Silvia Yakova kann gut nachvollziehen, welche Probleme Familien mit Migrationshintergrund mit dem Fernunterricht haben. Sie kommt aus Bulgarien und hilft ehrenamtlich beim Verein Kinderchancen. Der Fernunterricht ist auch für sie eine Herausforderung, obwohl sie gut deutsch spricht. Die beiden Kinder sieben und neun Jahre gehen auf eine Grundschule. Sie hat ihre eigene berufliche Entwicklung erstmal auf Eis gelegt, um den Kindern eine Lehrerin zu sein: „Ich träume nachts von Akkusativ und Genitiv.“

In vielen ausländischen Familien werde zu Hause ausschließlich die Muttersprache gesprochen, weiß sie. Die Eltern verstehen die Aufgaben nicht. Sie könnten nicht helfen, wo Hilfe nötig ist. Die Kinder hätten Monate lang keine Kontakte zu anderen Kindern und so keinerlei Übung mehr im Deutschen. Außerdem hätten die Kinder keinerlei Abwechslung, oft lebten sie in beengten Verhältnissen und konnten im Winter nicht raus. Manche Eltern haben ihre Arbeit verloren. Alle sitzen zu Hause, da seien Stress und Streit vorprogrammiert.

Viele Familien sind verzweifelt

Die vier Mitarbeiterinnen des Vereins Kinderchancen in der Singener Südstadt kennen die Probleme von finanziell benachteiligten Familien. „Viele Familien sind verzweifelt und resigniert. Das Paket, das sie zu tragen haben, wird größer“, berichtet Agnes Hügle, die „Frühe Hilfen für Jenische und Sinti Familien“ anbietet. Es fehle an der technischen Ausstattung wie Laptops oder Drucker, oft haben die Familien kein W-Lan und können so nicht am Online-Unterricht teilnehmen. Aufgrund der Corona-Einschränkungen können die Mitarbeiterinnen derzeit aber nur bedingt Hilfe leisten. „Wir sind trotzdem immer erreichbar. Aber viele Angebote, wie zum Beispiel die KISS-Projekt (Kunst in Singen Süd) im Südstadttreff, können wir nicht anbieten“, erklärt Bettina Fehrenbach, Geschäftsführerin des Vereins. Als weiteres Angebot nennt sie das gesunde Frühstück, das während des Lockdowns nur an die Kinder in der Notbetreuung geliefert wird. Das kostenlose Frühstücks-Angebot zwei Mal die Woche verhilft Kindern, die oft ohne Essen in die Schule oder in den Kindergarten kommen, zu einem guten Start in den Tag. Außerdem können bei der Beratungsstelle „Frühe Hilfen“ weiterhin telefonisch Termine vereinbart werden.

Mit der KiJu-Karte kostenlos Bus fahren

Alexandra Guldin betreut das Projekt KiJu-Karte, das die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unabhängig vom Einkommen zum Ziel hat. Die Karte wurde vom Verein Kinderchancen und der Stadt Singen 2019 ins Leben gerufen. Sie ermöglicht es Kindern und Jugendlichen aus finanziell benachteiligten Familien, an vielen Angeboten aus Kultur, Sport, Musik, Freizeit und Bildung mit über 70 Kooperationspartnern teilzunehmen. Auch wenn viele der Angebote derzeit nicht genutzt werden können, lohnt es sich dennoch, die KiJu-Karte an einer der zahlreichen Ausgabestellen für das Jahr 2021 zu beantragen, da es inzwischen einige Angebote gibt, die online zur Verfügung stehen. Zudem kann der Singener Stadtbus mit der KiJu-Karte werktags ab 14 Uhr sowie an Wochenenden und in den Ferien kostenlos genutzt werden. Im Aufbau ist das Projekt Schulguides, bei dem Eltern dafür gewonnen werden sollen, als Vermittler zwischen Schule und Eltern aufzutreten.

Familien vernetzen und stärken

Die kostenlosen Angebote des Vereins seien für die Kinder und Eltern unschätzbar wichtig, so die Geschäftsführerin. Den Kindern eine Teilhabe-Chance an außerschulischer Bildung zu geben, hat sich der Verein zur Aufgabe gemacht. Zudem können die Mitarbeiterinnen über die Angebote Kontakt zu den Familien bekommen, um sie zu vernetzen und zu stärken. Bei den kreativen Projekten komme man in einer entspannten Atmosphäre ins Gespräch. Die Mitarbeiterinnen können Eltern beim Abholen direkt auf Hilfsangebote aufmerksam machen, berichtet Daniela Allweier. Auch derzeit können die Familien am Südstadttreff vorbeikommen. Die Kleiderbörse ist draußen, unter Einhaltung der Hygiene-Regeln, zugänglich und die Tür steht für Anfragen offen. „Oft streckt ein Besucher einfach den Kopf rein und man tauscht sich kurz aus“, erzählt Allweier, wie sie den Kontakt zu den Menschen im Quartier aufrecht hält. Bei der Beratungsstelle der „Frühen Hilfen“ können weiterhin telefonisch Termine vereinbart werden.

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Die vier Mitarbeiterinnen warten nur darauf, wieder voll loslegen zu können. Die Hilfe werde auch bitter nötig sein, sagt Bettina Fehrenbach: „Wir werden erst nach dem Lockdown die Probleme wirklich sehen und der Bedarf an Hilfe wird groß sein.“ Sie hofft, dass ihre Hilfe weiterhin möglich ist. Sie fürchtet, dass nach Corona Städte, Bund und Länder weniger Geld haben, um soziale Projekte zu finanzieren.

Wie der Verein Kinderchancen entstanden ist und seine Ziele

Der Verein: Kinderchancen ist ein Zusammenschluss von sozialen Initiativen und Verbänden, Schulen und Kindertagesstätten, der Stadt Singen, Unternehmen und engagierte Personen. Sie wollen die Situation von Kindern in Singen nachhaltig verbessern, Kinderarmut bekämpfen und bestehende Angebote besser vernetzen. Vorsitzender ist Wolfgang Heintschel, Geschäftsführer der Caritas Singen-Hegau, sein Stellvertreter ist Udo Engelhardt, Vorsitzender des Tafel-Vereins, einer der Beisitzer ist OB Bernd Häusler.

Die Projekte: Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, dass kein Kind verloren gehen soll und will Präventionsketten entwickeln. Kooperationsprojekte des Vereins sind das gesunde Frühstück, Stark im Süden, Stadtteilschulen, Singener Wegweiser, KiJu-Karte, KISS, Südstadttreff, Fahrradprojekt Velofit und die Beratungsstelle „Frühe Hilfen“. Kinderchancen erreicht mit seinen Projekten über 700 Kinder und betreut rund 30 Familien über einen längeren Zeitraum.

Spenden: Der Verein ist dankbar über Spenden, zum Beispiel auch für die Schulranzen-Aktion, bei der Erstklässler aus finanziell benachteiligten Familien einen Schulranzen bekommen, damit sie gleichwertig ins Schulleben starten können. Auch Zeitspenden, zum Beispiel im Bereich der Lernhilfe, sind willkommen. Spenden unter: Kinderchancen Singen e.V.; Volksbank eG, IBAN: DE86 6649 0000 0038 0038 01