Herr Eisermann, im Emil-Sräga-Haus gab es ein Betretungsverbot. Wie hat sich das im Heimalltag geäußert? Welche Szenen tauchen da als erstes vor Ihrem inneren Auge auf?

Ja, das Haus durfte nur noch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreten werden. Wir haben viel unternommen, damit Bewohner und Angehörige kommunizieren können. Ich denke da an eine Heimbewohnerin, der ich das Handy ans Ohr gehalten habe, damit sie dennoch mit ihrer Tochter telefonieren konnte. Aber sie hat gar nicht verstanden, was sie machen soll. Ein andermal haben Heimbewohner und Angehörige über Bildtelefonie kommuniziert. Der alte Herr hat aus dem Fenster geschaut, weil er das Bild auf dem Bildschirm nicht einordnen konnte – und die Angehörige auf dem Bildschirm hat geweint. Solche Szenen waren herzzerreißend. Täglich habe ich rund 20 Anrufe von Angehörigen bekommen, die mich gefragt haben: „Wann wird es wieder anders?“ Eine Bewohnerin sagte: „Mit einer Wirtschaftskrise hätte ich gerechnet. Mit so etwas nicht.“

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Ihr Haus war – wie andere auch – für alle geschlossen, die nicht im Heim arbeiten. Wie erging es Ihnen, als Sie Ihr Pfegeheim geschlossen haben?

Es war für mich ein Dilemma. Wir haben wohl zu den ersten Einrichtungen gehört, die das Heim geschlossen haben. Es tat mir weh, als eine Heimbewohnerin mit Tränen in den Augen klagte: „Ich darf meine Enkel nicht sehen.“ Gleichzeitig gehört diese Frau aber zur Risikogruppe und wusste, dass sie vor dem Virus geschützt werden muss. Die alte Generation hat schon so viel Schweres erlebt. Ich finde es schlimm, dass sie jetzt nicht mal mehr ihre Freunde, Kinder und Enkel sehen konnten, sondern abgeschottet werden mussten.

Die Bewohner konnten phasenweise keinen Besuch bekommen. Gab es Maßnahmen, um diese Kontaktsperre ein wenig abzufedern?

Selbstverständlich. Ich habe ja schon erzählt, dass wir Kommunikation per Telefon und Bildschirm unterstützt haben. Unser Personal hat zudem versucht, noch mehr als sonst für die Bewohner da zu sein. Das aber war schwierig, denn durch die dünne Personaldecke sind die Pflegekräfte schon mit den normalen Alltagsaufgaben ausgelastet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den letzten Monaten noch mehr zu Bezugspersonen geworden. Das hat alles unheimlich viel Kraft gekostet. Anfangs sind die Besucher in den Garten gekommen und das Personal hat die Bewohner auf den Balkon gebracht. So konnten sie mit Abstand sprechen. Später gab es die Möglichkeit, dass sie sich in einem speziellen Raum mit Abstand und Mundschutz besuchen konnten.

Die Maßnahmen rund um das Corona-Virus verändern auch im Pflegeheim viele Arbeitsabläufe. Dominik Eisermann, Heimleiter des Emil-Sräga-Hauses Singen, erzählt im Interview von dementen Bewohnern, die es überfordert hat, Abstand zum Ehepartner zu halten. Er berichtet, wie er Desinfektionsmittel selber mischen musste – und wie sich seine Rolle als Heimleiter in der Zeit rund um Corona verändert hat..
Die Maßnahmen rund um das Corona-Virus verändern auch im Pflegeheim viele Arbeitsabläufe. Dominik Eisermann, Heimleiter des Emil-Sräga-Hauses Singen, erzählt im Interview von dementen Bewohnern, die es überfordert hat, Abstand zum Ehepartner zu halten. Er berichtet, wie er Desinfektionsmittel selber mischen musste – und wie sich seine Rolle als Heimleiter in der Zeit rund um Corona verändert hat.. | Bild: Uli Zeller

Sprechen mit Abstand und Mundschutz. Ist das bei Menschen, die im Pflegeheim wohnen, nicht besonders schwierig?

