Eigentlich ist der Bodensee nicht ideal zum Windsurfen, denn es gibt wenig Wind. Deshalb kommen die meisten Windsurf-Sportler der Weltspitze aus Frankreich. Einer vom Bodensee, genauer aus dem Hegau, hat es dennoch geschafft: Sebastian Kördel aus Aach gehört zu den besten Windsurfern der Welt, wie er schon bei diversen Weltcups unter Beweis gestellt hat. „Ich bin da wirklich eine Ausnahme vom Bodensee“, sagt der 30-Jährige. Doch wenn er in seiner Heimat auf dem Wasser unterwegs ist, kassiert er auch irritierte Blicke. Denn so etwas haben viele noch nicht gesehen: Wenn Sebastian Kördel in seinem Element ist, sieht es aus, als ob er fliegt. Dann hebt sich das Bord übers Wasser, Windfoilen nennt man das. Eine recht neue Disziplin, die Kördel im Jahr 2024 auch bei Olympia in Paris zeigen möchte.

Sebastian Kördel startete im Mai bei den internationalen IQ Foil Games am Gardasee in Italien.
Sebastian Kördel startete im Mai bei den internationalen IQ Foil Games am Gardasee in Italien. | Bild: Martina Orsini

Eine junge, aber beliebte Disziplin: Windfoilen

Leicht, schnell und dynamisch will er übers Wasser gleiten, erzählt Sebastian Kördel. Bei ihm geht es nicht um Tricks und möglichst hohe Sprünge wie bei Surfern etwa auf Hawaii. Er muss auch nicht so gegen Wellen kämpfen wie ein normaler Windsurfer, auch wenn das seine Stamm-Disziplin ist. Beim Windfoilen geht es eher um Finesse, wie er sagt – und um Geschwindigkeit, schließlich fährt er Rennen. „Es braucht viel Erfahrung, denn das Board reagiert sehr fein – selbst bei der geringsten Gewichtsverlagerung“, erklärt der Profi-Sportler.

Vom Opti bis in die Weltrangliste: Windsurfen braucht Biss

Seine Karriere begann klassisch: Mit sechs Jahren habe er in einer Optimisten-Jolle angefangen, zu segeln. Da habe er Windsurfer gesehen und gesagt: „Das sieht cool aus, das möchte ich machen.“ Also machte er mit Unterstützung seines Vaters, fuhr mit zwölf Jahren sein erstes Rennen am Bodensee und wurde immer schneller, immer besser. Es brauche Biss, um beim Windsurfen zu bleiben: Anders als bei anderen Sportarten dauert es lange, bis das Wellenreiten Spaß mache. „Aber wenn man dranbleibt und nicht aufgibt, ist es der schönste Sport der Welt.“

Keine Angst vor Geschwindigkeit

Nach seinem Bachelor an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen widmet er sich Vollzeit seinem Sport – und entdeckt das Foil-Surfen für sich. Dabei ist unter dem Brett ein Mast mit kurzen Flügeln, der das Abheben übers Wasser erlaubt. „Ich wollte was Neues lernen und das Gefühl, übers Wasser zu fliegen, ist etwas Besonderes“, sagt Sebastian Kördel. Erst vor wenigen Jahren hätten sich die Foils zu dem entwickelt, wie sie heute sind – „und sie werden jedes Jahr schneller“. 40 Knoten seien damit kein Problem, das entspreche 74 Stundenkilometern. Noch sei normales Windsurfen teils schneller mit bis zu 53 Knoten, aber beim sogenannten Foilen könne man auch mit wenig Wind weit surfen.

