südosteuropas vor.“ Wie das Umweltministerium Baden-Württembergt weiter mitteilte, ist nicht bekannt „ob sich der Wolf noch in der Gegend um Singen aufhält oder schon weitergezogen ist.“ Singen liegt außerhalb des Fördergebiets „Wolfsprävention Schwarzwald“.

Bisher sind noch keine weiteren Vorkommnisse im Hegau bekannt, bei denen ein Wolf im Spiel ist. Jürgen Engesser wird vom Land eine Entschädigung für die verlorenen Tiere bekommen. Von den zwei verschwundenen Lämmern fehlte auch nach intensiver Suche jede Spur. Auf Anregung des Friedinger Landwirtes hat die FVA alle Landratsämter angeschrieben und Hinweise gegeben, was zu tun ist, wenn ein Wolf Weidetiere gerissen hat.

Michael Thonet ist der Schäfer vom Hohentwiel. Er hofft, dass der Besuch des Wolfs auf Singener Gemarkung eine Ausnahme bleibt. Bisher ist der Hegau kein Wolfsgebiet.
Michael Thonet ist der Schäfer vom Hohentwiel. Er hofft, dass der Besuch des Wolfs auf Singener Gemarkung eine Ausnahme bleibt. Bisher ist der Hegau kein Wolfsgebiet. | Bild: Tesche, Sabine

Michael Thonet hat zehnmal so viele Schafe wie Jürgen Engesser. Der Schäfer vom Hohentwiel muss zudem nach dem Brand im Sommer 2019 den dritten Winter in Folge ohne Schafstall auskommen. Er zieht mit seiner Herde durch den Hegau und sichert sie durch den üblichen flexiblen Zaun mit 90 Zentimetern Höhe und etwas mehr Strom. Auch er schaut mehrmals täglich nach seinen Schafen. Ein solcher Zaun würde Wölfe aber wohl nicht abhalten. Deshalb hofft Thonet, dass der Friedinger Wolf ein Einzelfall war.

Sogenannte Herdenschutzzäune sind zwischen 1,05 und 1,20 Metern hoch und werden unter Strom gesetzt. Da der Hegau bisher nicht als Wolfspräventionsgebiet eingestuft ist, werden die höheren und stabileren Zäune nicht benötigt. Im Schwarzwald, wo sich mehrere Rudel aufhalten, ist das anders.

Jürgen Engesser will sich unterdessen vom Herdenschutzberater Frank Lamprecht Tipps geben lassen, wie er seine Tiere künftig noch besser schützen kann. Lamprecht hat Erfahrung mit Wölfen im Schwarzwald. Er weiß, dass der Herdenschutz in Baden-Württemberg eine große Herausforderung ist. „Es gibt aber auch Wölfe, die bisher noch kein Nutztier gefressen haben“, sagt er und bezieht sich auf einen Wolf am Schluchsee. Warum das so ist, kann er nur vermuten. „Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen mit Elektrozäunen gemacht. Oder er findet einfach genug Wild. Ein Wolf frisst eben keine Kräuter und Beeren.“

Für Weidetiere wie Schafe, Rinder, Ziegen oder Pferde sei Herdenschutz unerlässlich. Und der gelinge nur mit einem guten Zaun. Die Schäfer müssen umdenken, wie ein Beispiel aus dem Nordschwarzwald zeigt. Dort hatte ein Bach immer als Grenze für die Schafe genügt, bis der Wolf kam. Für den Wolf war der Bach kein Hindernis. Er durchquerte den Bach und tötete 44 Schafe. Lamprecht weiß andererseits, dass „wenig passiert, wo die Weiden gut gesichert sind“. So kann die Koexistenz gelingen.

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Frank Lamprecht war für den Naturschutzbund Projektleiter und Herdenschutzbeauftragter. Er kümmert sich also nicht um die Schadensbegutachtung, sondern um die Prävention. Das heißt, dass er die Schafhalter dabei berät, wie sie sich vor Wolfsangriffen schützen können. Das geschieht mit höheren und stabileren Zäunen, die elektrifiziert werden. „Ein ordentlicher Stromschlag schreckt den Wolf ab“, weiß Lamprecht.

Dass der Wolf die Gemüter erhitzt, zeigen emotionale Debatten in ganz Deutschland. In einem Fachaufsatz vom Januar 2021 mit dem Titel „Der Wolf in Deutschland – Herausforderung für weidebasierte Tierhaltung und den praktischen Naturschutz“ setzen sich verschiedene Wissenschaftler um Nicolas Schoof mit dem Konflikt auseinander. Unter anderem auch der Hilzinger Professor für Natur- und Umweltschutz, Rainer Luick, von der Hochschule Rottenburg. Das Papier beleuchtet die verschiedenen Positionen und versucht eine Annäherung der Interessen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Weidetierhalter wichtige Partner für den praktischen Naturschutz sind. Im Umgang mit dem Wolf müssten sie durch Förderprogramme und Aufklärung unterstützt werden.