Im Wettbewerb mit den Nachbarstädten Engen, Radolfzell, Stockach und Schaffhausen mag Singen als junge Stadt gelten. Reichlich Geschichte bringt die Ortschaft am Fuße des Hohentwiel dennoch mit: Die Römer waren da und haben ihre Spuren hinterlassen, in wenigen Jahren gilt es das 125-jährige Stadtjubiläum zu feiern und kurz darauf kann an 1250 Jahre Singen erinnert werden. So lange ist es her, dass Singen anno 787 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Jahrtausende Historie

Dabei haben schon viel länger Menschen am Aachufer eine Heimat gefunden. In den 1950er Jahren wurde gar ein großes frühbronzezeitliches Gräberfeld entdeckt. Damit ist Leben im Hegau bereits seit über 4000 Jahren nachweisbar. Also reichlich Raum für Geschichte und Geschichten. „Es gibt viel zu erzählen“, sagt Dina Roos, die als schwäbische Herzogin Hadwig künftig Interessierte aus Nah und Fern auf historischen Pfaden durch die Stadt führen will. Singener Theatergänger kennen die Künstlerin vom ein oder anderen Auftritt in der Färbe, jetzt lockt es sie auf die größte Bühne in der Stadt – die Straßen und Gassen der City.

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Eine der Mitinitiatorinnen ist Sonia Joudi. Als Geschäftsführerin des Hostels Art and Style an der Friedinger Straße und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Tourismus in Singen (TIS) ist ihr deshalb eines schon länger klar: „Eine Stadtführung fehlt der Stadt noch.“ Zwar bietet ein historischer Stadtpfad seit den späten 1980er Jahren die Möglichkeit, in Eigeninitiative auf den Wegen der Geschichte durch die Straßen der Stadt zu wandeln.

Besucher durch die Stadt führen

Doch eines hat bisher in der Tat gefehlt: Historische Stadtführungen, mit denen die Nachbarn nicht nur in Engen gute Erfahrungen gesammelt haben, hat es in Singen bislang nicht gegeben. Roos hat auf Anfrage der Tourismusinitiative Singen ein Konzept entwickelt, um Besuchern die Stadt und ihre Geschichte ohne Langeweile näher zu bringen. „Immer wieder sind Schulklassen in Singen zu Gast und da kommt dann auch öfter die Nachfrage nach einer Stadtführung“, erläutert der TIS-Vorsitzende Markus Bumiller die Entstehungsgeschichte der touristische Initiative.

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Die TIS ist ein Zusammenschluss verschiedener Touristiker aus Singen und Umgebung, um touristische Themen zu unterstützen, zu konzipieren und umzusetzen. Dabei soll es um Programme, Aktivitäten und Angebote sowie deren Entwicklung in Singen und für den Hegau bis zum Untersee gehen. „Der Verein soll Projekte und Beiträge zu einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Entwicklung im Bereich des Tourismus- und Ökotourismus fördern“, so Bumiller. Für ihn ist klar, dass der Hegau noch reichlich Raum für touristische Entwicklung biete. Genau dies gelte es künftig mit den Zuständigen aus dem Kulturbüro der Stadtverwaltung auszubauen. Dabei sieht er einen Schwerpunkt auf den Möglichkeiten touristischer Erlebnisse für die ganze Familie. Neben den zahlreichen Strecken für Radtourismus gehöre dazu eben auch das Erleben der Stadt Singen über den reinen Einkaufsbummel hinaus.

Zwischen Ampel und Automobil

Stadtführerin Dina Roos hat die historische Stadtführung selbst entwickelt: „Die Hadwig kennt ja die moderne Stadt nicht“, erläutert sie den dramaturgischen Ansatz und genau dies macht sie zum Spielball der Interaktion. Die Herzogin lässt sich dann mal eben erklären, was es mit den roten und grünen Leuchten am Straßenrand auf sich hat – oder wieso die Kutschen plötzlich ohne Pferde unterwegs sind. Zu Hadwigs Zeiten rund um die erste Jahrtausendwende war das gewiss noch kein Thema. Aber der Kniff funktioniert: „Das kommt gut an“, hat sie nach den ersten Stadtführungen bereits erlebt.

