Es gibt viele Schicksale von Menschen, die während des Nationalsozialismus gelitten haben. Einige wurden vertrieben, andere zwangssterilisiert und getötet. Stolpersteine vom Künstler Gunter Demnig sollen daran erinnern und im Alltag zum Nachdenken anregen. Axel Huber von der Stadt Singen hat in der Singener Innenstadt schon erlebt, dass genau das geschieht: Menschen hätten innegehalten, Blumen und Kerzen an einen Stolperstein gelegt. Bald werden neue Stolpersteine verlegt, am Mittwoch, 9. Juni, kommt Gunter Demnig nach Singen und setzt an fünf Orten ein kleines Denkmal. „Jeder Stein ist ein Zeichen, dass wir aus der Geschichte lernen wollen“, sagt Hans-Peter Storz von der Stolperstein-Initiative.

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Neben Juden zählen auch Pfarrer, politisch aktive Menschen oder Menschen mit Behinderung zu den Opfern des Nationalsozialismus. Walter Hirt aus der Marienstraße passt aber nicht ganz in dieses Raster. Er wurde 1931 geboren und sieben Jahre später in eine Anstalt eingewiesen. 1940 wurde er dann verlegt und ermordet. Dabei war Walter Hirt „vermutlich einfach ein bisschen langsamer“, wie Axel Huber von der Stadt Singen es ausdrückt. Huber hat damit begonnen, mehr über das Leben und Sterben von Opfern des Nationalsozialismus herauszufinden. Eigentlich arbeitet er für den Fachbereich Bauen, doch seit einer Recherche zur Theresienkapelle sei seine Neugier geweckt. Und die Liste der Opfer ist schon nach einigen Monaten Recherche lang: 155 Opfer habe er ermittelt, die zwangssterilisiert wurden. Dazu kommen 31 Opfer, die ermordet wurden. Sechs dieser Opfer soll nun mit Stolpersteinen gedacht werden.

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Manche Familien hätten gar nicht gewusst, dass unter ihren Vorfahren Betroffene waren, weil sie von den Behörden getäuscht worden seien, sagt Axel Huber. Die Mutter des kleinen Walter Hirts habe den Verlust aber nie verwunden. „Die Euthanasie-Ermordeten wurden nach und nach vergessen“, sagt Hans-Peter Storz. Mit Euthanasie ist nach griechischer Übersetzung ein guter Tod und oftmals Sterbehilfe gemeint, doch die Nazis missbrauchten den Begriff für ihre Morde an Menschen, die in ihren Augen nicht weiterleben sollten. Dazu zählten etwa Menschen mit Behinderung. Der Religionslehrer und SPD-Landtagsabgeordnete Storz ist ein Gründungsmitglied der örtlichen Stolperstein-Initiative. Und bei den Opfern von Zwangssterilisation habe man von außen ja nichts bemerkt von ihrem Leid.

Häufig gibt es nur kleine Hinweise auf Schicksale

Warum die Aufarbeitung so viele Jahre nach den Fällen noch andauert, können die beiden Männer rasch erklären: Erst 100 Jahre nach Geburt eines Menschen könne man Akten einsehen, sagt Huber. Manchmal sei es mit so viel Abstand auch einfacher, über so hochsensible Themen zu sprechen. Nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter sind inzwischen gestorben. In einigen Fällen gebe es außerdem kaum hilfreiche Unterlagen wie bei Josef Gesell aus der Zinkengasse. „Man braucht eine ganze Weile“, beschreibt Huber die Arbeit. Häufig würden nur kleine Hinweise auf ein Schicksal hindeuten. So würde er beispielsweise häufig dann nachhaken, wenn eine Person in einem gewissen Ort abgemeldet worden ist: Wenn jemand beispielsweise in Grafeneck im Kreis Reutlingen starb, liegt die Vermutung nahe, dass er in der dortigen Tötungsanstalt umkam. Doch die systematischen Krankenmorde der NS-Zeit fanden auch in der Region statt: Anna Schäuble wurde beispielsweise im Singener Krankenhaus zwangssterilisiert und starb nach der Operation.

Weitere Mitstreiter werden gesucht

Um solche Schicksale aufzuarbeiten, sucht die Initiative nach weiteren Mitstreitern. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt Hans-Peter Storz, denn die Biografien sollen ja auch gesichert sein. Es gelte zum Beispiel in Archiven zu stöbern und dann Elemente der Stadtgeschichten aufzuschreiben. Denn auch wenn die Karte der Stolperstein-Initiative schon viele verlegte Steine aufweist, gebe es immer noch viele Schicksale, die in Vergessenheit geraten sind.

Auch so eine Stolperstein-Verlegung mit Gunter Demnig braucht etwas Zeit: Etwa neun Monate vorher müsse man sich anmelden, damit der Gründer der Stolpersteine vorbei kommt. 1996 verlegte er seinen ersten Stolperstein, heute sind es laut Hans-Peter Storz über 75.000 in ganz Deutschland und 23 anderen europäischen Ländern. Storz hat schon einige Verlegungen mit Demnig erlebt und dankt auch dem Bauhof der Stadt, der die entsprechenden Stellen im Boden bereits vorbereite.