Eine Frage höre er häufig, sagt Franz Segbers: Oh Gott, Herr Pfarrer, was machen sie bei der Linken? Und was antwortet er darauf? „Vieles von dem, wofür die sich christlich nennenden Parteien eintreten, hat nichts mit meiner Bibel zu tun.“

Franz Segbers übersetzt Nächstenliebe mit Solidarität, versteht den Schöpfungsgedanken als Verantwortung für diesen Planeten und sieht im Coronavirus nicht nur die Katastrophe, sondern vor allem eine Chance, – eine Chance entscheidende Zukunftsfragen zu diskutieren. Nach den beiden Religionslehrern Tobias Herrmann (CDU) und Hans-Peter Storz (SPD) ist der 71-Jährige der dritte Kirchenmann im Rennen um die Mandate des Wahlkreises Singen/Stockach im Stuttgarter Landtag. In Singen wurde der Theologie-Professor von den Mitgliedern der Linkspartei zum Landtagskandidaten gewählt. Ein Pfarrer habe – zumindest in Baden-Württemberg – noch nie für die Linke kandidiert, sagt er. Doch genau sein christliches, von Sozialethik geprägtes Weltbild, habe ihn zur Linken geführt. Die Annahme Links, das seien alles Atheisten – das stimme so nicht. Ein streitbares Thema, zu dem er zwei Bücher veröffentlicht hat: „Christen in der Linken“ so wie „Die Linke und die Religion“. Doch eigentlich sollte für den Theologie-Professor mit der Pensionierung erst mal Schluss sein mit Wissenschaft und Lehre, Forschung und Politik.

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Doch sein Plan, den Ruhestand mit Familie am Bodensee zu genießen, ist aufgeschoben. Segbers, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder, hat vor einem Jahr seinen hessischen Wirkungskreis verlassen, um das Rentnerdasein am Bodensee in räumlicher Nähe zu seinen Kindern zu verleben. Doch nun kam es anders. „Jetzt ist nicht die Zeit, die Füße hochzulegen, es ist Zeit sich politisch einzumischen“, sagt er. Einmischen, das ist das Thema, das seinen Lebensweg kennzeichnet. Einmischen lautet die Erkenntnis, die in ihm die Corona-Pandemie ausgelöst hat. „Diese Krise hat die Lücken unseres ausgebauten Sozialstaats sichtbar gemacht“, beobachtet er. Jetzt gehe es darum, diese Lücken zu schließen. „Ich will die Wahl nutzen, um neue Konzepte zur Diskussion zu stellen.“

Was es gelte, aus der Krise zu lernen, formuliert er so: Die Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie hätten deutlich gemacht, dass es an der Zeit sei, die Verteilungsdiskussion zu führen. Irgendjemand werde schließlich die 217 Milliarden Euro bezahlen müssen, die zur Bewältigung des Coronavirus als Schulden aufgenommen wurden. „Es war gut, die Schuldenbremse wegen Corona zu lockern“, betont Segbers. Aber jetzt gehe es um die Verteilungsfrage. „Und das ist auch eine Steuerfrage.“ Seine Stichworte lauten Erbschaftssteuer und Vermögensabgabe, Lastenausgleich und bedingungsloses Grundeinkommen. Dass dies finanzierbar sei, steht für ihn außer Frage. Der Abbau des Sozialstaats, den die Agenda 2010 eingeleitet habe, dürfe nicht fortgesetzt werden. Gerade in der Krise habe sich gezeigt, dass ein starker Staat die Rettung gebracht habe. „Die Folgen der Aushöhlung des Sozialstaats sind das Beet auf dem die AfD ihr Unwesen treibt“, sagt er – und ergänzt: Ein guter Sozialstaat sei das beste Mittel gegen die Erfolge der AfD.

Franz Segbers wurde von den Mitgliedern der Linkspartei als Kandidat für den Wahlkreis Singen/Stockach zur kommenden Landtagswahl bestimmt.
Franz Segbers wurde von den Mitgliedern der Linkspartei als Kandidat für den Wahlkreis Singen/Stockach zur kommenden Landtagswahl bestimmt. | Bild: Tesche, Sabine

Das politische Ziel des Sozialethikers ist also schnell buchstabiert: Die AfD aus dem Landtag zu werfen. Mit einer Singener Erklärung will er die Mitbewerber im demokratischen Spektrum animieren, sich zu positionieren. „Ich will die Rechte politisch stellen, offensiv in die Debatte mit der AfD eintreten“, sagt er. Man müsse Menschen davor schützen, in der AfD eine Lösung zu sehen. Zustimmungswerte der Rechtsnationalen, wie vor fünf Jahren, sollen der Vergangenheit angehören.

Neben Corona macht Segbers drei weitere Krisen aus: Die Klimadiskussion, die soziale Frage und die Flüchtlingskrise. „Wollen wir uns abschirmen oder eine offene Gesellschaft“, fragt Segbers. Er plädiert dafür, Flüchtende als Botschafter von Not, Krieg und Elend in der Welt anzuerkennen.

Die Verbindung von Wissenschaft und Politik kennzeichnet seinen Weg. Gastprofessuren auf den Philippinen hätten ihm auch die Kehrseite dieser schönen Welt offenbart. Aber auch in Deutschland gebe es Armut. „Menschen erleben, dass für sie nichts da ist“, sagt er. Doch in der Verteilungsdebatte auf die Schwachen zu treten, sei keine Lösung. „Die 48 Reichsten besitzen so viel wie 50 Prozent der unteren Hälfte der Bevölkerung“, lautet Segbers Überzeugung. Armut werde durch die politischen Verhältnisse gemacht. Nun gehe es darum, eine Idee für eine linke Alternative, eine Idee für den schwächeren Teil der Gesellschaft zu entwickeln. „Diese Landtagswahl wird für das Land und die Republik ganz entscheidend sein.“

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Dies ziehe sich hin bis zur Klimadebatte. Das dramatische Dilemma beschreibt Segbers plastisch: „Jeder Industriearbeiter steht heute vor der Frage, ob er seinen Job riskiert, oder die Zukunft seiner Kinder.“ Auf diese Frage Antworten zu finden, sei die Herausforderung. Einfach nur mehr Autos zu produzieren, sei aber sicher nicht der richtige Weg. Stattdessen gehe es um eine Transformation der Gesellschaft, um nachhaltiges Wirtschaften. Einen Weg, diese existentiellen Probleme zu entschärfen, sieht er in einem bedingunslosen Grundeinkommen, das Menschen die Perspektive eröffne, das zu tun, was sie wollen. „Ein erster Schritt wäre ein Grundeinkommen für Kinder“, malt er die Zukunft aus. Themen, für die er gewiss beim Programmparteitag der Linken Ende November kämpfen will.

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