Natürlich ist das alles sehr schwierig bei alten Menschen, die zum Teil schlecht hören, dement sind – oder solchen, die vor allem durch Berührung angesprochen werden. In dieser Zeit waren wir als Leitungskräfte auch sehr damit beschäftigt, die Besuche zu koordinieren und auf die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften zu achten. Das konnte leider auch bedeuten, dass ich mal eine Ehefrau davon abhalten musste, ihren Mann zu umarmen. Schrecklich! Manchmal hatte ich fast ein bisschen den Eindruck, dass ich Türsteher statt Heimleiter bin.

Sind inzwischen wieder Besuche im Haus möglich?

Ja. mit Eintragung auf einer Liste, Abstand, Mundschutz und Zeitbegrenzung. Ohne Aufenthalt im Wohnbereich, nur in den Bewohnerzimmern. Das wiederum bringt mich auch wieder in Konflikte. Denn jetzt kann niemand mehr kontrollieren, ob der Mundschutz beim Besuch im Bewohnerzimmer getragen und der Abstand eingehalten wird. Ich bin dauernd unter Anspannung, ob nicht durch Leichtsinn die Krankheit ins Haus gebracht wird.

Dürfen sich die Bewohner aus verschiedenen Wohnbereichen treffen?

Das war tatsächlich auch so ein Problem. Auch zwischen Bewohnern verschiedener Wohnbereiche gibt es Freundschaften. Besuche zwischen verschiedenen Wohnbereichen waren in den letzten Wochen auch nicht möglich. Jetzt geht das wieder. Neulich gab es wieder einen ersten Kaffeenachmittag für die Bewohner. Mit anderthalb Meter Abstand natürlich. Die Veranstaltung war spektakulär. Die Senioren wollten einfach nicht mehr gehen – sondern sind zusammen gesessen und haben erzählt und erzählt und erzählt. Das hat ihnen richtig gefehlt in den letzten Monaten.

Mundschutze liegen für die Besucher des Emil-Sräga-Hauses bereit. Das Betretungsverbot wurde inzwischen gelockert und Bewohner dürfen von Angehörigen wieder im Zimmer besuchen. Die Frage, ob die Mundschutze dabei auch wirklich korrekt getragen werden und ob der Sicherheitsabstand eingehalten wird, bereitet Heimleiter Dominik Eisermann Sorgen. Eine weitere Sorge ist, dass Rückkehrer aus dem Urlaub, etwa vom Balkan, das Virus ins Haus tragen könnten.
Mundschutze liegen für die Besucher des Emil-Sräga-Hauses bereit. Das Betretungsverbot wurde inzwischen gelockert und Bewohner dürfen von Angehörigen wieder im Zimmer besuchen. Die Frage, ob die Mundschutze dabei auch wirklich korrekt getragen werden und ob der Sicherheitsabstand eingehalten wird, bereitet Heimleiter Dominik Eisermann Sorgen. Eine weitere Sorge ist, dass Rückkehrer aus dem Urlaub, etwa vom Balkan, das Virus ins Haus tragen könnten. | Bild: Uli Zeller

Sie haben von Ihrer Rolle als Heimleiter gesprochen. Wie haben Sie sich während der letzten Monate gefühlt?

Es ist, als wenn ein Gewitter von allen Seiten auf einen einbrechen würde – und man kann gar nicht so schnell reagieren. Der Aufzug ist kaputt, aber der Monteur darf nicht ins Haus. Die Angst ist da, dass das Personal das Virus ins Haus mitbringt. Dann die psychische Situation der Bewohner. Personal meldet sich krank und wir müssen den Dienstplan irgendwie abdecken. Und nebenher noch die normalen Leitungsaufgaben. Ein Gefühl, wie wenn es durchs Dach regnet – und man ist nur noch damit beschäftigt, Eimer hinzustellen.

Wie war die Situation für die Leitungskräfte?

Täglich kamen fünf oder sechs Mails mit aktuellen Änderungen rund um Corona. Es ging für uns auch um existenzielle Fragen. Zum Beispiel: Was tun wir, wenn uns die Handschuhe ausgehen – in der Pflege wäre das der Supergau. Als wir kein Desinfektionsmittel mehr bekommen haben, sahen wir uns dazu gezwungen, selber welches zu mischen. Und dies, obwohl wir keine Lizenz zum Selbermischen hatten. Von Seiten der Behörden war Unsicherheit zu spüren. Auch sie waren mit der Situation überfordert. Obwohl ich betonen muss, dass wirklich alle Mitarbeiter von unterschiedlichsten Ämtern und Stellen sehr hilfsbereit waren.

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Fragen: Uli Zeller