„Unser Ziel war es, die Führung so lebendig wie möglich zu gestalten“, ergänzt Bumiller. Rund 90 Minuten dauert so ein Gang durch die Innenstadt und neben den historischen Figuren aus Scheffels Beststeller des 19. Jahrhunderts kommen auch Orte der jüngeren Stadtgeschichte zur Sprache – von der Scheffelbrücke bis zur Singener Gems und vom Rathaus bis zur Stadthalle. Dabei führen die historischen Pfade die Teilnehmer ebenso aus dem Dorf in die Stadt, wie von Kriegs- zu Friedenszeiten. Gero Hellmuths Darstellung des Dichters Viktor von Scheffel im Stadtpark ist natürlich auch eine Station. Dabei ist Dina Roos nicht nur in ihrer Rolle als Hadwig überzeugt, dass eben so eine Skulptur von der Herzogin noch fehle. Platz sei ja genug im Singener Stadtgarten.

Schauspielerin Dina Roos ist nicht nur in ihrer Rolle als Hadwig überzeugt, dass so eine Skulptur wie Gero Hellmuths Scheffel von der ...
Schauspielerin Dina Roos ist nicht nur in ihrer Rolle als Hadwig überzeugt, dass so eine Skulptur wie Gero Hellmuths Scheffel von der Herzogin noch fehle. Platz sei ja genug im Singener Stadtgarten. | Bild: Tesche, Sabine

Letztlich gehe es bei der Initiative darum, attraktive Angebote jenseits der Sommermonate zu etablieren, um die touristische Saison als Wirtschaftsfaktor zu stärken. Dass dabei gerade Schülern aus ganz Deutschland eine Schlüsselrolle zukomme, sei kein Zufall. „Das sind die Gäste der Zukunft“, sagt Bumiller. Der touristische Erfahrungsschatz lehre, dass die Urlaubsziele der Jugendzeit auch im Erwachsenenalter Bedeutung behalten.

Und gleich nach Weihnachten planen die TIS-Initiatoren eine Bürgerführung für alle Interessierten aus Singen selbst und den Umlandgemeinden.

Mit Scheffels Figuren durch die Stadt

  • Der Mönch Ekkehard, der sowohl Ekkehardstraße wie auch -Schule seinen Namen gab, kam in Scheffels Roman als Mönch von St Gallen auf den Hohentwiel. Die Ekkehardstraße führt vom Rathaus bis zur Ringtankstelle als Bundesstraße einmal quer durch die Innenstadt.
  • Hadwig, die verwitwete Herzogin von Schwaben, ist Namensgeberin der Hadwigstraße, die von der Scheffelstraße zur Herz-Jesu-Kirche führt. Sie hat den Mönch aus St. Gallenm als Lehrer auf die Hegauburg rufen lassen und entbrennt in Scheffels Bestseller-Roman in Liebe zu ihm.
  • Der Praxedis-Platz ist Hadwigs engster Vertrauten gewidmet. Joseph Viktor von Scheffel beschreibt sie als dunkeläugige Griechin. Der Platz liegt im Zentrum weiterer Straßen, deren Namen dem Roman Ekkehard entlehnt sind direkt an der östlichen Bahnunterführung Richtung Südstadt an der Kreuzung von Bahnhof- und Romeiasstraße.
  • Torwächter Romeias war – wie Scheffel schreibt – ein Mann von ungeschliffener Lebensart. Die ihm gewidmete Romeiasstraße führt von der Ekkehardstraße über den Praxedisplatz zur Bahnunterführung.
  • Hadumoth und Audifax waren zwei Hirtenkinder im Dienste der Herzogin. Als der Junge Audifax von den Hunnen verschleppt wird zieht das Mädchen Hadumoth den Rhein hinauf und befreit Audifax aus dem Hunnenlager. Nach der Rückkehr gewährt die Herzogin ihnen die Freiheit. Audifax, welcher einen großen Goldschatz aus dem Hunnenlager mitgebracht hat, lernt die Goldschmiedekunst und zieht nach Konstanz. Er heiratet seine Gefährtin Hadumoth, die Herzogin wird Taufpatin des ersten Sohnes. Ihre Straßen verlaufen parallel von der Romeias- zur Kreuzensteinstraße.
  • Spazzo war der Kämmerer auf der Burg und nach Scheffel wohlbeleibt. Die Spazzostraße führt vom Praxedisplatz zur Aluminiumstraße im im Wohngebiet Oberzellerhau
  • Der Hunne Cappan wurde von Kämmerer Spazzo auf den Hohentwiel gebracht, nachdem er ihn im Kampf vor dem Tode bewahrt hat. Sein Antlitz sei sehr häßlich gewesen. Die Cappanstraße führt von der Holzeckstraße Richtung Praxedisplatz. (bie)

Anmeldung zur Bürgerführung am Montag, 27. Dezember, um 15 Uhr per E-Mail an: http://info@tourismus-in-singen.de