Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs gibt es immer weniger. Der Singener Ehrenbürger Willi Waibel ist einer von ihnen. 1934 geboren, erlebte er als Kind in Singen die Schrecken der Kriegsjahre, darunter auch die Bombenangriffe an Weihnachten 1944 und im Frühjahr 1945. Diese Erfahrungen sensibilisierten ihn für die Themen Flucht und Asyl.

Buchtitel: Warte auf mich, Babuschka!

Sein besonderes Interesse galt dabei insbesondere den Zwangsarbeitern aus der ehemaligen Sowjetunion, die in den großen Singener Betrieben eingesetzt wurden. Durch jahrzehntelange intensive Recherchen konnte er viele von ihnen persönlich treffen, teils sogar nach Singen einladen. Aus diesen Gesprächen entstand die Erzählung „Warte auf mich, Babuschka!“. Auch wenn die Geschichte der jungen Ukrainerin Ludmilla fiktiv ist, hätte sie sich genau so ereignen können.

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Der 88-Jährige erzählte in der kleinen Theresienkapelle in der Singener Fittingstraße in einer bewegenden Lesung Ludmillas Erlebnisse. Und welcher Ort passte hierfür besser als die 1946/1947 von deutschen Kriegsgefangenen erbaute und einzige erhaltene Lagerkapelle in Deutschland? Waibel zeichnete den Weg der jungen Ukrainerin von ihrem kleinen Dorf am Fluss Dnepr ins Zwangslager in Singen nach, ihr Leben als Zwangsarbeiterin in einem Singener Rüstungsbetrieb und letztlich ihre Rückkehr in die Heimat. Dabei war es ihm wichtig aufzuzeigen, dass es bei aller Grausamkeit und Schrecken auch Erfahrungen von Nächstenliebe gab.

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So wie Waibel selbst zu Kriegszeiten kurzzeitig Schutz im schweizerischen Ramsen fand, so gibt es auch in seiner Erzählung nicht nur Wölfe, sondern auch Schafe, wie er sie nennt. Sei es der deutsche Offizier, der Ludmillas krankem Bruder hilft, oder der deutsche Kollege aus der Fabrik, der Ludmilla verbotenerweise zu Weihnachten zu seiner Familie einlädt. Mit seiner Geschichte möchte Waibel das Gespür schärfen für die Schafe und zugleich auf die Wölfe aufmerksam machen, die Angst und Schrecken verbreiten. „Frieden schätzt man leider erst, wenn er in Gefahr ist, wenn er schwindet.“ Dieser Satz aus dem Vorwort zu Waibels Erzählung ist leider so aktuell wie lange nicht mehr.