Beim Überqueren des Bodensees vergangene Woche sieht es aus, als ob Sebastian Kördel fliegt. Windfoilen nennt man diese Disziplin des Windsurfens.
Beim Überqueren des Bodensees vergangene Woche sieht es aus, als ob Sebastian Kördel fliegt. Windfoilen nennt man diese Disziplin des Windsurfens. | Bild: Cedric Unger

Von Ludwigshafen nach Lindau und zurück – wäre da nicht der Wind

Deshalb suchte sich Sebastian Kördel auch am Bodensee eine Herausforderung, als er auf dem Rückweg von einem internationalen Wettbewerb, bei den IQ Foil Games am Gardasee war er auf dem vierten Platz der beste Deutsche, in der Heimat vorbeikam. Einmal von Ludwigshafen nach Lindau und zurück sollte es gehen. „Das wollte ich schon immer mal machen.“ Fünf Stunden und 150 Kilometer ist er gefahren – doch letztlich fehlten 1,5 Kilometer zur Lindauer Insel. „Ich konnte noch, der Wind aber nicht.“

Dennoch sei es eine krasse Erfahrung gewesen. Windsurfen bedeute auch, an Grenzen zu gehen: „Rennen über lange Distanzen tut immer weh, man muss Schmerz aushalten können.“ Denn das Wasser war in diesem Fall nur zehn Grad Celsius warm.

Bald startet er ins erste Worldcup-Rennen des Jahres

Bald soll es wieder in internationale Gewässer gehen. Normalerweise beginne die Saison in Südkorea, dann seien Rennen in Japan, Spanien, Frankreich, auf Fuerteventura, in Dänemark und auf Sylt. Doch auch hier machte Corona einen Strich durch die Rechnung, im vergangenen Jahr habe es kein Event gegeben. Nun geht es wieder los, am 19. Juni steht das erste Worldcup-Rennen des Jahres im Kalender. In Israel. „Einen Tag nach der Zusage flogen die Raketen“, sagt Kördel angesichts der angespannten Sicherheitslage dort.

Ungewöhnliche Situationen sind ihm nicht neu: Ungern erinnert er sich an ein Rennen in Turkmenistan, wo man einen Diktator beklatschen sollte. Umso schöner sei es auf den Azoren gewesen, wo die Einwohner die sportlichen Besucher wie beste Freunde empfingen.

Sebastian Kördel startete im Mai bei den internationalen IQ Foil Games am Gardasee in Italien.
Sebastian Kördel startete im Mai bei den internationalen IQ Foil Games am Gardasee in Italien. | Bild: Martina Orsini

Eine eingeschworene Gemeinde auf der ganzen Welt – trotz Konkurrenz

„Man kann Leute aus der ganzen Welt kennenlernen“, erzählt der 30-Jährige. Windsurfer seien eine eingeschworene Gemeinde – trotz harter Konkurrenz und viel Druck. „Natürlich würde ich einem anderen meinen Ersatz-Mast geben, wenn er ein Problem hat. Wir passen aufeinander auf. Und das bringt mir viel fürs Leben, das möchte ich nicht missen.“ Er selbst ist zwischenzeitlich in die weite Welt gezogen und wohnt auch in Tarifa am südlichsten Zipfel Spaniens. „Es ist einfach wunderschön dort und ich habe jeden Tag die besten Bedingungen zum Windsurfen.“

Trotz Weltspitze kein Millionär: Und wie lebt es sich als Profi-Sportler?

Sebastian Kördel ist selbstständig – selbst und ständig, wie er sagt. Seine Sport-Karriere finanziert er sich mit Sponsoren und Preisgeldern. Im Perspektiv-Kader für Olympia gebe es außerdem eine Unterstützung der Deutschen Sporthilfe. „Das reicht nicht mal ganz für die Miete, aber es hilft.“ Von Spitzengehältern eines Fußballers sei er meilenweit entfernt. Doch der 30-Jährige hadert nicht damit: „Ich lieb‘s absolut, Sachen für mich machen zu können. Aber es ist auch ein hoher Druck.“ Damit müsse man gut umgehen können und beständig Leistung bringen.

Anders als beispielsweise Profi-Fußballer hat er mit 30 Jahren aber noch viele sportliche Jahre vor sich. „Erfahrung macht die Leute schnell und manche sind noch mit 46 Jahren an der Weltspitze. Da ist noch Luft nach oben, auch mit 30“, erklärt er. Sein Plan? Erstmal Olympia 2024. Im Jahr 2023 soll feststehen, ob er dort starten kann.